Max-Jacob_Ost 30.11.-0001, 00:00 Uhr 79 18
NEON täglich

Sterne über London

Wembley, Champions League-Finale. Ich war dort und möchte davon erzählen.

Dort hinten, hinter dem Grün, dem Rot, all den tanzenden Farben und den Blitzlichtern, dort hinten, da liegen sie, die zwei kleinen Punkte. Auf einem großen weißen Stück Stoff, dem einzigen Ruhepunkt zwischen hüpfenden Farben. Unwirklich weit weg in einer eigenen, farblos unbeweglichen Welt. Um sie erkennen zu können, muss auch ich zur Ruhe kommen, still stehen statt hüpfen, mich auf das Weiß fokussieren. Die Punkte werden zu Menschen, zu abgekämpften Spielern mit dreckigen Stutzen. Fernab der jubelnden Massen liegen Bastian Schweinsteiger und Arjen Robben mit dem Rücken auf dem weißen Tuch, die Hände erschöpft vom Körper gestreckt. Ich folge ihrem Blick in eine tiefschwarze Nacht hinter gleißendem Flutlicht. Erst ist alles schwarz, dann sehe ich sie: einzelne Sterne zwischen wenigen dunklen Wolken. 

Es ist nicht möglich zu erkennen, ob Schweinsteiger und Robben miteinander gesprochen haben. Vorstellen kann ich es mir nicht. Es werden allerhöchstens ein paar Worte gewesen sein, im lauten Jubel für den Nebenmann kaum zu hören. Der Blick aus dem Stadion in die Nacht reißt einen aus diesem Trubel heraus, man ist plötzlich ganz bei sich. Für mich fühlt es sich an, als würde ich zum ersten Mal seit Beginn des Spiels wieder tief durchatmen. Erst jetzt bemerke ich, wie angenehm kühl die Nachtluft Londons ist. Ein kurzer Moment Ruhe. Als ich wieder zu den beiden blicke, hat eine Kamera sie schon entdeckt. Sie bemerken, dass sie gefilmt werden, richten sich auf und schlendern zurück zur Mannschaft. Herzlich willkommen zurück in dieser Welt.

So kurz er war, mit mir hat dieser Moment etwas gemacht. Das kurze Innehalten, der Blick aus diesem aufgeheizten Farbenkessel hinaus in kühle Nacht. Der erste Moment, in dem Aufregung und Adrenalin überlagert wurden von einer tiefen Zufriedenheit. Ein emotionaler Schlusspfiff. Es ist der einzige von tausend Eindrücken dieser Nacht im Wembley-Stadion, den ich voll erfassen konnte, der nicht zu groß war, um ihn aufzunehmen. Wahrscheinlich weil ihm genau das fehlte, was die Stunden davor geprägt hatte: Aufregung, Anspannung, Dramatik, Lautstärke. Zum ersten Mal schwang das Emotionspendel für einen kurzen Augenblick wieder über den Nullpunkt. Als es wenige Herzschläge später wieder ausschlug, fühlte sich das anders an. Zwischen den Extremen gab es wieder eine Mitte. Das Feiern, das Singen, die Lautstärke und Bildgewalt der Eindrücke überforderte mich nicht mehr, all das ließ sich zum ersten Mal einfangen. 

Seit dem Gang ins Stadion hatte sich alles verzerrt, mich in einen Strudel gerissen. Wimpernschläge lagen zwischen Jubel, Angst, Euphorie, Staunen. Stunden dauerte es plötzlich, nur einen Eckball auszuführen. Müdigkeit legte sich über die Sinne, Gesänge klangen dumpf, der Ball bewegte sich quälend langsam über den Rasen. Wie Sandkörner in einem Wüstensturm prasselten die Eindrücke unaufhörlich auf mich ein. Unmöglich, das auch nur annähernd schriftlich festzuhalten.

Stunden später rollten wir im Bus durch die Nacht. Die Ekstase hatte tiefer Müdigkeit Platz gemacht. Kurz bevor auch mir die Augen zufielen, dachte ich noch einmal nach über das Bild von Schweinsteiger und Robben auf dem ausgerollten Bayern-Emblem im Mittelkreis. Eine andere Erinnerung legte sich darüber: Nach dem Finale vor einem Jahr lagen die Spieler ebenfalls im Anstoßkreis, fassungslos ob der Niederlage gegen Chelsea. Schweinsteiger in sich zusammengesunken, verkrümmt mit dem Gesicht tief im Gras. Robben hatte die Arme über dem Gesicht verschrenkt, andere Spieler das Trikot bis über den Kopf gezogen. Sich verkriechen. Woanders sein. Abtauchen. Die Augen verschließen. Das alles steckte in diesem Bild. Diesmal hatten sie die Augen geöffnet, den dunklen Himmel über sich. Und vielleicht fühlte es sich für sie auch an, als wären sie seit langem wieder bei sich. Die eigentliche Geschichte dieses gewonnenen Finalspiels in Wembley liegt für mich in diesen beiden Bildern. Es wurde mit etwas abgeschlossen. Zum ersten Mal versetzte mir die Erinnerung an jenen Augenblick aus dem Jahr 2012 keinen Stich.

Vor einigen Wochen hatte ich euch nach euren „Erinnerungsperlen“ gefragt, nach goldenen Momenten eures Lebens. In meinem ist einer dazu gekommen und ich wollte ihn mit euch teilen. 

18

Diesen Text mochten auch

79 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Jetzt gibt es zwei Gifs der Situation. 


    29.05.2013, 10:25 von Max-Jacob_Ost
    • Kommentar schreiben
  • 5

    so, max. du bekommst ein herzchen, weil du immer so herzig und schön schreibst und man deine texte lesen kann, ohne sich, wie so oft hier bei texten von anderen redakteuren, die haare raufen zu müssen. und das, obwohl mir fußball so richtig egal ist und ich den fcb überhaupts nicht leiden mag. ich hab sogar, als ich am st. patrick's day besoffen war in münchen gegen die fanclubscheibe gespuckt. aber egal: weiter so!

    28.05.2013, 10:50 von YOLK
    • 1

      hach. prosa verbindet.

      28.05.2013, 10:54 von Max-Jacob_Ost
    • 0

        :)

      28.05.2013, 11:03 von YOLK
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Komisches Spiel, alle fanden Reus gut und so. Ich fand reus war total kacke und hat jeden Ball vorn festgelaufen und verschenkt, ab und an, tw zufällig wie beim Elfer, ein Foul bekommen. Reus und Lewandowski können sich nicht ab, das merkt man seit Monaten und in dem Spiel wars besonders deutlich. Nur nicht den Anderen zum Matchwinner machen. Bei den Bayern wars anders, die Notwendigkeit zu gewinnen größer als die Egoismen. Insofern Glückwunsch.

    28.05.2013, 00:40 von Boahmaschine
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Gibt's über London überhaupt Sterne, wegen der Lichtverschmutzung?

    28.05.2013, 00:25 von schmackofatzin
    • Kommentar schreiben
  • 3

    Fussball. Opium fürs Volk.

    27.05.2013, 22:29 von miss_mel
    • Kommentar schreiben
  • 0

    aber ich ertappe mich selbst dabei in die niveauschublade eines fussballftheoretikers zu versinken.
    sorry, max, aber fussball...nee, bitte nicht hier.
    und werbung für den fc bayern nach all den unglaublich arroganten aspekten der letzten wochen, nee...bitte nicht. danke. über die wortwahl, den satzbau, etc. kann ich mich denn auch nicht äussern.

    27.05.2013, 21:57 von Filousoph
    • Kommentar schreiben
  • 0

    nee, sorry. auf dieser Seite, die sich eigentlich mit ganz anderen Themen beschäftigen soll als einem oberflächlichen, stark subjektiv geprägten fussballfangefasel, hätte ich das nicht erwartet.
    da hätte man doch eher mal über den kulturellen aspekt des Abkaufes - und dem damit zusammenhängenden zerstörens angehender fussballKULTUR - von Götze UND Lewandowski schreiben können. Und den Jupp - als ganovenbruder von uli hoeness - einen Mann nennen können, der seine alten Werte verkauft...

    27.05.2013, 21:53 von Filousoph
    • 0

      Kann ich jetzt gar nicht verstehen.... weil ich finde, hier darf und soll jeder das schreiben, was ihn persönlich bewegt und umtreibt....

      Für Themen wie den "Abkauf" der Bayern ist ja trotzdem noch Platz hier. An anderer Stelle eben... vielleicht schreibst du was drüber, wenn es dich interessiert?

      31.07.2013, 12:03 von Tanea
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ein schöner Augenblick ist wie ein schönes Lied,
    er verfliegt aber hat trotzdem unser Herz berührt !

    27.05.2013, 20:37 von flyway
    • Kommentar schreiben
  • 0

    !

    27.05.2013, 20:37 von flyway
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4

NEON im Netz

Spezial: Städtereisen

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare