hillside 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 4

Stille

Sie fesselt mich, nimmt mir den Atem und singt, sie lacht, "lass uns doch Freunde sein", sagt sie und ich nicke, nicht wissend, was mich erwartet.

Meine Füße werden nass. Erst jetzt fällt mir ein, dass sie Schuhsolen komplett zerlöchert sind. Ich sollte neue kaufen. Aber das ist jetzt auch schon egal. Ich laufe weiter und sehe mich um. Es ist fast gespenstisch still. Der kurze Gruß einer alten Dame macht es nicht viel besser. Wäre das vielleicht ein perfekter Tag? Womöglich der perfekte Tag, um alles loszuwerden. Ich denke nicht lange darüber nach.
 
Die Regentropfen fallen noch immer auf meine Haut, als ich längst in der Küche sitze. Das Haus ist leer, leise, tot. Die Vögel auf dem Strommast weg. Das tröpfelnde Geräusch des Regens verschwimmt in sich selbst und verschwindet in der Stille. Ein komisches Gefühl, ein alles verschluckendes Monster ohne Zähne. Doch es friss mich auf. Laut schmerzt, nervt und tötet, leise zieht dich zu tief in sich hinein. Stille tötet nicht, sie quält. Mit jedem Atemzug versuche ich sie zu verschrecken. "Sieh her, du bekommst mich nicht" rufe ich ihr zu. Und sie lacht.
Ich drehe die Musik auf, in der Hoffnung sie könne mich retten. Doch sie gibt dem Schweigen Tarnung, ein Versteck, um sich hinterrücks an mich heran zu schleichen. Dann setze ich Teewasser auf, meine Füße sind noch immer nass. Auf dem Boden haben sich kleine Wasserpfützen gebildet in denen sich die Leere spiegelt. Der Wasserkocher zischt und schlägt die Stille für einen Augenblick in die Flucht, doch sie wird wieder kommen, wird an mir kleben wie mein eigener Schatten. Ich bewege mich kurz, möchte sehen wie es meinem Schatten geht, mich seiner Existenz vergewissern. Er ist noch da. Erleichtert atme ich auf. Er wird nicht kampflos aufgeben.
Mit meiner Tasse Fencheltee setze ich mich an den Küchentisch. Ich trommle mit den Fingern den Rhythmus von We will rock you auf dem ausgeblichenen Holztisch. Die Stille scheint für einen kurzen Moment verwirrt, sieht mich an. Ich trommle schneller, lauter. Sie sieht wieder weg, als wäre nichts gewesen.

Der Regen hat mittlerweile aufgehört, die Spatzen planschen in seinen leblosen Überresten. Ich nehme meine Tasse und setze mich auf die Couch. Die Stille folgt mir. Sie sitzt regungslos neben mir und schweigt. Ich biete ihr einen Tee an, sie schweigt, also mache ich ihr einen. Diesmal verschreckt sie der Wasserkocher nicht. Als der Tee fertig gezogen hat, höre ich einen Schlüssel, der sich im Haustürschloss dreht. Die Stille und ich sehen uns an, keiner weiß, was zu tun oder zu sagen ist. Dann steht meine Mutter in der Küchentür, sieht zuerst mich, dann die Wasserpfützen am Boden, dann meine nassen Socken fragend an. Ich kämpfe, um meine Tränen zurückzuhalten. "Ich hab dir Tee gemacht", sage ich mit verkrampfter Stimme. Dann nehme ich sie in den Arm. Als ich mich aus der Umarmung löse, schüttelt sie nur den Kopf, nimmt ihren Tee, sagt "Danke" und "ich gehe eine rauchen" und verschwindet auf den Balkon. Die Stille ist längst verschwunden. Doch wir beide wissen, wir werden uns morgen wieder sehen.

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1 Antworten

Kommentare

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    Wirklich toll geschrieben!

    06.10.2012, 17:24 von Jaara
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