Streikendes Sprachorgan
Ich bin gut darin. Ich tue es jeden Tag, manchmal stundenlang. Ob face-to-face oder per Telefon. Ja, ich kann es richtig gut, das Reden. Eigentlich.
Doch sobald ich mit Personen, die mir nahe stehen über meine Gefühle reden soll, weigert sich mein sonst so gut dressiertes Sprachorgan.
So sitze ich dir oft gegenüber, schweigend, minutenlang. Du denkst, ich bocke, schalte auf stur. Dabei bin nicht ich das. Nicht ich bocke, mein Körper tut es. Ich forme Sätze in meinem Kopf, formuliere ihn um. Ersetze Worte durch andere, wohl passendere, verschiebe Kommas hin und her. Ich spreche mir die Sätze immer selber in meinem Bewusstsein vor. Hole alle zehn Sekunden Luft, überzeugt davon, endlich anzufangen zu reden. Und dann – nichts. Es geht nicht, ich kann es nicht. Ich weiß nicht mal warum. Ich kann über meine Gefühle schreiben. Ich kann jeden einzelnen Freudenmoment haarklein auseinander nehmen und Stück für Stück niederschreiben. Jede Spur von Wut und Trauer, die mich bei einem Streit überkommt, kann ich als fünfseitigen Brief zu Papier bringen.
Und doch, wenn ich vor dir stehe oder neben dir sitze in solchen Momenten, so habe ich plötzlich die Sprach- und Kommunikationskompetenz einer Sechsjährigen – und selbst das wäre noch sehr wohlwollend ausgedrückt. Ich kann dich nicht mal ansehen. Deine Worte und die Situation zwingen sie dazu, auf den Boden zu sehen. Oder den Tisch. Oder meine Fingernägel. Und ärgere mich über mich selbst. Kann es nicht verstehen. Warum meine streikende Stimme schon wieder gewonnen hat. Und ich verloren. Wie immer. Und wie immer nehme ich mir vor, das nächste Mal meinen Mund aufzubekommen.
Damit du nicht wieder kopfschüttelnd aufstehst und gehst, nachdem du gesagt hast, dass das so keinen Sinn macht und ich mit dir reden soll. Damit ich nicht mehr sechs Jahre alt bin, sondern endlich 19. Damit mein Kopf nicht der Einzige ist, der meine ausgeklügelten Sätze mit den passenden Worten und den noch passenderen Kommas hört. Damit der Streik des Sprachorgans nicht wieder Erfolg hat. Um nicht wieder zu verlieren. Oder noch schlimmer: irgendwann dich.




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