derHalbstarke 09.02.2013, 09:07 Uhr 14 14

Tanz der Ratten

An Tagen wie diesem.

Stehst morgens auf und könntest schreien. Einfach so.

Vielleicht schlecht geträumt oder unruhig geschlafen. Vielleicht hat es über Nacht im Kopf aber auch nur „Klack“ gemacht und irgendetwas da drin hat sich entschieden, dir heute den Tag zu vermiesen. Und das gründlich. Dann ist alles grau. Als gäbe es keine Farbabstufungen mehr. Dir ist zum Heulen. Fühlst dich schäbig und dreckig. Bist nichts wert. Wenn du Pech hast, geht das den ganzen Tag so. Und wie es so ist, hast du das Pech.

Es ist noch nicht mal ein Anflug von schlechter Laune. Die könnte man noch ertragen. Sie ausleben. Wütend sein. Sich ärgern oder sonst was. Einfach nichts. Es ist als wäre kein Leben in dir. Unerträgliche Leere. Stillstand. Kein Vor, kein Zurück. Schmerzende Starre, die dich innerlich bewegungslos macht. Trotzdem tust du die Dinge, die zu tun sind. Weil es sein muss. Mechanisch und ohne Lust.

Der Verstand meldet, dass du dich nicht so anstellen sollst. Dass alles ok ist und es dir doch eigentlich gut geht. Aber nichts ist gut. Sagt das Gefühl. Gefühle können gemein sein. Und hart. Sie ersticken jegliche Regung in dir. Vergiften deine Gedanken. Wenn du überhaupt in der Lage bist, zu denken. An so einem Tag, wie diesen.

Und wenn du doch denkst, sind es keine guten Gedanken. Destruktiv und hämmernd. Die ganze scheiß Welt hat sich gegen dich verschworen. Einsamkeit presst dir die Brust zusammen. Erinnerst dich nur an die negativen Dinge in deinem Leben. Nichts war gut. Hast alles falsch gemacht. Glaubst, dass dich niemand mag, niemand wirklich liebt. Bist einfach nur irgendwas aus Fleisch was darauf wartet in der Erde zu verfaulen. Bald. Irgendwann, oder morgen schon.

Suhlst dich im Selbstmitleid ohne wirklich zu jammern. Glaubst, dass alles so ist wie du es gerade fühlst. Und das lässt dich nicht los. Starrst an die Decke und siehst die hässlichen Fratzen, die dich hämisch angrinsen und deine miesen Gefühle bestätigen. Bist ein kleiner, nichtssagender Wicht. Hast nichts von dem verdient, was du dir wünschst. Liegst zitternd und ängstlich auf dem stinkenden, modrigen Boden deines selbstgebauten Kerkers. Gebaut aus den ewigen Selbstzweifeln. Kein Licht, keine Luft. Hörst nur das hin- und herhuschen der fetten Ratten, die nur darauf warten ihre Zähne in deinen alten, verbrauchten Körper zu schlagen. Und auch das hast du verdient.

Natürlich. Was sonst.

Weißt ganz genau, dass es nicht die Fratzen sind, die dich verhöhnen. Nicht die Ratten, die dich Stück für Stück zerfetzen wollen. Du bist es selbst. Du mit deiner Hoffnungslosigkeit und der ewigen Sehnsucht nach Liebe. Kannst nicht glauben, dass nichts von dem wahr ist was du da fühlst. Hast vergessen, dass du nicht alleine bist. Dass jemand da ist, der dich sieht und an dich glaubt. Der weiß, was du wert bist. Doch es nützt nichts. Kommt nicht an dich heran.

An Tagen wie diesen.

Weil du dich selbst nicht siehst. Dein Spiegelbild ist leer. Für dich gibt es dich einfach nicht. Bist blind und taub. Hast immer noch nicht begriffen, dass der Krieg mit dir selbst schon lange zu Ende ist. Dass die miesen Schatten der Vergangenheit längst verblasst sind. Dein Verstand weiß auch das. Doch das Gefühl in dir will es nicht wissen. Es hat Angst. Ist beherrscht von Unglaube und Misstrauen. Arbeitet stattdessen weiter an den dicken undurchdringlichen Mauern deines Kerkers, der sich Selbstschutz nennt. Und Feigheit vor dem Leben.

Verachtung und Hass brodelt in dir. Verachtender Hass auf dich selbst. Hast kein gutes Wort für dich übrig. Kennst es nicht anders, hast es nicht anders gelernt. Dein Verstand wehrt sich gegen diese Gefühle. Die nicht wahr sind und die dich irgendwann doch zerreißen werden, wenn du nicht aufpasst. Weißt genau, dass du darüber mit jemandem reden könntest. Bist dir bewusst, dass es dich von diesen beschissenen Gefühlen befreien könnte. Aber du bleibst stumm. Die ungesagten Worte drohen dich zu ersticken. Niemand bemerkt deinen inneren Kampf. Niemand sieht die Verzweiflung und das Flehen nach Hilfe in deinen Augen. Du auch nicht.

Bist ein Schauspieler, eine Maske geworden. Beherrschst deine Rolle. Perfekt bis ins kleinste Detail. In einem billigen Stück, das du selbst geschrieben hast und dessen Ende niemand kennt. Am wenigsten du selbst. Stehst auf der Bühne deines verkorksten Lebens, gezimmert aus dünnen knarrenden Brettern, die jede Sekunde zu durchbrechen drohen. Es ist, als wartest du geradezu darauf, darauf, hinuntergerissen zu werden. Zu verschwinden in der Dunkelheit des Nichts. Für immer. Dorthin, wo du hergekommen bist und wieder hingehörst. So, wie du es verdienst. Und begleitet vom tosenden Applaus der dich verhöhnenden Geister und Dämonen deiner geschundenen Seele. Einem Publikum, dem du die Eintrittskarten selbst verkauft hast.

Nein. Es hat keinen Sinn. Du bist wehrlos dagegen. Dich werden diese Gedanken, diese unerträglich brennenden Gefühle heute nicht loslassen. Das weißt du ganz sicher. Und es kotzt dich an. Aber wenigstens ist es ein Gefühl, dessen du dir sicher sein kannst. Wenigstens das. Morgen. Vielleicht morgen.

Aber nicht an einem Tag, wie diesem.


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14 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Morgen, vielleich!
    Au ja, Hoffnung! Bitte fünf Portionen mit Sahne!

    11.02.2013, 12:59 von Sultanine
    • 2

      Hoffnung ist aus, aber wir hätten noch Zuversicht mit Schokosoße...

      11.02.2013, 13:17 von Tanea
    • 1

      nehm ick!

      11.02.2013, 13:43 von Sultanine
    • 3

      Ich auch! ^^

      11.02.2013, 13:47 von derHalbstarke
    • 1

      Vielen Dank, die Ladies, getzt habbich ne ganze Packung KitKat-Minis in Nixkommanull verschnubbelt, dabei hat sich gerade erst wieder sowas wie ne Linie um meine Plauze abgezeichnet, tsssssssssss! ^^

      11.02.2013, 14:15 von derHalbstarke
    • 1

      Ach, wer braucht schon einen Waschbrettbauch? Vollkommen überflüssig so was ;-) Schokolade ist gut für die Seele!

      11.02.2013, 14:17 von Sultanine
    • 1

      Zuversicht hat Null Kalorien, also ich hab die 6 Portionen auch schon gleich fertig. Wenn du magst, laß ich bei deiner dann die Schokosoße weg ;-)

      11.02.2013, 14:18 von Tanea
    • 1

      Waschbrettbauch? Wie buchstabiert man das bitte? ^^

      Schokosoße MUSS sein, sonst ist das ganze lausige Leben doch sinnlos, her damit! ;-)))

      11.02.2013, 14:31 von derHalbstarke
    • 2

      Wer braucht denn noch Wachbretter, wenn er ne Waschmaschine haben kann?

      11.02.2013, 14:33 von Tanea
    • 0

      Du sagst es!

      11.02.2013, 14:37 von derHalbstarke
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  • 0

    Zu ausführlich für meinen Geschmack. Zu genau beschrieben. Nimmt mir dadurch jeglichen Reiz mich in Gedanken reinzudenken, die ich allzugut kenne.

    10.02.2013, 01:57 von nyx_nyx
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  • 1

    wirklich gut geschrieben!

    09.02.2013, 11:47 von Sanne19
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  • 3

    Da lutsch ich einen Campino drauf. Fein geschrieben.

    09.02.2013, 09:12 von EliasRafael
    • 0

      Campinos hatte ich lange nicht, muss ich haben, danke für den Tipp! ^^

      09.02.2013, 10:17 von derHalbstarke
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