the ghost of utopia
Ich weiß, dass ich das mit dem parataktischen Satzbau zu Anfang übertrieben und Kommas ignoriert habe, danke trotzdem.
Es ist früh am Morgen. Zwischen sechs und sieben wenn ich mich nicht irre und es ist brühend heiß. Die Nacht hat die Wüste nicht im geringsten abgekühlt. Es ist kein Wölkchen am Himmel. Gottverdammt selbst die Kanäle müssen ausgetrocknet sein.
Mein Wagen fährt sich unangenehm träge, der Asphalt wird weich sein. Ich lenke herüber und halte kurz vor einer Kreuzung, in der Ferne flimmert die Innenstadt, ich kann es von hier aus sehen. Im Rückspiegel liegt nichts als verbrannter Sand.
Umständlich stoße ich die Fahrertür auf und trete mit den nackten Füßen direkt in Lava. Ich befürchte schon, dass sich der Teer in meine Fußsohlen eingebrannt hat während ich auf den Bürgersteig zutripple. Zumindest liegt der im Schatten.
Eben frage ich mich ob bereits irgendein Laden aufhat, in dem ich frühstücken kann, den Alkohol und den Staub abwaschen und einen Energizer hinunterkippen, als ein Typ in rotem Cowboyshirt eine Glastür an einer Klingel vorbeidrückt. Er läuft o-beinig die Straße hinunter und wird zu einem roten Flimmern, wie ein Stoppschild oder eine Ampel. Ich bewege mich auf die Tür zu, langsam und wankend. Dort angekommen ziehe ich sie an mich heran und werde von einer surrenden Klimaanlage begrüßt. Sofort fährt mir ein eisiger Schauer den schweißnassen Nacken hinunter. Ich umarme das kühle Innere des Diners und schwebe zu einem Stehtisch herüber, der direkt vor der riesigen Glasfassade aufgebaut ist. Das Restaurant ist beinahe leer. Irgendwo weit weg beschwert sich eine Thekenkraft über mieses Trinkgeld und einige Leute brabbeln etwas auf mexikanisch. Die Geräuschkulisse ist tunnelförmig und der Tunnel ist gut isoliert. Isoliert wie das ganze Ambiente. Still starre ich auf die kochende Straße hinaus. Nicht eine Seele ist zu sehen, dafür ein oder zwei Typen in Anzügen.
Fast habe ich das Gefühl, dass nur meine unmittelbare Umgebung besteht, der Rest verglüht im unbarmherzigen Schein der mojaven Sonne.
Ich hebe meinen Arm um das Menu heranzuziehen und bemerke ein widerliches Schmatzen unter meiner Achsel. Ich bin vollkommen durchnässt von Bier und Schweiß. Mein Shirt klebt an meinem Rücken während stöße eiskalter Luft darüber hinwegfegen. Das laminierte Papier der Karte klebt an meinen feuchten Fingerspitzen wie warmer Käse und ich wundere mich, dass es nicht ebensolche Streifen zieht als ich es aus dem Kartenhalter ziehe.
Das Angebot ist ernüchternd, nicht einmal Wasser steht auf der Karte. Es gibt Kaffee und angeblich frisch gepressten Orangensaft, wo zum Teufel sollen die hier Orangen hernehmen? Ich glaube nicht an Importeure, das Zeug schimmelt wochenlang in schlecht gekühlten Trucks rum, bis es an irgendeiner Spelunke abgeladen wird, die ihr Publikum wie Kompost behandelt.
Als eine Kellnerin Anstalten macht meine Bestellung aufzunehmen gerate ich in leichte Hektik. Schnell blättere ich die Karte durch und finde einen Frühstücksteller mit Eiern und Speck, genau das Richtige. Die Kellnerin sieht verbraucht aus, trotzdem scheint sie nicht einmal halb so alt zu sein wie ich. Ihre Augen sind nicht blutunterlaufen oder mit Tränensäcken beladen, es sind zwei ausdruckslose Streifen. Das sieht viel schlimmer aus als alles was ich je gesehen habe. Sie fragt mit einer Stimme nach meiner Bestellung als würde sie jeden Moment anfangen zu heulen. Sie tut mir leid aber ich kann nichts tun, ich bestelle den Frühstücksteller "Mclee", dazu einen Kaffee und frage nach einem Glas Leitungswasser. Sie runzelt die Stirn und sieht aus als würde selbst der Tod ihrer besten Freundin spurlos an ihr vorüberziehen. Nachdem sich meine Frage nicht als Witz entpuppt dreht sie sich jedoch um und verschwindet hinter einer Trennwand jenseits der Theke.
Meine Kehle schmerzt als hätte ich letzte Nacht Sand erbrochen. Alles ist trocken bis auf meinen Nacken, der ist klitschnass. Ich brauche dringend etwas Wasser. Weil scheinbar niemand für solche Anliegen zuständig ist mache ich mich selbst auf die Suche nach dem WC. Ich entdecke eine abgeschabte Tür mit Eisenfuß auf der "Restrum" geschrieben steht. Nicht ganz überzeugt schiebe ich die knarrende Tür auf. Die Toilette ist nichts als ein winziger Raum mit einer Schüssel und einem angelaufenen Waschbecken, es gibt nichtmal einen Spiegel. Als ich den Lichtschalter hinunterdrücke erwarte ich fasst eine nackte Glühbirne aufflackern zu sehen. Stattdessen erleuchtet eine karge Neonröhre, die blaues Licht aussendet. Ich trete in das kleine Verlies hinein, schließe die Tür und klappe erst einmal den Deckel hoch. Während ich einen unangenehm brennenden Strahl loslasse sehe ich auf dem Boden des Plumpsklos einige zerkneulte Plastikkügelchen. Zweifellos Kokaintütchen. Deshalb das blaue Licht, wenigstens Fixer sollen hier keinen Spaß haben. Irritiert frage ich mich ob überhaupt jemand hier jemals Spaß hatte. Dann schließe ich den Deckel und spüle. Ein heiseres Spotzen erfüllt den ganzen Raum, dann ist es ruhig. Nur das Zischen des Hahns, der den Wasserkasten von neuem füllt hält an. Ganz leise als wollte es nicht stören. Eine bescheuerte Sisyphusarbeit. Man sollte meinen Fäkalien wären den Aufwand nicht wert. Ich drehe an dem verkalkten Wasserhahn herum bis eine dünne Fontäne herausdringt. Ich spritze mir das flüssige Glück ins Gesicht und denke nicht an morgen. Es ist traumhaft.
Zurück am Tisch wartet eine, immerhin saubere Tasse Kaffee. Daneben eine weitere Tasse mit Wasser, in dem kleine Staubfäden schwimmen. Fünfzehn davon und ich wäre vermutlich wieder auf einem gesunden Flüssigkeitspegel, doch fürs Erste reicht mir das winzige Behältnis. Der Kaffee ist in Ordnung, ich komme garnicht auf die Idee in diesem Loch nach Milch zu fragen. Vermutlich würden sie mir ein Tetrapack voll saurem Joghurt reichen. Während ich gedankenverloren an der Tasse nippe und mich frage ob die Luft dort draußen das heißere Getränk ist, bemerke ich einen winzigen Kater, der auf der anderen Straßenseite auf und ab läuft. Von Zeit zu Zeit streckt er eine plüschige Pfote aus und tappst damit auf dem brandheißen Asphalt herum. Danach fährt er damit fort auf und ab zu laufen. Er ist schneeweiß, nur auf seinem Rücken befindet sich ein pechschwarzer, schimmernder Fleck. Ein verdammtes Pech, solch eine Färbung muss bei dem Wetter mörderisch sein.
Irgendwann kommt dann tatsächlich auch mein Essen. Kommentarlos schiebt die Kellnerin es über den weißen Kunststofftisch, direkt vor meine Nase. Ich kann sogar ihre gelben Fingerspitzen sehen. Das Essen lächelt mich zwar nicht an, doch es riecht fantastisch. Das Rührei ist zwar etwas versalzen, aber mit einer zweiten Tasse Wasser, die ich auf dem Klo befülle lässt es sich fast mit Genuss hinunterbekommen. Auf dem fantastisch krossen Speck herumkauend hebe ich den Blick und beobachte meinen pelzigen Bekannten auf der anderen Straßenseite. Er denkt garnicht daran seine kleine Einlage zu beenden und flaniert unbeirrt den Bürgersteig hinauf und wieder hinunter, während er immer wieder die Vorderpfoten auf die Straße presst und blitzschnell wieder zurückzieht. Ich muss lächeln, armer kleiner Kerl. Die Stadt pisst nicht nur ihm ans Bein. Die Stadt. Immer hört man die Leute von Hassliebe sprechen wenn es um "ihre" Stadt geht. Nicht mit aber auch nicht ohne sie, so ist das doch. An den Quatsch glaube ich nicht. Die Leute haben noch nicht bemerkt, dass diese Ansicht seit Bukowski zu einem Klischee geworden ist. Meiner Meinung nach ist die Stadt eine fantastische Frau, eine Frau mit der es auch mal kracht. Eine Frau zu der man trotzdem ständig zurückkehren muss und bei der man sich immer wieder wohlfühlen kann. Die Stadt macht keinen Kompromiss, sie ist einfach aber nicht dumm. Unkompliziert und gleichzeitig schwierig zu behandeln. Meine Gedanken driften ab. Als ich sie zu fassen kriege sind sie bei Nomadensingles angekommen und ich bemerke, dass es Zeit wird. Zeit "den Kopf frei zu kriegen".
Aus der Tasche meiner Jeans ziehe ich eine kleine Phiole aus Laborglas. Ich breche den Kopf ab und inhaliere den mehligen Inhalt. Meine Nase vereist für eine Sekunde und entspannt sich dann wieder, auf unheimlich wohltuende Weise. Die zwei mexikanischen Pèsos ein paar Tische weiter blicken für einen Moment auf, dann vertiefen sie sich wieder in ihrem hitzigen Gespräch. Eine schöne Sprache, aber ich kann mir nicht helfen, ich bin kein Mensch für Sprachen.
Der Rest meines Mahls verläuft ruhig. Ich starre auf den Teller und genieße den letzten Streifen Speck. Ich trinke den Kaffee aus und hole mir eine weitere Tasse Wasser aus der Toilettenkabine. Die Kellnerin verfolgt meinen kurzen Spaziergang mit ausdruckslosen Augen. Als ich das dritte Mal an meinen Tisch zurückkehre sehe ich einen kleinen Zettel. Es ist die Rechnung. Nichtmal fünf Dollar. Darunter ist ein kleiner Smiley gezeichnet. Ich bin nicht sicher, ob das in diesem Laden an der Tagesordnung ist oder ob es sich tatsächlich um eine nette Geste handelt. Ich möchte sie bei der Hand nehmen und drehe mich zur Theke. Sie steht hinter einer maroden Kasse und sieht mich an, als würde sie eine Reaktion erwarten. Ich lächle. Sie tut nichts.
Einen Versuch war es wert, mehr kann ich nicht tun. Schließlich krame ich in meiner Hosentasche und lege zwei zerknüllte Fünfer unter den Teller, so, dass sie nicht vom Tisch flattern können. Dann stehe ich auf und verlasse den Laden.
Ich hatte schon vergessen, was mich draußen erwartet, doch die Sonne schüttet mir einen Eimer Säure ins Gesicht. Ich ersticke fast an der dicken Luft und halte einen Moment inne, um mich zu aklimatisieren.
Ich bleibe an der Tür lehnen und verliebe mich für einen Augenblick in das kühle Glas an meinem Rücken. Mein Blick driftet in der schwammigen Umgebung umher und dann erkenne ich meinen schnurrenden Freund. Er steht immer noch auf der anderen Straßenseite. Mittlerweile scheint ihn die Hitze zu erschöpfen, denn er bewegt sich kaum. Er hockt einfach nur da und betrachtet die Straße.
Ohne nachzudenken laufe ich auf den heißen Teer hinaus. Es brennt scheußlich und meine Füße protestieren und drohen nachzugeben. Doch ich schaffe den ganzen Weg. Der Kater bewegt sich nicht, er sieht mich nichtmal an, bis ich direkt vor ihm stehe. Er scheint sich nicht zu scheuen und mit einer kurzen Bewegung hebe ich ihn auf. Sein Fell ist verhältnismäßig kühl. Dann trage ich ihn über die unpassierbare Straße. Wie ein kleiner Pascha ruht er auf meinem Arm und macht keinen Mucks. Vielleicht genießt er die sanfte Brise, die unerwartet durch die Straße streift.
Auf der anderen Seite angekommen lasse ich ihn langsam hinunter und er hopst auf den schattigen Gehweg. Ich bemerke, dass der Fleck auf seinem Rücken keine natürliche Färbung ist. Er hat einen dunkelbraunen Abdruck auf dem Ärmel meines weißen Shirts hinterlassen. Es ist ein Ölfleck. Der arme Kerl hat einen ordentlichen Tropfen abgekriegt, eine ungerechte Last. Plötzlich jedoch rennt er wieder an den Rand der Straße. Ich bin verwirrt. Etwas zögernd stelle ich mich hinter ihn und versuche zu erkennen, was er erkennt. Doch er tappst friedlich weiter mit den Pfoten auf der Straße herum
"Und wenn du den ganzen Tag wartest du verdammter, liebenswerter Scheißkerl. Auf die Seite, die du siehst wirst du mit meiner Hilfe nicht kommen."
Ich stupse ihm kurz mit dem Fuß an den Hintern doch er lässt sich nicht stören, dann setze ich mich in meinen Wagen und fahre in Richtung Stadt, denn ich bin kein Nomadensingle.
Es ist ein verflucht heißer Tag.



Kommentare
Ich weiss nicht was ich von dem Text halten soll, ich weiss nur, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen, darum: Kompliment. Der Text erzeugt Bilder, die intensiver sind als ein Film. Was ich in diesem Fall beachtenswert finde, denn die gleiche Szenerie als Film hatte ich längst weggezappt, beim Lesen aber hielt der Spannungsbogen bis zum letzten Wort und verebbt im Nichts, und trotzdem bleibt kein negatives Gefühl zurück.
28.03.2011, 16:00 von Cyro