JackBlack 30.11.-0001, 00:00 Uhr 17 8

Subs Tanz

Zitterreigen

Substanz. Ein gutes Wort. Klingt nach Bewegung, aber nach mäßiger, nach keiner schnellen Abfolge von Alltagsgesten, eher nach dem, was bleibt, wenn einer es auf den letzten Drücker noch in den Zug geschafft hat und langsam wieder zu Atem kommt, weitestgehend ignoriert von dutzenden fremder Augenpaare, Menschen, die ruhiger atmen, das Abteil, in dem sie zufällig gelandet sind, längst für sich erschlossen haben. Kurzzeitinbesitznahme. Abteil ist ebenfalls ein schönes Wort, Phonetik passt zum Inhalt, beim Wort Zufall ist es ähnlich, aber kaum ein Begriff ragt an „den Zug“ an sich heran, an die Anzug tragenden Herren, die Zeitungen mit sich führen und erster Klasse reisen, abgeschirmt von sämtlichen Tumulten und Ärgernissen, aus ihrer stillen Geschäftigkeit niemals gerissen, sondern vom wohlwollenden Lächeln des Schaffners einen Blick lang enthoben. Der Zug gibt vor, ein Ganzes zu sein, dabei ist er nur eine mehr oder weniger willkürliche Ansammlung Materie, die sich in eine Richtung bewegt, wenn der Zug entgleist, kommt der Tod klassenlos, fragt nach keinem Fahrschein, nicht nach der Zeit und keinem Anschluss. Die Zeitungen berichten dann von einem Unglück, dabei war es vielleicht für den einen oder anderen gar keins; jedenfalls werden aus Menschen Tote und aus Toten Zahlen, einhundertachtundneunzig zum Beispiel versteht jeder, vergisst jeder so schnell wie gemerkt.

Bewegst du dich gern zu Musik, was ist dein Lieblingstanz? Substanz. Eine gute Antwort, besonders für humorbärtige Best Ager, die immer einen flotten Spruch auf den Lippen haben, in der Wanne, in der Bahn, auf dem Gehsteig. Best Ager auf dem Gehsteig. Ein guter Titel für einen Splatter oder so einen Versehrtenporno, was mit Sodomie vielleicht, hand- und hausgemacht mit der Handykamera. Ein großer grauer Pudel mit langer gelockter Schnauze, Zoolander III, geht steil auf eine Sechzigjährige in Schuluniform, Blüschen, Bläschen und Faltenrock, der Stoff, aus dem man Träume macht. Heidegunde riecht etwas strenger, seit sie auf die Intimrasur verzichtet, alles hängt an seidenen Fäden, Silberlocken – und man führt die Dialoge in Häuptlingssprache. Einer der Aktuere sitzt neben dir im Bus oder Auto oder Zug und du wüsstest nichts davon – und wüsstest du, würdest du es nicht wollen und je nach Situation und Setting die Nase rümpfen oder die Augen verdrehen wie die Mädchen, die drei Reihen weiter sitzen, ihre Stiefel am dreckigen Bezug der Vierersitze reiben. Ein Stimmenwirrwarr fremder Sprachen würde die Fahrt begleiten und du dächtest, dass Babel überall ist, dass du einem gelben Wal in der Bahnhofshalle begegnen könntest und einfach weitergingst. Der Stadionsprecher warnt vor Trickbetrügern und alle pressen ihre Taschen an sich, dabei ist jeder einzelne mitgemeint, Beute ist nur Frage der Zeit. ‚Best Ager auf dem Gehsteig‘, müsste man vielleicht ein kleines bisschen anders schreiben, aber durchaus ein Titel, ein guter Titel, den keiner kauft, der sich aber in den Regalen macht. Literarisches oder cineastisches Kleinod, als Perle um den Hals zu tragen – oder vielleicht besser am kleinen Finger, dort neckisch in der Ringfassung angelegt, passend zu Bademantel und Samstagabendshow, die nicht länger auf irgendwelchen Kanälen ausgestrahlt wird, sondern zwischen Clubtoilette und Gehsteig.

S. wankt nach Hause. S. wie „es“, bei einer Lesung, auf der die Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörer nicht größer ist als die Bierflasche in ihrer Hand, schwerlich zu pointieren. Also Parodie. Also nur S., S Punkt, vom Halse abwärts gelähmt. Sagt sich auch S., ein Bestager, ein kleiner Landstreichler, - so jedenfalls stellt er sich den jungen Mädchen vor, die er nur beobachtet, vielleicht mal um Feuer bittet, aber nie mehr. Es sei denn, sie drängen ihm ein Gespräch auf, irgendwo draußen, wo es ruhiger und lauschig ist, zwischen zwei Bäumen ist eine Menge Platz für Zwischenmenschlichkeit und hohles Gequatsche. Ernst nimmt er die jungen Dinger schon, allerdings ausschließlich gemessen am Radius ihres geistigen Horizonts und Kulturkreises. Sein Kreis ist ein ganz anderer, in gestrichelter Linie gezeichnet, der S. ist ein weltoffener, toleranter Typ, absolut nicht festgelegt, ohne Maßstab, mal abgesehen von dem in seiner Hose. Das wäre jetzt so ein Witz, der in seinem Kopf stattfindet, aber niemals über seine Lippen käme. Er hasst alles Plumpe und Ordinäre, auch wenn er drüber schmunzeln muss und sich manchmal, meist in den frühen Morgenstunden, eingestehen kann, dass es ihn anzieht, selbstverständlich wegen der Gegensätze, den Edelnutten unter den Gegebenheiten. Vielleicht, so hofft S. insgeheim, fällt ja mal was ab, direkt in die Schnittmenge, eines Abends, wenn er mit so einer Kleinen zwischen zwei Bäumen steht oder lässig auf irgendeiner kalten Mauer sitzt, die Angst vor Verkühlung so weit weggeschoben wie seine rechte Hand, die er nicht in Versuchung führen will. Versuchung ist alles, alles andere wäre Heimsuchung und dafür ist er anfällig. Währet den Anfängen. Da kümmert er sich lieber freiwillig um das Ende, das vorgezogene, taucht direkt ein in den großen Showdown. Sie sitzen auf der Mauer, Tina und er, sozusagen in Bereitschaftsnähe, ihre Knie zeigen aufeinander, das Mädchen schürzt die Lippen und streicht sich verstohlen durchs Haar, er denkt an seine Hand und daran, dass sie leer ist – was nicht gut ist, überhaupt nicht gut, also holt er noch ein Bier, steht lange an dafür und als er wiederkommt, hat sie es sich anders überlegt. Kurz bevor er geht, sieht er sie nochmal wieder, erspäht sie inmitten eines Pulks aus Jungmännergesichtern, lachend und laut, bei Weitem nicht so ernsthaft und schüchtern, wie er sie gerne hätte. Also überlegt er sich, dass er nichts zu verlieren hat, wirklich nichts, keine Selbstachtung, kein Geld, kein Herz, steuert auf sie zu und läuft ohne weiteren Blick an ihr vorbei. Der Gehsteig, der zum Auto führt, ist weicher, weiser, vertrauter – die Welt im Abseits eine bessere Geliebte, gar kein Vertun, aber im Rückspiegel schauen ihn diese wässrigen Kaninchenaugen an, darunter hängt in käsigen Fetzen verwelkte Haut. Natürlich denkt er an den Clown, diesen einen, der sich in seiner Abschiedsvorstellung den Revolver an die Schläfe setzte und versehentlich das Gehirn des kleinwüchsigen August traf, der neben ihm stand. Die Zeitungen titelten am nächsten Tag Tragödien und S. musste schmunzeln, wie er damals hatte schmunzeln müssen, als er ungewaschen am Küchentisch saß und die Nachricht vom Ableben des Clowns so erquickend fand – viel heiterer und aufmunternder als seine Frau, die gerade den Jungen bespaßte, der ihm angeblich ähnlich sah. Für S. sah das Kind aus wie irgendeines aus dem Katalog oder diesen Werbebeigaben in der Zeitung, er trug einen Schlafanzug mit irgendwelchen blöden Tieren drauf und S. fragte sich, wozu das ganze Niedlichkeitsgetue gut sein sollte, ob es je einem Vater geholfen hatte, den eigenen Sprössling ernst zu nehmen. Unter der Dusche hatte er dann später geweint, über seinen elenden Zynismus und darüber, dass er sich sein Leben nicht einfach vom Leib spülen konnte. Er wusch und wusch sich, aber das machte nur, dass er sich dreckiger fühlte, weil der Schaum, der im Ausguss verschwand, immer blütenweiß war, was bedeutete, der beschissene Dreck ging nicht ab. Jetzt sieht er sein trauriges Gesicht im Spiegel, dieses Gesicht, an das er sich im Laufe der Jahre gewöhnt hat, von dem er sich manchmal überlegt, wie es wohl auf die jugendliche Ausgabe seiner selbst wirken würde. „Es ist gut, dass ich blind bin“, sagt er, dann fährt er los.

M. macht die Betten. Das kann sie gut, weil sie es jeden Tag macht. Hinter der Gardine luken gelbe Blätter hervor, die Erkenntnis, die Pflanzen vergessen zu haben, treibt ihren Puls in die Höhe. Blumen schreien nicht, das ist das ganze Dilemma, und M. denkt an ihre Mutter, die sämtliche Gießdaten fein säuberlich im Wandkalender eintrug: Begonien, Fresien, Alpenveilchen und Farne. Die Farne musste man tauchen, sie wurden so lange in Wassereimern getränkt, bis keine Luftblasen mehr aufstiegen. Ist der Farn tot, Mama? Eine aus Kindersicht sehr berechtigte Frage. Mama erklärte, Farne seien sehr alte Pflanzen, die es schon zu Zeiten der Dinosaurier gegeben habe. Im Regenwald wüchsen riesige Exemplare und die Farne hätten gelernt, sich über die Blätter und Wurzeln mit genau der richtigen Dosis an Feuchtigkeit zu versorgen. Farne sind seit jeher M.s Lieblingspflanzen, deshalb sind im ganzen Haus keine zu finden. Früher gab es mal welche im Garten, als sie noch einen Teich hatten. Dann war das Kind unterwegs, damals noch geschlechts- und erst recht namenlos, der Teich wurde zugeschüttet und jeder Farn darin begraben. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Als M.s Mutter gestorben war, hatte der Pfarrer diese Worte gesagt, leicht kamen sie ihm über die Lippen, wie alles, was man nicht länger hinterfragt. Im Sarg lagen aber weder Staub noch Asche und als sie ihn ins Grab absenkten, fiel er nicht in eine traurige graue Wüste des Vergessens, niemand wurde auf eine Reise ins Paradies geschickt, alles war nichts anderes als ein feierlicher Entsorgungsakt. Das Baby schrie auf S.s Arm und sie hasste beide für ihre Lebendigkeit, jedem, der sein Beileid bekundete, wäre sie am liebsten mit den Händen um den Hals gefallen, sie alle heuchelten, warfen vordergründig Erde und Blumen, aber in Wirklichkeit spuckten sie erleichterte Gebete in die Grube, weil ihre Nasenspitzen nach unten zeigten und sie sich fühlen konnten wie Begnadigte, denen man noch einmal Aufschub gewährt hatte. M. geht ins Kinderzimmer und wirkt dort weiter, sie schüttelt den süßlichen Gestank aus den Kissen, faltet die nachtblaue decke mit den Monden und Sternen, drapiert die Häschen und Bärchen und öffnet das Fenster, damit die Straße mit ihren Geräuschen und ihrem Licht durch den Spalt ziehen kann. Alle grässlichen Spuren der Nacht werden vertrieben, neue Chancen setzen sich in die Regale neben die Spielzeuge, säubern und klären die veratmete Luft. Jeden Tag passiert diese kleine Katastrophe, halten Rituale den Familienbetrieb am Laufen, empfangen den Jungen, wenn er von der Schule heimkommt und den Mann, der irgendwann abends das Haus betritt. Alles verjüngt sich und schafft Platz für Neues, nur M. ist diesem Prozess randständig, vergilbt, verzerrt und verschwindet hinter dem Chaos ranziger Träume und sich vervollkommnender Erwartungslosigkeit. Wenn sie nicht wäre, bräche alles zusammen, wenn sie nicht wäre, nähme niemand davon Notiz. Ein Segen, dass sie nichts sagt, nicht zu S., nicht zu dem Kind, nichts zu ihrer Psychoanalytikerin. Ein Segen, dass sie taub ist, nicht nur auf den Ohren, sondern überall, das merkt sie, wenn sie sich ritzt und sich dann fühlt wie ein junges Huhn, wie eine dieser verrückten, schnäbelnden Sechzehnjährigen, die in den Onaniephantasien ihres Gatten vorkommen. Es wäre nur fair, würde endlich das Unglück passieren, das der anderen, an dem man sich hochziehen kann. Endstation ist das Ziel keines Reisenden, die erreicht man immer unfreiwillig, aber manchmal fühlt sie sich mittendrin, erschlagen von Schildern, Durchsagen und Gebeinen.

K. parkt den Wagen in einer Nebenstraße. Die Gegend ist schäbig und trostlos, die Uhrzeit fortgeschritten, trotzdem hat er noch mehr als eine Viertelstunde, um zweimal links abzubiegen oder es sich anders zu überlegen. Er streift seine Hände an der Hose ab, wenn er aufgeregt ist, beginnen seine Finger zu schwimmen, er schwitzt überall, aber in der Hauptsache dort, wo es unangenehm ist. Am liebsten würde er einen Rückzieher machen, die Dame mit der rauchigen Stimme anrufen, ihr höflich eine Ausrede auftischen und wieder nach Hause fahren. Vorher am Supermarkt vorbei, sich gemäßigt aufregen über das Pack, die zunehmende Ununterscheidbarkeit zwischen Kund- und Belegschaft, die geballte Inkompetenz, die er mitbezahlt – mit seinem Geld, seinen Nerven, seiner Zeit und Gesundheit. Er würde sich aufregen über das dusselige Personal und den völligen Mangel an Kundenorientiertheit, über die Säuferin, die Cola und Asbach einkauft und die Hausfrau mit dem verknarzten Sinn für American Lifestyle, die die Broschüre mit den Sonderangeboten falsch studiert hat und den ganzen Betrieb aufhält, weil ihr scheiß Konfekt mit Einsneunundneunzig gescannt wird, obwohl zehn Prozent Rabatt auf ihrer imaginären Rechnung stehen. K. sieht sich nach seiner Halsschlagader fassen und um Gelassenheit beten, ein Ausrasten seinerseits brächte ja nichts, im Kopf spielte er alle Optionen durch, hörte sich der unerhörten Konfektliebhaberin anbieten, den Differenzbetrag zu übernehmen, sähe sich zur Contenance gemahnt vom buckligen alten Mann vor sich, der Margarine, Aufschnitt und Balkansalat auf das Band gelegt hätte, während er Minute für Minute tiefer in seinen Gehwagen einsackte. K. würde sich fragen, wie alles so enden konnte ohne aufzuhören, weshalb alle so geduldig blieben und niemand ihm die Möglichkeit geben wollte, ein Held zu sein, der dem Kassierer mit dem schwarzblond gesträhnten Haar eine Kugel verpasste. Der Niesel spannt ein feines Netz über die Frontscheibe, von innen hält K. mit seinem beschleunigten Atem dagegen. Es ist jetzt nicht die Zeit für eine Bestandsaufnahme, wenn sie ihn auch gerade hilfreich ernüchtert. Er betrachtet seine dicken geschuppten Hände, die wie Weißlinge auf dem Lenkrad liegen. Ein Ekel sondergleichen überkommt ihn, er ist eine Zwergennatur gefangen in einem Kostüm aus Fett und dem Müßiggang seiner Eltern, er kneift die Schweinsäuglein zusammen und hofft, dass er jetzt nicht flennen muss über das Riesenbaby, aus dessen Fleisch und Gesinnung er sich nicht schälen kann. Er wird immer anstehen und auf die Rücken derer schauen, die dreist den Mund aufmachen. Es bleiben noch acht Minuten. K. verriegelt sein Gefährt und steht überpünktlich vor der abgemachten Adresse. Die Rauchige hat lange Beine und steht ihrer Beschreibung in nichts nach. Ehe er sich versieht, liegt er unter ihr, ihre Schenkel drücken seine Nase zu und ihre segensreiche Pisse läuft gütig in seinen Hals. Diese Dusche hat er verdient, dafür bezahlen zu müssen noch viel mehr. Er kommt sich vor wie ein Ferkel, das abartigste im ganzen Stall, endlich begraben unter dem massigen Hinterteil der Muttersau, die keine Zitze für ihn übrighatte. Morgen wird er wieder im Geschäft sein, Zahlen addieren, Kundengespräche führen, die Mittagspause ausfallen lassen. Er wird seinen Aufgaben nachkommen, dabei trockene Hände haben und ein wenig streng riechen. Die drei Affen kommen ihm in den Sinn, fröhliche pelzige Tiere mit langen Schwänzen, welch Ironie. Die Rauchige hat sein Schwitzen nicht bemerkt, zumindest hat sie es mit keinem Wort kundgetan, sie hat nur gelächelt, aufgesetzt gestöhnt und selber ein bisschen geschwitzt, als sie die zwei Grünen entgegennahm. Er wüsste zu gern ihren wirklichen Namen, man sollte niemands Urin trinken, dessen Namen man nicht kennt und überhaupt hasst er die ganze Fickerei, selbst das Keuschbleiben ist Fickerei, er sollte mal eine von denen schwängern und neun Monate später ginge ihm zur Abwechslung mal was am Arsch vorbei.

„Sie müssen schon deutlicher werden, wenn ich Ihnen helfen soll.“ N. beißt sich auf die Zunge. Eigentlich müsste sie es umgekehrt formulieren, wollte sie professionell sein, dürfte ein solcher Satz gar nicht über ihre Lippen kommen. ‚Sie sollten schon, wenn ich muss.‘ Das Fatale an ihrem Beruf ist, dass niemand sie ernstnimmt. Liegt in der Natur der Sache – entweder hält man sie für einen Scharlatan oder einen Gott, dazwischen gibt es so gut wie nichts. Die Frau auf der Couch sieht flach aus, atmet flach, redet flach. Der ganze Raum stinkt nach ihrem Parfum, einem pudrig-auffälligen Duft, der jedem normalen Menschen Kopfschmerzen bereitet. N. macht Werbung für ihre Praxis, indem sie die klassische Couch auslobt, eine Ledercouch mit klassischen Saumnieten, so straff überspannt, dass man sie selbst therapieren wollte. Es gab da mal eine Studie, über siebzig Prozent aller Therapiebedürftigen würden allein geheilt durch die Kraft der Couch. Die Patienten haben dieses Bild aus Filmen und Büchern, wenn man sie nicht auf eine Couch legt, DIE Couch, werden sie argwöhnisch und unsicher ob des fehlenden Klischees. Ohne Couch braucht man mindestens drei Sitzungen, um sie daran zu gewöhnen, auf einem einfachen Stuhl Platz zu nehmen und nicht verwirrt auf alles zu starren, was sich in dem Raum befindet. Ein vertrauensvolles Klima zu generieren ist eine Mammutaufgabe, den rechten Mix zwischen Gemütlichkeit und Minimalismus zu finden, nahezu unmöglich. Die Decke ist ein Objekt, das Patienten beruhigt. Cremefarben sollte sie sein, auf keinen Fall zu weiß. N. hat sich für ein neutrales Beige entschieden, die originale Farbtonbezeichnung schimpft sich „Make Up“, zynischer geht es kaum. Es gibt tatsächlich einen Einrichtungsratgeber für therapeutische Praxen, strenggenommen ist es sogar ein Katalog, man kann beispielsweise Duftöle bestellen, in N.s Schreibtischschublade stapeln sich Schächtelchen mit dem Aufdruck „minty rose“. Überhaupt gibt es erstaunlich viele Leitfäden von Psychologen für Psychologen, Durchhalteparolen zusammengefasst unter so witzigen Titeln wie „Hasse deinen Patienten wie die selbst“ oder „Verrückt genug, den Wahnsinn zu ertragen“. Wie man erfolgreich therapiert: Ermuntern Sie den Patienten, eine Selbstdiagnose zu stellen. Bestätigen Sie diese. Zeigen Sie Begeisterung. Merken Sie sich: Der Patient hat keinerlei Interesse an einer Heilung, er braucht lediglich Anerkennung für seine Störung. Lehnen Sie sich zurück, nicken Sie oft und trinken Sie genug. Die flache Frau ist nun zum dritten Mal da, erliegt ihren Missbrauchsphantasien und ihrem ganz persönlichen Jugendtrauma. N. seufzt leise, sie hat immer nur Standardpatienten, bei denen es um nichts anderes geht als Selbstbetrug, für den sie sich Absolution und einen gemäßigt-soliden Applaus wünschen. Sie riskiert einen Blick auf die Uhr, gleich sieben, draußen ist es längst dunkel, der Niesel in Regen übergegangen. Ein paar Schritte tun gut, deshalb steht sie auf und geht beiläufig zum Fenster, die Frau auf der Couch redet monoton weiter, trägt sich auf ihrer Stimme an Orte, an denen sie besser allein bleibt. N. lässt ein bisschen frische Luft rein, sieht auf die Straße wie in einen Film, beobachtet, wie im Haus gegenüber ein Pärchen streitet, er in ausladenden Gesten, sie wie eine Maus. Der Streit ist heftig und kurz, er verlässt das Zimmer, wenige Sekunden später geht im Nebenzimmer das Licht an, der Mann steht minutenlang reglos dort und N. vermutet, dass er sich im Spiegel betrachtet. „Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können“, sagt die flache Frau, knüpft sofort an ihre Geschichte an, sie erwartet keine Antwort. Auf Fragen erwünscht ohnehin kaum jemand Feedback, es sind die Feststellungen, die N. bestätigen soll. Es wäre unverantwortlich, einen Patienten seiner Illusionen zu berauben und ihn gesundet oder sogar geheilt in den Wahnsinn zu entlassen, der jeden Tag aufs Neue auf sie wartet. Sie reden mit der makeupfarbenen Decke und bezahlen dafür, bis zur nächsten Sitzung zu verstummen. Was ist mit N.s Problemen? Verdient sie sich nicht jeden Tag mit jeder verdammten Sitzung ein wenig mehr Hilfe? Während sie so am Fenster steht und nicht mehr zuhört, denkt sie an alles Mögliche, den Drink, den sie sich später genehmigen wird, an Affen und Clowns und andere Unglücke, an die Angst und daran, dass sie jeden Morgen unter Dusche dafür betet, Jesus Christus möge irgendetwas passieren lassen, das sie alle erlöst. Oder wenigstens dafür sorgen, dass alle Menschen ein sorgenfreies Leben leben können, kein perfektes steriles aus dem Katalog, aber eines mit mehr Substanz.

Es hat aufgehört zu regnen. N. begleitet K. noch zu Tür, verabschiedet sie aus dem nichtssagend kreidebleichen Altbauflur in das gut restaurierte Treppenhaus mit dem viel zu hellen Licht, sie entlässt die Frau wie eine Zahnärztin oder eine Nutte, eben noch wurde die Wurzel behandelt und schon steckt man wieder voller Plattitüden. K. wird frierend das Haus verlassen, über jemandes Füße stolpern, nach einem kurzen Anflug von Sehnsucht und Hoffnung feststellen, dass es nicht S.s Füße sind, vielmehr die eines traurigen, fetten Mannes, der unverhofft seine Mutter besucht. Er hat großes Glück, denn sie ist Psychotherapeutin. „Bis hierhin und nicht weiter“, denkt N., denkt K., denken so viele, gesagt wird „Bis dann!“ und hallt wie der letzte Nachtzug vorbei an den nackten Wänden.

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17 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Geht's hier um Tierschande?

    08.04.2016, 18:01 von MaasJan
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  • 1

    du veröffentlichst hier intime userdaten und vertrauliche gesprächsinhalte, wer mit wem und so, das geht wirklich niemanden etwas an.

    08.04.2016, 17:43 von JackBlack
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  • 0

    Das verstehe ich nicht.

    08.04.2016, 17:07 von Freyr
    • 1

      Ups der sollte einen tiefer. :)

      08.04.2016, 17:08 von Freyr
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  • 2

    Die zerstören dir immer direkt das Datum. 

    08.04.2016, 12:43 von EliasRafael
    • 0

      Pure Absicht, damit die Texte aus dem aktuellen Blickfeld verschwinden.

      08.04.2016, 13:49 von Freyr
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      da hilft nur strategisches kommentieren.

      08.04.2016, 14:12 von JackBlack
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      strategisches suchen ;)

      es war doch schon immer so. gute texte findet man.

      und nach einem "ende im gelände" als statement der redax  zu anfragen ist das thema "ändert doch da mal was" wohl durch. 

      08.04.2016, 17:24 von jetsam
    • 0

      wenn das veröffentlichungsdatum eines textes zurückgesetzt wurde, wird dieser nicht mehr gelistet. um nun beispielsweise subs tanz zu finden, müsste man schon explizit auf jacks profil suchen, meine texte aboniert haben oder einen kommentar zum text anklicken.

      das problem des genullten datums ist ein technisches und wird nicht mehr behoben.
      es bleibt also nur, sich mit der versenkung abzufinden, den text ein weiteres mal zu veröffentlichen und zu hoffen, dass er nicht sofort geschluckt wird oder eben strategisches kommentieren, um wenigstens ein paar klicks zu generieren.

      08.04.2016, 17:38 von JackBlack
    • 0

      das ist mir ja bekannt und glaube auch über die abofunktion funktioniert es nicht.

      aber der freund eines freundes hat einen freund. und genau der schrieb einen kommentar, der in seinem profil gelistet ist.

      brücken gibt es viele.

      08.04.2016, 17:44 von jetsam
    • 0

      die stalkervariante ließ ich außer acht, ich bin ja nich so stalker. :)

      08.04.2016, 17:46 von JackBlack
    • 0

      geht ja leider nicht anders. :(

      08.04.2016, 17:48 von jetsam
    • 0

      unter jets küs euch.

      08.04.2016, 17:58 von MaasJan
    • 0

      Jeher. 

      08.04.2016, 17:59 von MaasJan
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      hehe. 

      08.04.2016, 17:59 von MaasJan
    • 0

      bääääh

      08.04.2016, 18:00 von jetsam
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  • 0

    Der ist fein. Zieht mit und ist stilistisch sowieso über jeden Zweifel erhaben. Da ist Zug drauf, würde S. wohl sagen. Kein Wort zuviel, alles liest sich wohltariert und bündig. Dir gelingt das spielend und fast en passant, aber die malst mit einer Leichtigkeit in meinem Kopf, dass er zwischen malen und mahlen pendelt, ganz wie eine Kaminuhr, ebonisiert. Sehr fein ist er, der Text. Fesselnd und fein.

    07.04.2016, 23:16 von MaasJan
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