Spielverderberin 15.07.2011, 12:39 Uhr 19 7

Tage einer Diminutte

Immer und immer wieder verunstaltet er mir Liebgewonnenes, kreiert Wortmonster und Stimmungstöter.

Von der Sonne gekitzelt, schlendere ich durch die Straßen, bepackt mit einem Eis von Guiseppe und seiner lauten Familie, sowie meinen Einkäufen für den Urlaub.

Ob er mich auch dort verfolgt? Er findet mich immer, ganz gleich wo ich bin.

Hoffnungsschwanger lasse ich mein Eis elegant zu Boden gleiten und verziere den Bürgersteig mit einer Mischung aus meinem geliebten Malaga und ein paar Schokosträuseln.
Eigentlich ganz hübsch, finde ich, ärger mich aber trotzdem. Jetzt muss ich neue Kalorien erstehen und eine Entscheidung treffen, wer oder was nun die Chance hat, mich aus der Form zu bringen.

Eine SMS „Hallo Herzchen, komme etwas später!“ – Ich hab's geahnt. Selbst mein Handy beschützt mich nicht.
Er wartet auf mich. Im Büro, zuhause, im Park, er wartet im Club, bei Freunden, an der Tankstelle, in meinen Träumen. Er ist einfach allgegenwärtig und benutzt mich, wie es ihm gerade passt.

Ich fühle mich in Watte gepackt, eingelullt und winzig.
Immer und immer wieder verunstaltet er mir Liebgewonnenes, kreiert Wortmonster und Stimmungstöter.

Mir ist nach Fleisch, so zieht es mich, zielstrebig wie ich bin, zum Dönermann meines Vertrauens. Mit kurzem Zwischenstopp in der Apotheke, dem Dessousladen, einem Schmuckgeschäft sowie einem Laden für total überteuerte Schuhe.
An meinem eigentlichen Ziel angekommen bestelle ich, werfe mich auf einen Stuhl und befinde mich mitten in einem Rudel Soldaten, die lautstark die Beziehungsprobleme von Sven, dem Rothaarigen, erörtern.
Ich versuche unauffällig der Diskussion zu folgen.

Meisterin der Sozialcamouflage, so nennt mich mein bester Freund. Wenn ich will, gehör ich zu jedem. Wenn ich nicht will, bin ich mir selbst genug.

Sven gestikuliert wild und versucht sich hin und wieder durch Grunzen verständlich zu machen. Es wird fröhlich zurückgegrunzt und damit ist das Thema wohl erst mal durch.
Dachte ich jedenfalls.
Ein nerv tötender Klingelton klirrt in der Luft und in meinen Ohren. Wie es scheint, hat Svens Freundin eine Antenne für Männergespräche in dem sie Thema ist und prompt wird gestritten.
Ein Dumpfbackenbattle in Reinform.

Mir wird nicht ganz klar worum es eigentlich geht und ich fürchte, dass es den beiden auch nicht wirklich klar ist. Angespornt von seinen Brüdern im Geiste wird Sven mutiger. Er schimpft nun munter drauflos. Sie solle sich nicht so anstellen, und überhaupt benehme sie sich fast wie seine Mutter. Das hätte er nicht nötig, bläkt der Rotschopf.

„Schätzchen“, giftet er.

Schätzchen, schon lacht er mir wieder frech ins Gesicht.

„Vergiss nicht, wer dich fickt und füttert!“ brüllt er und ich verschlucke mich an meiner Sprite.

Auch seine Fürsprecher glotzen Sven an und prüfen untereinander, ob sie alle das Selbe gehört haben. Im Laden ist es ganz still. Man hört nur ein blechernes Gezeter am anderen Ende der Leitung, dann ist es auch dort ruhig.
Wie auf Kommando brechen sie in ohrenbetäubendes Gelächter aus.

Wunderbar, so stelle ich mir eine aufregende Beziehung vor. Womit er sie wohl füttert? Ob sie auch eine Diminutte ist? Es scheint fast so. Wir sind einfach überall, günstig und meistens unvorbereitet.

Womit er sie fickt, will ich gar nicht wissen.
Svens Bückstückchen sitzt jetzt wahrscheinlich daheim, ertrinkt in ihrem Tränenmeer und versackt im dunklen DiminuTief, welches soeben über sie hergezogen ist.
Morgen schon wird wieder alles gut sein. Da kann sie auf ihr rosa Wölkchen hopsen und wie seine Mutter werden.


Und ich? Ich werde in den Urlaub fliegen und hoffen, dass ich die spanischen Diminutive mit ein, zwei oder sechs Cervezas im Köpfchen einfach gar nicht erst verstehen kann.

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19 Antworten

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    Auch gegen deinen erklärten Willen, einen Text mit einem grammatischen Begriff im Titel muss ich nun doch kommentieren!  Schöne Idee. Schöner Text. Der zweite Teil der Selbstbeschreibung ist mir zu viel, (wenn ich nicht will, bin ich mir selbst genug), aber es zieht sich ja durch (zielstrebig wie ich bin), damit geht das als silistischer Farbtupfer durch, nicht etwa als abschweifende Egozentrik ;)

    29.12.2011, 12:25 von Trebor-Faust
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      Schnitzel und Bier ;)

      30.11.2011, 15:51 von Spielverderberin
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      Das Video lief letztens an einem veganischen Stand. Interessiert die meisten aber leider herzlich wenig.
      Was kaum etwas kostet, wird auch gekauft.


       

      30.11.2011, 18:03 von Spielverderberin
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      Ich hab viele Freunde, die vegan leben. Ich selbst komme vom Bauernhof und esse Fleisch, hab aber ein Verhältnis dazu, mit dem ich gut leben kann.
      Und meinen eigenen Garten. Immerhin.

      Lebst du gänzlich danach?

      30.11.2011, 20:07 von Spielverderberin
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      Die Unterhaltung hab ich schon oft geführt. Ich kann verstehen, wenn sie für dich nicht schlüssig ist. Für mich bedeutet es, dass ich weiß, was ich da esse und woher es kommt.


      Es bedeutet für mich ebenso, mich ganz bewusst mit Denkweisen wie der deinen auseinander zu setzen und meine immer mal wieder zu hinterfragen.

      30.11.2011, 21:27 von Spielverderberin
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    Besser Diminutte als Fettfreier.

    22.10.2011, 16:28 von weissabgleich
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    'Scheiß Bitches', dachte Elvis Presley, als er in sein Erdnussbutterbrot biss und er eigentlich nur fett wurde, damit sie ihm nicht mehr alle auf den Sack gehen.

    26.08.2011, 18:54 von TilmannKleye
    • 0

      @TilmannKleye Ist ein Argument ;)

      26.08.2011, 18:58 von Spielverderberin
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    jetzt versteh ich den Titel erst *lol* sehr gut... ich steh ja eher auf echte kaeufliche Seelen. Diminutte. Very nice, da ist was im Köpfchen, äh, Kopf.

    18.07.2011, 20:48 von EliasRafael
    • 0

      @EliasRafael Ich hab damit rechnen müssen, dass der Titel nicht direkt, vielleicht auch gar nicht verstanden wird. Ich musste meinen Fetisch für Wortspiele trotzdem ausleben :)

      18.07.2011, 20:57 von Spielverderberin
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