Choccina 30.11.-0001, 00:00 Uhr 23 28

Spaghetti-Trip

Warum Drogen das langweiligste Partygespräch sind und was man dagegen tun kann.

Verschwitzt tanzt du dich näher an mich ran. Nicht sehr zielstrebig, sondern eher mit der Vorsicht einer Antilope, die an einem Wasserloch trinkt. Wir haben uns in den letzten fünfzehn Minuten eindeutige Blicke durch den Club zugeworfen und endlich hat einer (du) den Mut gehabt auf den anderen zuzugehen. Tanzend natürlich.

„Hey.“ sagst du und ich wiederhole es wie ein talentierter Papagei. Mehr braucht es nicht, um den anderen zu signalisieren, dass die second Base erreicht wurde. Und mit diesem ‚Hey‘ durchbrichst du die Mauer zwischen fremd und vertraut. Wenn man Kennenlernen genauer anschaut, dann fühlt es sich jedes Mal an, wie eine kleine Geburt, ein kleiner neuer Seitenstrang in der verworrenen Geschichte unseres erbärmlichen Daseins. Wir kommen nun also endlich ins Gespräch und tauschen die ersten Basisinformationen aus: Woher kommst du? - Ja stimmt, echt niemand kommt ursprünglich aus Berlin. Haha. - Was machst du? - Und so weiter und so fort.

Bis jetzt scheint es gut zu laufen. Du scheinst noch nicht weglaufen zu wollen und ich finde dich auch nicht uninteressant. Irgendwann ist es uns zu umständlich, jeden zweiten Satz aufgrund der Lautstärke wiederholen zu müssen und wir ziehen uns von der Tanzfläche zurück, in einen Raum in dem es Sofas und Heizstrahler gibt. In meinem Kopf mache ich schon die Gleichung „gemütliche Sitzgelegenheit plus Wärme ist gleich deepe Gespräche, welche von heftigem, pubertären knutschen unterbrochen werden“ und bin von dieser Vision ziemlich angetan. Wir setzen uns also und als ich denke, dass wir endlich anfangen unseren Speichel auszutauschen, auf eine Art und Weise die jeden Pornostar rot werden lassen würde, holst du deinen Geldbeutel aus der Hosentasche und fragst mich, ob ich eine Line Keta haben möchte.

Ich verneine dankend und dennoch scheint das Thema für dich noch nicht beendet zu sein. Während du dir deine Line legst, erzählst du mir, stolz wie ein Gockel von deinen letzten Trips, dass du vier Ecstasy an einem Abend schaffst und noch anderes Zeug über deinen Partydrogenkonsum.

Der Vibrationsalarm in meinem Unterleib und die Vorfreude in meiner Brust (und nein, ich meine nicht in meinen BrüstEN, liebe Männer) versiegt augenblicklich. Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Drogen, nichts gegen deren Konsumenten und finde auch nach wie vor, dass es etwas sehr faszinierendes an dem Thema gibt. Alles was das Bewusstsein erweitert und die Psyche Umwege gehen lässt, die sie normalerweise nicht nehmen würde, finde ich interessant. Dennoch drängen sich in dieser Disco-Situation, bzw. Situationen, weil ich genau dieses Szenario schon tausendmal in unserer hedonistischen Hauptstadt erlebt habe, immer einige Fragen auf: Willst du, dass wir beide Drogen nehmen, damit wir dann auf einer Ebene sind? Bin ich dir sonst zu langweilig? Bist du sonst zu langweilig? Ist das ist deiner Welt ein Akt des Vertrautseins? Sozusagen die third Base des Kennenlernens? Ist das jetzt wirklich das Thema über das du reden möchtest, anstatt mir deine Zunge in den Mund zu schieben?

Ich nehme natürlich keine Drogen, sonst hätte ich dem Mann neben mir auf der Couch, in dem einen Raum, in dem famosen Club, in dieser sündhaften Stadt, wahrscheinlich anders geantwortet. Obwohl ich seit meinem dreizehnten Lebensjahr, mehr im Nachtleben unterwegs bin, als die meisten Menschen die ich kenne, habe ich noch nie regelmäßig chemische Drogen konsumiert. Bei meinen Versuchen war es immer sehr schön und magisch, aber da ich es immer nur zu „besonderen Gelegenheiten“ gemacht habe, denke ich, dass es dem Kakao nur noch die extra Sahnehaube aufgesetzt hat. Allerdings hätte der Kakao bestimmt auch so gut geschmeckt. Wenn man allerdings Wasser eine Sahnehaube aufsetzt, bleibt nur ein verdünntes Vergnügen.

Dazu kommt, dass man da wo ich herkomme, Drogen noch in der Hinterkammer konsumiert und auch nur dort darüber schwadroniert. Man profiliert sich nicht für den Konsum. Als ich nach Berlin gekommen bin, war ich fasziniert von der Zurschaustellung des Drogennehmens. Auf der ersten WG-Party haben alle Liquid Ecstasy geschnüffelt und mir von ihren Wahnsinns Trips im Berghain erzählt. Da ist mir aufgefallen, dass diese Profilierung eine negative Seite hat: Langeweile! 

Es gibt nichts langweiligeres, als sich Geschichten über die Folgen von Drogenkonsum anzuhören. Wenn du dicht warst, wie eine Haubitze und dich dann in den falschen Zug gesetzt hast und erst in Polen wieder aufgewacht bist oder, obwohl du hetero bist, dich plötzlich beim Gangbang im Darkroom wiedergefunden hast - ok, DAS sind Geschichten die ich gerne hören würde. Aber leider sind es immer diese öden, subjektiven Eindrucksblabla Geschichten, die sich alle gleich anhören.

Deswegen habe ich konsequent angefangen, solchen Leuten von meinem Essen zu erzählen. Von meinen Spaghetti, die so „dermaßen al dente waren gestern, dass sie sich P E R F E K T mit der Soße vermischt haben. Ein Geschmacksorgasmus war das. Ihr könnt euch das nicht vorstellen!“ Erzählungen über Essen sind nämlich genauso langweilig, austauschbar und subjektive Erfahrungen, wie Gerede über Drogen. Bitte macht es mit den Drogen, wie mit dem Essen; nehmt sie ein und schweigt darüber. Und wenn einmal etwas ganz Ausgefallenes passiert ist, dann könnt ihr das gerne den Girls erzählen, mit denen ihr schlafen wollt.


Tags: Drogen, Club, Flirt
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23 Antworten

Kommentare

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  • 1

    In der Situation war ich auch schon mal. 

    Ich habe den Platz gewechselt, weil ich ansonsten eingeschlafen wäre.

    25.01.2016, 21:29 von Zouanne
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  • 1

    "Deswegen habe ich konsequent angefangen, solchen Leuten von meinem Essen zu erzählen."

    komisch, irgendwie scheinst du nicht alleine zu sein mittlerweile. alle müssen immer nur noch übers essen reden, bilder posten, ernährungsreligionen angehören. das kann doch nicht nur an den drogen liegen, die ich nehme?

    20.01.2016, 18:16 von libido
    • 0

      Wer weiss?!

      21.01.2016, 12:05 von Choccina
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  • 1

    Ich habe mir ausschließlich um hier zu kommentieren einen Account erstellt. DANKE!
    Endlich jemand der meine Haltung teilt.

    20.01.2016, 17:56 von janinelugosi
    • 0

      Danke, das freut mich sehr!

      21.01.2016, 11:58 von Choccina
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  • 1

    con Aglio?

    20.01.2016, 00:05 von FrankFrangible
    • 1

      sempre!

      26.01.2016, 10:28 von Choccina
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  • 2

    Kann man das nicht allein vom Thema 'Drogen' auf 'Berlin' an sich ausdehnen...?

    19.01.2016, 18:50 von sailor
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  • 1

    Objektiv uninteressante Themen gibt es nicht.

    Man findet manchmal Themen uninteressant, die für andere aber die Grundlage ausgiebiger und anregender Gespräche sind. Ich finde beispielsweise Diskussionen über die neuen Regelwerke von DSA nicht sonderlich erbaulich. Deswegen würde ich anderen, die dieses Thema interessant finden und sich darüber austauschen wollen, doch nicht vorwerfen, dass sie über das Thema sprechen wollen. Wenn solche Themen angeschnitten werden, kann man darauf hinweisen, dass man keine Lust hat darüber zu reden oder das Thema einfach elegant wechseln. Oder - im vorliegenden Szenario - einfach mit der Knutscherei anfangen.

    Andere darüber zu belehren, welche Themen grundsätzlich uninteressant seien, halte ich nicht für die beste Herangehensweise an solche Situationen.

    19.01.2016, 15:29 von Yangus
    • 3

      Das ist kein Vorwurf, sondern eine indirekte Aufforderung seine Selbstbeweihräucherung manchmal zu reflektieren und zu hinterfragen. Du hast Recht, objektiv uninteressante Themen gibt es nicht, aber ich muss mir eben auch nicht alles anhören :)

      19.01.2016, 16:07 von Choccina
    • 0

      Interessant, wie unterschiedliche die doch aufgefasst werden, die geschrieben stehen...

      19.01.2016, 18:48 von sailor
    • 2

      Ich hatte beim lesen nicht den eindruck, dass die Frau Protagonistin irgendjemanden belehren möchte, sondern nur anhand dieses Beispiels einer inneren Verwunderung Ausdruck verleihen möchte.
      Ohne besonderen didaktischen Anspruch...

      Ode ich habe deinen Beitrag fehlinterpretiert... Das will ich nicht mit aller Kraft ausschließen...

      19.01.2016, 19:58 von sailor
    • 0

      Ich fürchte, mir erschließt sich der Sinn nicht...

      19.01.2016, 19:59 von Yangus
    • 0

      Nö. Ich hatte schon den Eindruck, dass der Text einen gewissen didaktischen Anspruch hat und die Autorin Menschen mit weniger Einsicht in den Interessantheitsgrad dieses Themas aufklären möchte. Da scheine ich allerdings die Intention der Autorin missverstanden zu haben.

      20.01.2016, 06:47 von Yangus
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  • 1

    Erlebte ich in meinem ersten Berlin-Jahr auch dann und wann. Die "Spaghetti-Taktik" könnte ein probates Mittel sein, käme sie einem in Momenten wie diesen nicht vor wie bunte und wunderschöne Vergeudung von kostbaren Worten und ebenso kostbarer Zeit. :)

    18.01.2016, 17:29 von what_if
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  • 1

    gerne gelesen.

    18.01.2016, 12:51 von jetsam
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  • 3

    Gefällt mir echt gut, klingt authentisch und liest sich gut. Außerdem: gute Einstellung Drogen gegenüber, wie ich finde. :)

    17.01.2016, 12:59 von nichtkompatibel.
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 5

      Ok, Mensch mit der Pille als Profilbild.

      17.01.2016, 13:17 von Choccina
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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