DoctorGonzo 30.11.-0001, 00:00 Uhr 16 6

Stormy Monday

Ihr Blick schweifte über meinen Vorrat an Whiskey, Wein und Zigaretten zurück zu mir. Ich grinste breit, sagte: Wird 'n gemütliches Frühstück morgen.

Teil 1: Allegro

Ich hatte mich in Zimmer 311 ganz gut eingelebt. Es war geschmackvoll eingerichtet, Möbel und Boden in dunklem Holz, der Kühlschrank angemessen groß. Und stets mit den erlesensten Tiefkühlgerichten gefüllt. Man musste nicht mal was sagen. Die Vorräte erneuerten sich wie von Geisterhand, wenn man das Zimmer mal verließ. Zuständig für diese perfekt funktionierende Infrastruktur war der stoische Glatzkopf, der ungefähr so emotional war wie altes Brot. Dem hätte man wahrscheinlich nicht mal unter Androhung von Schmerz und Tod eine Gefühlsregung entlocken können.
Lara war da schon anders. 
Was für eine Frohnatur. Immer gut gelaunt, immer für mich da, mir jeden Wunsch von den Lippen ablesend. Und natürlich scharf wie ein Hanzo-Schwert.
Der Typ im Nachbarzimmer war auch ein ziemlich netter Kerl. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er damit, klassische Musik zu hören und zu rauchen. Wagner und Gitanes, Schubert und Boyards, Beethoven und Gauloises. 
Das nenn ich mal deutsch-französische Freundschaft. 
Er war Kettenraucher (ich hatte den Eindruck, er rauchte sogar zwischen den Zigaretten), was mir ganz gelegen kam - er hielt eine unzählige Menge an Zigarettenschachteln vorrätig und merkte es nicht, wenn ich mir von Zeit zu Zeit eine abzweigte. 
Nicht, dass das nötig gewesen wäre, denn der nächste Tabakladen war nur einige hundert Meter entfernt. Aber ich neige eben zu Bequemlichkeit.
Eigentlich hatte ich für sowas ja auch Lara. Aber ich wollte sie nicht ständig wegen solcher Kleinigkeiten losschicken. Sie war ja auch nur 'n Mensch.
Ich war eh nie der große Macho, der die Frauen auf Kommando springen ließ. Für Chauvinismus hatte ich nicht viel übrig. Bei mir waren immer alle Frauen gleichgestellt - was im Großen und Ganzen bedeutete, dass ich meine Vorräte an Kippen und Fusel mit ihnen teilte.


Ich kam gerade von der Reinigung zurück. Lara hatte es sich in dem großen Sessel in meinem Zimmer bequem gemacht und rauchte. Ich hatte es ihr ausdrücklich erlaubt, da mich der Anblick von rauchenden Frauen zutiefst entspannte. Sie hatte dann sowas Erhabenes an sich. Fast schon majestätisch, wie sie mich durch den wabernden Rauch hindurch anlächelte.
Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, das Rauchen aufzugeben und mich stattdessen zum passionierten Passivraucher zu emanzipieren. Eigentliche liebte ich das Rauchen und tat es leidenschaftlich, aber mir gefiel der Gedanke nicht, dass ich von einer Substanz kontrolliert würde. Ich bevorzuge es, die Dinge selbst zu kontrollieren. Ich möchte die Macht über mich haben. 
Das hat mich zwar nie am Missbrauch allerlei zweifelhafter Substanzen gehindert, aber es geschah stets aus meinem eigenen Willen heraus. Wenn ich merkte, dass eine Substanz Besitz von mir zu ergreifen drohte, tauschte ich sie durch eine andere aus.

Lara hatte mir Nikotinpflaster besorgt. Sie warf mir die Schachtel zu, wie immer mit diesem umwerfenden Lächeln im Gesicht. Ich zog ein Pflaster heraus, schälte es aus der Verpackung und zog die Schutzfolie ab. Hätte nicht gedacht, dass die Dinger so groß sind. Mit gehobener Augenbraue blickte ich rüber zu Lara. Sie sah mir meine Skepsis an. Kicherte. Und rief, ich solle mir das Teil nun endlich aufkleben.
Ich betrachtete das Pflaster eingehend für mehrere Sekunden.
Leckte daran.
Schüttelte mich kurz.
Gar nicht so übel.
Und klebte es auf meinen Oberarm.

Ich ging zur Küchenzeile, kramte ein schweres Glas aus dem Schrank und griff nach der Flasche Jameson. Während ich mir einen großzügigen Schluck eingoss, fragte ich Lara, ob sie auch was trinken wolle. 
Sie entschied sich für einen Black Russian. 
Gott, diese Frau musste man einfach lieben.
Während sie ihre Zigarette ausdrückte, wühlte ich im Kühlschrank nach Eiswürfeln, warf eine Handvoll Eis in das Glas, goss den Wodka darüber und verdünnte ihn mit einem Schuss Kahlúa. Nahm unsere Gläser, reichte ihr ihren Drink und setzte mich mit meinem Jameson auf das Sofa. 
Wir nahmen einen Schluck - meiner erheblich größer als ihrer - und sie war dabei, sich eine neue Zigarette anzuzünden. Gebannt schaute ich ihr zu, wie sie mit ihren hübschen, zierlichen Fingern eine Kippe aus der Schachtel angelte, sie zwischen ihre Lippen klemmte und dann das silberne Zippo klicken und aufflammen ließ.
Sie zog den ersten Rauch tief in ihre Lungen, der Tabak glühte hell. Während die Zigarette von Mund zu Hand wechselte, ließ Lara den Rauch langsam aus ihren Nasenlöchern strömen.
Faszinierend.
Hypnotisierend.
Anmutig.
In Momenten wie diesem war ich mir nie so richtig sicher, ob ich in sie verliebt oder einfach nur scharf auf sie war.
Zumindest Letzteres stand fest.
Ziemlich offensichtlich.



Teil 2: Andante

Nachdem wir uns zuerst auf dem Sofa und dann noch einmal auf dem Bett miteinander vergnügt hatten, gab es in der Dusche noch eine Zugabe. 
Ich stieg aus der Dusche und warf Lara ein Handtuch zu. Sie wickelte es sich lose um den Körper und gab mir einen Klaps auf den Po. Ich konnte es ihr nicht verübeln, denn irgendwie lud mein Hinterteil ja dazu ein. Nicht, dass mein Arsch besonders hübsch oder stramm oder sonstwie ansehnlich gewesen wäre - aber in Ehrung meiner Abstammung hatte ich mir je ein grünes Kleeblatt auf jede Arschbacke tätowieren lassen und auf dem Steißbein standen die Worte: "slap me, I'm Irish".

Wir zogen uns an. Es war Zeit für den Wocheneinkauf. Hier drinnen gab es zwar alles Lebensnotwendige, aber ich brauchte hin und wieder ein bisschen frische Luft und den Anblick anderer Menschen. Gerade so viel, um mich daran zu erinnern, warum ich die Tage lieber im Bett und die Nächte lieber in dem verrauchten Pub im Erdgeschoss verbrachte.

Lara und ich stiegen die Treppenstufen hinab. Am Eingang des Pubs vorbei. Instinktiv verlangsamten sich meine Schritte. Mein Puls beschleunigte.
Der Barkeeper war gerade dabei, den Laden aufzumachen.
Unsere Blicke trafen sich.
Ich nickte ihm zu.
Er nickte zurück.

Barkeeper und Säufer.
Yin und Yang.

Er hatte eine CD eingelegt und ich hörte leise eine der unzähligen irischen Trinkerhymnen durch die Luft schweben. Mein Blick fiel auf den Spruch, der an der Wand hinter dem Tresen geschrieben stand:

„You’re not wasting your time when you’re out getting wasted.”

Amen.

Wer auch immer sich das ausgedacht hat, war ‘n verschissenes Genie.


Lara und ich gingen weiter, die nächste Treppe nach unten in die Tiefgarage. Ihr tiefschwarzer Charger parkte ganz vorn auf einem der Familienparkplätze. 
Sie hielt nicht viel von einer Klassengesellschaft im Parksystem.
Ich kletterte in den Charger. Das neueste Modell. 
Mir waren ja die alten Muscle Cars lieber, aber Lara ließ da nicht mit sich reden. Erzählte mir was von Assistenzsystemen und Fahrsicherheit und all den Gefahren im Straßenverkehr. Na ja, immerhin brachte die neumodische Technik auch einige sinnvolle Extras mit sich. So griff ich nach hinten zur Kühlbox. Dank einer zusätzlichen Batterie kühlte das Teil auch, wenn der Wagen nicht bewegt wurde. 
Ich angelte eine eiskalte Flasche aus der Box, schlug den Kronkorken am Türhebel ab und genehmigte mir einen tiefen Schluck, während Lara den Motor startete.


Sie hielt gegenüber des Supermarktes auf der anderen Straßenseite. Zündete sich eine Zigarette an und sagte, sie würde auf mich warten. Ich glitt aus dem Wagen, überquerte die Straße und betrat den Laden.



Teil 3: Grave

"Nein, Justus, diese Leberwurst hat keine Bio-Qualität. So etwas kaufe ich nicht."
Während der fünfjährige Junge schmollte, warf seine Mutter zwei Packungen Seitan in ihren Einkaufskorb.
Ich seufzte leise und ließ die dritte Flasche Jameson klirrend in meinen Wagen gleiten.

"Ich will aber nochmal zu den Süßigkeiten, bevor wir anfangen zu fasten", bettelte das zwölfjährige Mädchen ihren Vater an.
Der zerrte sie nur grummelnd fort und murmelte, dass ihre Mutter jegliche Süßigkeiten verboten habe.
In seinem Gesicht waren Grimm und Resignation zu lesen.

Ich griff nach der vierten Flasche. 
Die letzte im Regal.

Zeit für die zweite Station.
Wein.
Es sollte ein ruhiges Wochenende werden, also war kein besonderer Wein notwendig.
Aus dem untersten Fach wuchtete ich eine kleine Palette mit Getränkekartons in meinen Einkaufswagen.
Achtmal anderthalb Liter.
Jawoll.

Dritte Station.
Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, die Zigaretten direkt neben dem Laufband der Kasse zu positionieren, war ein verdammtes Genie.
Steigert die Zeiteffizienz meines Einkaufs um 30 Prozent.
Ich reihte mich in die Schlange an der Kasse ein und schaufelte einen Berg Kippenschachteln auf das Band.
Und nun ratet mal, wer vor mir stand und mich mit verachtendem und vorwurfsvollem Blick musterterte?
Richtig, die durchgeknallte Mama von klein-Justus.
Sie hatte sich für allerlei gesunden Krempel entschieden. Haufenweise frisches Gemüse, von dem ich gerade mal ein Drittel namentlich identifizieren konnte.
Verpackungen, auf denen groß "Bio" prangte. 
Und fünffach-recyceltes Klopapier.
Der Begriff "Klopappe" trifft es wohl eher. 
Erinnerte mich farblich an die Außenwände eines unsanierten Plattenbaus. 
Also mal ehrlich. Man tut der Umwelt damit vielleicht einen Gefallen - aber so hart wie das Zeug ist, sind Hämorrhoiden doch vorprogrammiert.

Justus' Mama blickte zu mir.
Ich grinste sie breit an. 
Ihr Blick schweifte von mir zu meinem Vorrat an 
Whiskey
Wein
Zigaretten
zurück zu mir.
Ihre Augen funkelten.
Ich grinste noch breiter, sagte zu ihr: "Wird 'n gemütliches Frühstück morgen."
Sie wandte sich angewidert ab.
Tja, dann eben nicht.

Nachdem sie bezahlt hatte, zerrte sie ihren Sohn eilig mit sich fort. Er drehte sich kurz um.
Ich hätte schwören können, dass in seinem Blick etwas Flehendes lag.
Ob ihn seine Mutter wohl zwingt, Unterwäsche aus ökologisch unbedenklich erzeugter Jute zu tragen?
Armer Kerl.

Ich zahlte.
Reichte der Kassiererin meine Karte mit einer Art Stolz, als wäre es eine AmEx Gold. 
Sie schien keine Notiz von meinem Stolz zu nehmen.
Na ja.
Nicht so wichtig.

Ich verstaute die Flaschen und Zigarretten in einer Einkaufstüte und klemmte mir den Wein unter den Arm. 
Nur die Straße trennte mich jetzt noch von der Kühlbox in Laras Auto. Ich wollte wieder nach Hause und es mir mit Lara in meiner großen Badewanne gemütlich machen.
Ein älterer Herr fuhr auf seinem Fahrrad an mir vorbei. Ich kannte ihn, er wohnte in meinem Haus, ein paar Zimmer weiter. Wir wechselten von Zeit zu Zeit ein paar Worte. Ich lächelte ihn an, er lächelte zurück.
Wahrscheinlich verachtete er mich zutiefst.
Das Gewicht der zwölf Liter Wein unter meinem Arm machte sich allmählich bemerkbar. Umso genervter war ich, dass es der Fahrer des von rechts kommenden Autos scheinbar gar nicht eilig hatte. Mit verabscheuungswürdiger Gelassenheit schlich er die Straße entlang. Ich warf ihm einen bösen Blick zu. 

Jetzt aber schnell nach Hause.

Den Geländewagen sah ich nur für den Bruchteil einer Sekunde in meinem linken Augenwinkel, hörte noch die blockierenden Räder, spürte den dumpfen Schlag gegen meinen Unterleib.
Dann wurde es dunkel und still.

Sehr dunkel.

Sehr still.

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16 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Nicht, dass mein Arsch besonders hübsch oder stramm oder sonstwie ansehnlich gewesen wäre - aber in Ehrung meiner Abstammung hatte ich mir je ein grünes Kleeblatt auf jede Arschbacke tätowieren lassen und auf dem Steißbein standen die Worte: "slap me, I'm Irish".


    -heeeerzlich gelacht ;D 

    31.01.2017, 00:00 von Besinnmich
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  • 1

    " Und natürlich scharf wie ein Hanzo-Schwert. "


    Das hat ein Hanzo-Meisterwerk nicht verdient, in einer Fick-Metapher entwürdigt zu werden. Banause!^^

    25.12.2016, 12:03 von Hattori-Hanzo
    • 0

      Wer schafft es schon, ein Hanselschwert zu entwuerdigen ?

      25.12.2016, 12:29 von Dr_Lapsus
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  • 1

    habe mir tatsaechlich die Zeit genommen,  diese bescheidenen Zeilen zu lesen.


    Die Themen :  rauchen, saufen, voegeln und einkaufen sind fuer mich nun wirklich nicht sehr erlebnis- und aufschlussreich.   
    Schon lange nicht mehr so einen tristen  Text gelesen.  

    Bin wirklich gespannt, wann mal jemand etwas Aussergewoehnliches pinselt ?


    25.12.2016, 02:31 von Dr_Lapsus
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  • 0

    Als würd ich Leberwurst essen . . .

    25.12.2016, 00:18 von Justus
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  • 1

    Der hat Momente, einige sogar. Guter Stil, souverän, aber dann: so Billiglacher. Zwischenduch immer mal Aufblitzer. Dann wieder Gähner. Geschwurbel. Da ist ne Menge Potetial, aber du denkst dir so: Don't try.

    16.12.2015, 20:03 von JackBlack
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  • 2

    slap me, I like it.

    14.12.2015, 10:46 von Freulein_Taktlos
  • 1

    Das hier zu lesen war die beste Beschäftigung dieses Abends. Besser als jedes andere in diesem Moment zur Verfügung stehende Unterhaltungsprogramm.

    13.12.2015, 21:41 von Cyro
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  • 3

    Ob ihn seine Mutter wohl zwingt, Unterwäsche aus ökologisch unbedenklich erzeugter Jute zu tragen?

    Verpackungen, auf denen groß "Bio" prangte. 
    Und fünffach-recyceltes Klopapier.



    Hahahhaha.

    13.12.2015, 20:19 von yuhi
    • 0

      Ja, ich muss auch lachen. :D
      Obwohl mir am Ende klar war wer höchstwahrscheinlich den Protagonisten mit dem Bullenfänger bearbeitet hat.

      14.12.2015, 17:54 von Cyro
    • 0

      Grauslig, wie sich oft meist urbane Menschen mit so einem (glaub angeblich extrem Benin fressenden) Status- Gelände-Dings aufpumpen müssen....^^

      14.12.2015, 21:01 von yuhi
    • 0

      Tja, wenn man vor Leuten, die kein fünffach-recyceltes Klopapier
      benutzen und statt dessen einen Karton voll Weinflaschen nach Hause
      tragen Angst hat .,. Ängste können wohl zu merkwürdigem Verhalten führen.

      14.12.2015, 21:21 von Cyro
    • 0

      Meinst du, das war die Frau?
      Soweit hab ich gar nicht gedacht ^^.
      Ich glaube das war nicht nur Angst, sondern eher Verachtung, so eine moralische Verurteilung. Ein nicht Gönnen, dass da einer traut einfach mal über die Stränge zu schlagen . Vielleicht auch Neid. Oder eine Mischung aus Allem.

      14.12.2015, 22:13 von yuhi
    • 0

      Irgend so etwas Negatives, ja.

      14.12.2015, 22:16 von Cyro
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