LilaKoboldmaki 30.11.-0001, 00:00 Uhr 22 24

Stalkerin

„Fick Dich! Verschwinde!“, spucke ich dir entgegen. – Doch wie soll das gehen, wenn du ein Teil von mir bist?

Es ist ein üblicher Maisamstag in der Bremer Innenstadt. Hinter mir der Dom und vor mir die volle Einkaufspassage. In meiner Tasche klimpert ein wenig Geld, das ich von meinen Freunden geschnorrt habe. Ich muss mir Farbe kaufen oder Musik und vielleicht eine Komödie, so vom Stil der nackten Kanone. Denn meine Liebe ist seit kurzer Zeit nicht mehr in meinem Leben. Sie hat bislang mein Herz in allen bekannten und noch unbekannten Farben angemalt und dazu auf der Geige, Klavier und Querflöte gleichzeitig gespielt. Hat dumme Grimassen geschnitten, Sketche vorgeführt und mich zum Lachen gebracht. Doch die Zeit und Erfahrungen veränderten uns und wir mussten leider nach 1000 Kämpfen einsehen, dass es nirgendwo Sicherheit gibt und eine große Liebe nicht immer ein Happy End besitzt.

Jetzt betrachte ich alleine die Warenangebote in den Schaufenstern und rege mich mit mir selbst über die dürren Schaufensterpuppen auf. Belächle ohne meine Liebe den Bremer "Walk of Fame" mit Größen wie Rudi Carrell und Peter Maffay, und kaufe nur für mich allein einen Kaffee am Eck. Ohne jemanden an meiner Seite strecke ich mein Gesicht der Sonne entgegen und spüre, wie ihre Wärme mein Gesicht streichelt. Es fühlt sich wehmütig, aber okay an.

Ich drehe mich um. Und plötzlich sehe ich zwischen den Passanten deine Silhouette. Kann es kaum glauben. Ich kneife die Augen zusammen, um jeden Zweifel auszuschließen. "Bist Du es wirklich? Nein, nicht hier, nicht nach so langer Zeit!". Menschen versperren mir im Sekundentakt die Sicht. Ein dicker Mann mit einer Pommestüte schiebt sich in mein Sichtfeld. "Deine Cholesterinwerte will ich nicht haben", denke ich noch und finde dich mit meinen Blicken nicht mehr. "Du warst es sicherlich nicht, was willst du denn auch hier? Ein dummer Gedanke, weiter nichts", beruhige ich mich.

Einen lachsfarbenen Trenchcoat, eine tomte-CD und eine DVD von "Soloalbum" mit Matthias Schweighöfer später schlendere ich nach Hause.
Der Gedanke an dich lässt mich dabei nicht los. "Was ist, wenn du es doch warst? Was machst du hier? Bist du meinetwegen in der Stadt? Du wolltest mich doch nie mehr wiedersehen? Ich hatte dich doch zum Teufel gejagt als ich endlich die Kraft dafür fand! Was, wenn wir uns begegnen? Willst Du das Chaos zwischen uns auferstehen lassen?". In meinen Gedanken zwinkerst du mir keck zur Begrüßung zu. Ich bin nervös und laufe schneller.

Zuhause angekommen, schmeiße ich meine Einkäufe in die Ecke und decke den Tisch für meine Gäste. Brot, Nüsse, Gläser und Rotwein, damit sind sie und ich immer zufrieden. Die Absätze meiner Schuhe auf dem Parkett dröhnen durch den Raum, aber nicht zu mir vor. Meine Gedanken hängen immer noch bei dir. Kaum einer wusste von dir und doch hast du mir eine ganz neue Welt gezeigt. Durch dich lernte ich das Leben mit anderen Augen zu sehen. Du hast mich gelehrt, wie tief ich fallen kann. "Was, wenn du wieder hier bist und sich unsere Wege kreuzen? Ich will es nicht rausfinden. Bitte nicht!". Ich bin unruhig und erwarte sehnsüchtig meine Freunde, um aus dem Gedankenmeer wieder aufzutauchen.

Es klingelt. Erleichterung. Ablenkung von meinen Gedanken. Etwas schneller als sonst gehe ich zur Tür und öffne sie. Da stehen sie vor mir Anja, Thomas, meine beste Freundin und du. Du bist mitten unter ihnen und schaust mich an. Mir wird heiß, ein Herzschlag setzt aus. Trotzdem bitte ich euch herein. Als du an mir vorbei in meine Wohnung gehst, nicke ich dir freundlich zu und du zurück. Ich kann nur akzeptieren, nicht verstehen, dass du hier bist.

Lachend nehmen meine Gäste Platz und fallen mit Worten übereinander her. Alle außer dir. Du sagst so gut wie nichts. Das war schon damals so. In Gesellschaft hülltest du dich oft in Schweigen und sprachst dafür umso mehr, wenn wir alleine waren. Nächtelang hast du mir immer wieder die gleichen Dinge erzählt, bis die Sonne aufging und ich vollkommen übermüdet noch fünf Minuten Schlaf ab bekam, bevor der Wecker klingelte. Daraufhin schleppte ich mich mit den Augenringen eines Durchschnittsjunkies und fünf Tassen Kaffee intus zur Arbeit. Ich frage mich heute noch, wie ich diese Tage überstanden habe.

Wir leeren Flasche um Flasche. Mit jedem Schluck aus dem dickbäuchigen Glas hoffe ich, dass sich meine Anspannung verliert, die mir deine Gegenwart bereitet. Ich spüre deine Blicke auf mir liegen und wünsche, dass ich mir sie nur einbilde. Spiele verlegen mit Brotkrumen auf dem Tisch. Schaue kurz zu dir auf. Unsere Blicke treffen sich. "Was machst Du hier, frage ich mich? Ich habe alles getan um dich zu vergessen und dich nie wieder zu sehen, und jetzt sitzt du hier an meinem Tisch. Was willst Du von mir? Nicht noch einmal, nicht noch mal ein Intermezzo mit dir!". Enge! Urplötzlich sind die Wände um mich herum so bedrohlich nahe und meine Freunde so weit weg. Ich höre sie nicht mehr. Meine Beine wollen laufen, meine Gedanken rasen.
Ich entschuldige mich und gehe in die Küche und zünde mir eine Zigarette an. Schaue aus dem Fenster und suche im Anblick der menschleeren, schwach von Laternen beleuchteten Straße Ruhe. Ich kontrolliere meine Atmung. Und plötzlich höre ich die Schritte hinter mir. Umdrehen muss ich mich nicht, um zu wissen, wer den Raum betritt. Du bist es und ich wende mich dir zu.

Du trittst mir wortlos entgegen, greifst nach meinem Handgelenk und umschließt es mit der Faust. Ich erstarre. Kann nichts sagen, mich nicht wehren, als du mich näher zu dir ziehst. Mir wird heiß, mein Herz pocht so stark, dass ich es hören kann. Ich will hier weg. Flüchten, einfach nur rennen, so schnell und so weit ich kann. Ich schaue zur Tür und schicke Stoßgebete zu Gott, dem Schicksal oder dem Zufall, wem auch immer und flehe, dass sie mich erhören und diesem Treiben ein Ende setzen. Niemand betritt den Raum, kein Blitz fährt vom Himmel und erschlägt dich, kein Sturm reißt das Fenster auf und fegt dich weg.
Ich bin verzweifelt, drehe und winde mein Handgelenk in deinem Griff, der sich nicht lösen lässt. Du bist zu stark. "Verschwinde!", spucke ich dir entgegen.
Du lächelst, presst deinen Körper gegen meinen und drückst uns gegen die Wand. "Fick Dich!" schreie ich, und stoße dich mit aller Kraft von mir weg ohne das sich der Abstand zwischen uns vergrößert. Du lächelst immer noch und öffnest das erste Mal deinen Mund und hauchst mir Worte ins Ohr: "Dachtest Du wirklich ich würde dich nicht mehr finden?".
Ich habe Angst, mir ist heiß, mein Herz rast. Ich fühle, wie es sich mit Beton füllt. Er fließt über den Rand, rinnt meine Arme und Beine herab, wo er sich in den Fingern und Zehen sammelt. Nur nicht in meinem Kopf. Der explodiert vor lauter rasenden Gedanken in 1000 Fetzen, dann schließe ich die Augen und sinke aufs Parkett.

Plötzlich höre ich hastige Schritte auf dem Gang. Sie kommen auf mich zu. "Wir brauchen noch mehr Alkohol", sagt meine beste Freundin fröhlich, während der Refrain von "Griechischer Wein" aus meinen Boxen und der tonoriginelle Mitgesang meiner Freunde aus dem Nebenzimmer zu uns schallt.
Ich öffne die Augen und schaue zuerst auf die leere Weinflasche, die sie demonstrativ in der Hand hält und dann in ihr Gesicht. Sie schmunzelt mich liebevoll mit einer ordentlichen Mischung aus Wohlwollen und Weinseligkeit an. Ich erwidere ihren Blick "Sie ist wieder da." "Wer?" "Die Scheißkotzkackdreckskuh", antworte ich und stütze meine Stirn auf meinem Knie auf.

Meine beste Freundin lächelt jetzt nicht mehr. Setzt sich zu mir auf den Boden und nimmt meine Hand. Wir akzeptieren, dass du wieder da bist und neben mir Platz genommen hast, meine fast schon vergessene alte Bekannte, die Depression.

24

Diesen Text mochten auch

22 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    wooow..einfach wunderschön geschrieben..(:

    28.03.2011, 07:56 von Miezemauz
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich finde den Titel toll, weil er nicht sofort verrät worum es geht und doch irgendwie passend ist. Ich bin beeindruckt von dem Text. Echt zum unter-die-Haut-gehen!

    27.03.2011, 21:02 von freude-friede
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Gänsehaut.

    27.03.2011, 19:03 von Schnuckazucke
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wirklich richtig toll geschrieben.
    ich musste weinen, denn mir gehts im moment genauso.
    wie aus der seele gesprochen :)

    27.03.2011, 14:34 von volcommen
    • 0

      @volcommen Erstmal vielen Dank für die zahlreichen Komplimente. Bin ganz überwältigt.

      Allen, die der Text anspricht, weil sie sich grade in der beschrieben Situation befinden, muss ich an dieser Stelle unbedingt sagen, dass er aus der Erinnerung heraus geschrieben wurde. Ich habe meine Depression überwunden, und das werdet ihr auch schaffen, auch wenn ihr es jetzt vielleicht nicht glaubt. Keine Depression dauert ewig. Wünsche euch viel Kraft. Ihr kommt da wieder raus :-)

      27.03.2011, 17:33 von LilaKoboldmaki
    • Kommentar schreiben
  • 0

    och nööö... die depression kann wieder gehen!
    aber wirklich schön geschrieben.. hatte Spaß am lesen

    26.03.2011, 21:12 von missbutterfly400
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Super beschrieben! Vor allem die Art, wie gewaltsam sie zu einem ist..

    26.03.2011, 14:22 von lamite
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wahnsinnig gut!

    26.03.2011, 09:57 von MsLeigh
    • Kommentar schreiben
  • 0

    den titel finde ich irgendwie unpassend. aber ansonsten gut.

    26.03.2011, 02:31 von HIRSE
    • 0

      @HIRSE ja, das hab ich auch gedacht. Ich hätt auch nen anderen Titel gewählt.

      26.03.2011, 20:30 von Zio
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare