metropolenherz 09.07.2012, 19:07 Uhr 2 2

Tief in unseren Augenringen steht doch alles, was wir wissen müssen, mein Herz.

Ich habe geahnt, dass es sich nur um eine Zeitbombe handelt, deren ticken wir nicht mehr überhören konnten.

„Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr.“

„Ich weiß.“


Da sitzen nur noch wir beide. Sie ist wütend gegangen, konnte mit der Situation nicht umgehen.


Wie oft dein Vater verheiratet war, kann man nicht an einer Hand abzählen. Nun lebt er allein, niemand in Aussicht. Unfähig mit irgendeinem Menschen zusammen zu leben, denn irgendwann kann man keine Kompromisse mehr eingehen. Verfangen im jahrelangen gleichen Trott. Er lebt sein dekadentes Leben und wirft alle aus diesem raus, die nicht in sein Bild passen. Probleme – was war das noch gleich?

Wie oft deine Mutter sich in fremde Leben eingemischt hat, kann man nicht an einer Hand abzählen. Nun lebt sie allein, niemand hält es lange mit ihr aus. Kontrollwahn, Messi, notorische Langeweile. In ihrer Wohnungen liegen wirr unzählige Zeitungen, alle in fünf verschiedenen Farben bunt markiert. Sie redet viel, hat auch sonst keinen, der zuhört. Zu Weihnachten verschenkt sie Wäscheklammern, Badelatschen und Schuheinlagen.


Ich habe dich nie weinen sehen, du hast nie gelernt deine Gefühle zu zeigen. Deine Eltern waren viel zu sehr mit sich beschäftigt und vor seinen Kumpels weint man nicht. Du schluckst alles immer nur runter, meist mit zu viel Bier und Whiskey. Mit ihr hältst du es nicht aus. Sie ist über die Jahre dicker geworden, sie hat keine Freunde mehr, sie hat keine Arbeit. Du bist ihr Mittelpunkt und alles, was sie will, ist dass du ihr zeigst, wie du sie liebst. Aber das kannst du nicht, du kannst ihr deine Gefühle nicht zeigen. Du setzt dich auf dein Fahrrad, fährst hunderte Kilometer, mit 30 Kilometer pro Stunde fährst du vor deinen Gefühlen davon. Kopf frei bekommen.


Ich habe geahnt, dass es keine gute Idee ist, sich zu dritt an diesen Tisch zu setzen. Sich etwas zu essen zu bestellen, als wäre nichts passiert. Ich habe geahnt, dass es sich nur um eine Zeitbombe handelt, deren ticken wir nicht mehr überhören konnten.


„Was ist mit dir, wie hast du dir das gedacht?“, fragt sie.

„Ich bin jetzt erwachsen, ich werde ausziehen.“

„Und du, was willst du machen?“, fragt sie.


Mit voller Wucht geht die Bombe hoch: „Ich gehe auch.“


Wir haben uns immer gut verstanden, aber über Gefühle geredet haben wir nie. Nun sitzen wir da, du liegst mir weinend in den Armen und erzählst mir, wie kraftlos du seist und wie leid es dir täte. Du sagst, du hättest mich so lieb, aber du kannst nicht mehr. Wir bleiben drei Stunden sitzen und erzählen so offen, wie wir es all die Jahre zuvor nicht konnten.


Ich verstehe dich und alles, was ich will, ist dass du glücklich bist, Papa.  

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2 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Tief in unseren Augenringen steht doch alles, was wir wissen müssen, mein Herz.


    tolles zitat, toller text.

    02.08.2012, 12:19 von jo_flow
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  • 1

    macht kloß in kehle
    erinnert an eigenes erleben
    nicht so, aber anders ähnlich

    31.07.2012, 17:33 von sommer-haus
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