jetsam 29.08.2012, 13:13 Uhr 26 22

Spinnen – Wesen – gewesen

Manchmal sitze ich auf einer Bank und schaue in den Sonnenuntergang. Am Brückengeländer hat eine Spinne ihr Netz gewebt...

Spinnen sind schon eigensinnige Geschöpfe. Sie bauen Netze aus dünnen, fast unsichtbaren Fäden und legen sich geduldig auf die Lauer. Verirrt sich ein Getier darin, schlagen sie unbarmherzig zu, hauen ihre Kieferklauen in den Körper und injizieren eine Mixtur aus Nervengift und zerstörender Masse. Ungeachtet ihrer Schmerzen hängen sie nun eingesponnen zum Verzehr bereit. Ausgesaugt bedarf es nur eines kleinen Trennbisses, um sich von der leblosen Hülle zu entledigen, die sodann unbeachtet zu Boden fällt.

Ich sitze auf meiner Bank und schaue in den Sonnenuntergang. Das Wasser treibt unter mir dahin, vermittelt mir eine endlos erscheinende Kraft eines Kreislaufes. Der Horizont verfärbt sich schimmernd in einer Vielfalt von Farben, die in den Wolken immerzu neue Bilder zeichnen. Ich ergötze mich an diesem Tod, möchte ihn festhalten wie dieses von Gold umringtes Nichts, was von meinem Finger gleitet und als erloschenes Feuer in meiner Handfläche ruht. Es bereitet keine Schmerzen, umgarnt mich nicht mit Wärme und Geborgenheit. Doch dieses „Nichts“ war doch mit etwas gefüllt. Warum fällt dieses Etwas nicht einfach in sich zusammen? Hat sich nur das Innere aufgelöst und gibt den Blick auf etwas Neues frei? So schaue ich hindurch und betrachte ein sterbendes Objekt am Brückengeländer und meiner Hand. Wer trennt nun diesen Faden, der mich zu Boden fallen lässt? Wohin falle ich? Natürlich trage ich kein Gift in mir. Noch funktionieren meine Nervenbahnen, ist die Masse meines Körpers mit Leben erfüllt.

So schließe ich meine Augen, behalte die Bilder der Vergangenheit hinter den Lidern gefangen. Als die Sonne mit letzter Kraft verstorben, lediglich ein blasser Schein des Mondes die Schatten über das Wasser treibt, drehe ich mich und warte auf deinen Aufgang. Die Spinne hat sich von dem leblosen Körper getrennt und wartet im Mondschein geduldig auf neue Beute.

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26 Antworten

Kommentare

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  • 0

    schöne "Momentaufnahme" in Worte gefasst- mit Herz geschrieben und sehr gut mitzufühlen =) weiter so!

    02.09.2012, 21:14 von Johannesv2xi
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  • 0

    Wenn ich nocheinmal von Dir lese, Du könntest nicht schreiben... werde ich richtig sauer! Glückwunsch zur Startseite, mein Lieber! Nachdenkliche Gedanken in wunderbare Worte gefasst, sehr fein (-sinnig).

    02.09.2012, 00:03 von Mrs.McH
    • 0

      Danke


      Ist ja schon gut, ich habe es verstanden ;)

      03.09.2012, 09:30 von jetsam
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  • 1

    Ich bin ein bisschen neidisch über die Gelegeheit, Gedanken einfach mal trödeln zu lassen.
    :0)
    Da kann man sich prima bei sortieren.

    31.08.2012, 19:48 von Igel75
    • 1

      manchmal ist es besser sich eine bank zu suchen und seine gedanken zu sortieren, als alles in sich hineinzufressen. meine bank und ich sind so mit der zeit freunde geworden.

      31.08.2012, 19:54 von jetsam
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  • 1

    Ein Herr des Ringes saß an einem Fluss. Schaute in die Weite und ließ seinen Geist fließen. Er schien mir klug mit seinem Schreiben sogar weise, will es mir scheinen und so mag ich still neben ihm sein ;-)

    31.08.2012, 16:40 von blueRiver
    • 1

      danke, jedoch weise?


      jetsam ist immer auf der reise.


      die gedanken tagen ihn dahin, das leben, macht es sinn?


      schreibe sie auf und stelle sie ein, trinke danach ein gläschen wein.


      ist es klug es so zu tun?


      bin sie los und kann nun ruhen.

      31.08.2012, 17:04 von jetsam
    • 1

      In all dem Modernem und Neuem, dem Asphalt und Lärm bin ich auf der Suche nach einem Geist wie meinem. Still die Fragen mag und sie gehen lassen kann, mit Sinnen im Außen schauen kann und die kleinen Dinge erblickt. Weise ist es allemal, alles beginnt mit der Saat-  Fragen des Lebens und sodann in die Antworten hineinzuleben. Es ist mit der schönste Teil im Leben sich diesem hinzugeben

      31.08.2012, 23:00 von blueRiver
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  • 0

    Wer trennt nun diesen Faden, der mich zu Boden fallen lässt? Wohin falle ich?

    Schöner, nachdenklicher und melancholischer Text.


     

    31.08.2012, 16:03 von Jackie_Grey
    • 0

      Das war ja auch ein melankolischer Moment mit vielen Gedanken, die mir da durch den Kopf gegangen sind.


      Daher bezeichne ich diese Bank auch als MEINE Bank. Ich treffe mich mit ihr gelegentlich zu einem vertrauten Plausch.

      31.08.2012, 16:36 von jetsam
    • 1

      Das ist wunderbar und tröstend, ein solches Plätzchen bzw. eine solche Bank zu haben, wo man seinen Gedanken freien Lauf lassen kann.

      31.08.2012, 16:40 von Jackie_Grey
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  • 0

    großartiger text!

    31.08.2012, 15:56 von MarekKlippendichter
    • 0

      da danke ich doch mal ;)

      31.08.2012, 17:42 von jetsam
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Hatte ich bildhaft vor Augen. Schön.

    31.08.2012, 14:48 von Bender018
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  • 0

    Spinnen mag ich ja nicht. Den Text schon.

    well done, 10 mom

    29.08.2012, 18:23 von mirror87
    • 0

      well done, 10 mom
      danke sagt mal jetsam. Noch bin ich keine gespaltene Persönlichkeit und schreibe eigenständig. :D

      29.08.2012, 18:35 von jetsam
    • 1

      Oh shit....was ist bloß los heute.*facepalm*
      Da hast du voll und ganz Recht.
      Während ich den Kommentar schrieb, schaute ich mit einem Auge auf den Kommentar von 10mom. Keine Ahnung warum.

      Also: well done, jetsam !!!

      Sorry nochmal.


      29.08.2012, 18:42 von mirror87
    • 0

      Kein Problem ;) 

      29.08.2012, 18:46 von jetsam
    • 1

      danke @mirror, dass du mir den text anhängen wolltest;)
      jetzt fühl ich mich geehrt!

      29.08.2012, 22:53 von zehnmomente
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  • 0

    du....danke.

    29.08.2012, 16:22 von zehnmomente
    • 1

      du...bitte.

      29.08.2012, 17:35 von jetsam
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