Kurthie 26.06.2009, 18:36 Uhr 2 0

SOZIOPHOBIE

oder: Angst vor anderen Menschen.

Ich fühle mich in der Öffentlichkeit gar nicht wohl. Ich wandle wie ein Zombie durch die Menschenmassen und schotte mich ab. Irgendwann bin ich Tod, so gefährlich ist die Welt für mich da draußen. Ich kann die menschliche Nähe nicht ertragen. Am liebsten möchte ich weit weg von dieser kalten und unmenschlichen Gesellschaft.
Ich habe schon einen Freund verloren. Ich habe noch einen Freund, der mir total fremd, gefühllos und arrogant geworden ist. Nicht mehr lange und auch diese Freundschaft geht in Brüche.
Für mich kommt ein Kinobesuch nicht mehr in Frage, weil ich nicht zwischen den besetzten Stühlen sitzen kann. Diese Enge kann ich nicht aushalten.
Ich habe Mühe soziale Kontakte zu knüpfen, geschweige denn Freundschaften zu schließen. Das macht mich traurig und ich isoliere mich immer mehr. Ich leide und möchte schreien, aber dazu fehlt mir einfach die Energie. Ich fühle mich leblos, tot, wie eine kaputte Maschine, die irgendwie immer noch funktioniert. Aber ich kann nichts gegen diese Isolation unternehmen. Die Depressionen sind so schlimm, dass ich mich in meiner Wohnung einschließe. Ich bin willenlos und schwach.

Dies sind die Gefühle einer Person, die an Soziophobie leidet. Ich möchte sie an den Anfang stellen, um den Grundgedanken der Gefühle, die hinter diesem Artikel stecken, zu verdeutlichen.
Doch, was ist Soziophobie eigentlich?
Soziophobie. Der Grundgedanke der Angststörung die Soziophobie beschreibt, können wir erklären wenn wir das Wort in seine Grundform zurück entwickeln.
Soziophobie -> Sozialphobie -> soziale Phobie
Diese Krankheit beschreibt also Ängste vor sozialen Begegnungen. Das treffen anderen Menschen bis hin zu der Angst immer beobachtet zu werden. Man teilt die Situationen die die Menschen in den Angstzustand versetzten in vier Hauptkategorien ein:
Beobachtungsangst (Angst von jemanden beobachtet zu werden)
Kontaktangst (Angst mit jemanden zu sprechen, ihm in die Augen zu schauen)
Behauptungsangst (Angst in einem Test / einer Arbeit zu versagen)
Leistungsangst (Angst beim erbringen einer Leistung zu versagen)

Wir kennen diese Ängste - ohne sie mit Soziophobie in Kontakt zu bringen - zum Beispiel die Kontaktangst aus dem täglichen Alltag. Wir trauen uns nicht eine Verkäuferin an zu sprechen, weil sie so grimmig dreinschaut, oder uns neben das nette Mädchen an der Bar zu setzen, was uns nett anlächelt. Doch - ist das gleich Soziophobie? Die Frage lautet: Wie kann ich die Grenze zwischen Schüchternheit und Soziophobie erkennen?
Es ist sehr schwer diese Grenze zu finden, und vor allem - was ist der Ansatz, wo ich zwischen den beiden Dingen differenzieren kann? Verdeutlichen lässt sich der Unterschied, wenn wir uns die resultierenden Folgen der beiden Krankheiten angucken.
Leidet man an Soziophobie, sind die Ausprägungen der soziologischen Reaktionen extremer ausgeprägt als bei Schüchternheit. Körperliche Reaktionen können bei Soziophobie z.B. Schweißausbrüche, Sprachhemmungen oder Panikattacken sein. Zudem ist die Dauer und das auftreten der Gefühle von Bedeutung. Beschränkt sich z.B. die Sprachhemmung nur auf das Mädchen an der Bar, und nicht die eigenen Mutter - können wir von einer ganz normalen Schüchternheit ausgehen. Sollten jedoch Sprachhemmungen vor der eigenen Familie auftreten, können wir von einer stark ausgeprägten Soziophobie ausgehen.
Einige Verhaltensmuster wird wahrscheinlich jeder von uns in sich wieder finden - schwach ausgeprägt als normale Schüchternheit.
Es ist schwer zu glauben, dass Soziophobie die 3. Häufigste Psychische Erkrankung sowie die 1. häufigste Angsstörung in Europa ist. Ca. 10% der Bevölkerung leidet unter ihr. Egal ob stark oder schwach ausgeprägt - jeder zehnte von uns.
Doch wo finden wir Menschen mit dieser Krankheit, wo jeder zehnte von uns davon betroffen ist?
Soziophobie entsteht meist in der Kindheit, in der Jugend. Auf die Entstehung von Soziophobie komme ich später noch einmal zurück. Wir finden die Krankheit in allen Gesellschaftsschichten. Egal ob Reich oder Arm, Frau oder Mann. Entscheidend ist das Soziale Umfeld - Wie gehen meine Eltern mit mir um? (Einzig und allein auf den psychologischen Aspekt bezogen - nicht auf den Materiellen.) Wie ist das Verhältnis zu meinen Mitschülern?
Was bringt Menschen dazu, vor anderen Menschen Angst zu haben?
Wie erwähnt, entsteht Soziophobie meist in dem Alterte der Kindheit und Jugend. Der Grund dafür ist, dass wir in der Kindheit / Jugend noch nicht vollkommen geistig gebildet sind und so angreifbarer für äußerliche Eingriffe sind. Wir nehmen uns viele Ding mehr zu herzen und wissen mit einigen Situationen einfach nicht um zu gehen. Entscheidend ist hier zu großen Teilen auch die Bildung psychologischer Verhaltensmuster - die fast ganz in den ersten 3 Jahren gebildet werden.
Wenn wir als kleines Kind dann - in dem Zustand der Bildung des „Ich‘s“ dann gestört bzw. gedemütigt werden (Sei es das fehlen einer Bezugsperson, psychologische oder körperliche Gewalt / Vergewaltigung) findet eine Fehlbildung unseres Gefühlshaushaltes statt - und wir lernen nicht richtig mit diesen Situationen um zu gehen. Nehmen so ein „Arschloch“ von den Klassenkameraden viel intensiver war und entwickeln so als Schutzreflex eine Angst - um diesen Situationen vor zu beugen.
Auch durch die Demütigung in der Schule, durch Lehrer oder Schüler, kann eine Soziophobie entstehen.
Wir nehmen also traumatische Ereignisse zur Grundlage, diese zeitweilige Boshaftigkeit einzelner Menschen auf alle Menschen zu beziehen und in jeder Situation zu erwarten. Dies versetzt uns dann in die Lage, Angst vor anderen Menschen zu haben - Soziophobie.
Kann man pauschal sagen, wer anfälliger für Soziophobie ist?
Man kann pauschalisieren, dass Menschen, die vom Erbgut zu Schüchternheit geneigt sind, anfälliger sind als Menschen, die diese sozialen Verhaltensmuster nicht aufweisen.
Personen die an Soziophobie leiden, haben täglich mit der Angst vor anderen Menschen zu kämpfen. Doch zu was können diese Ängste führen?
In den meisten Fällen, fängt es an, dass sich Soziophoben immer mehr von der Gesellschaft abschotten, um dieser Demütigung zu entgehen. Neben diesem Stadium der Abschottung kommt dann meist noch die Depression hinzu. Sie lässt uns noch empfindlicher werden und uns so noch mehr von der Gesellschaft abschotten. Als versuchten Ausbruch dieser Depressionen kommen nicht selten Drogen hinzu - Alkohol, Ectasy, Gras. Oder, es werden Ersatzidentitäten geschaffen (Schuelervz / Myspace / sämtliche Rollenspiele) - die fernab von unseren Depressionen stattfinden und uns als Helden dastehen lassen. Ihren insgeheimen Traum verwirklichen - jedoch weit weg der Realität.
Sollte nichts gegen diesen Teufelskreis unternommen werden, kann er bis hin zur absoluten sozialen Isolation führen. Gegenüber den Leuten auf der Straße - gegenüber Freunden, gegenüber der eigenen Familie.
Was kann ich tuen, wenn ich an sozialen Ängsten leide?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Schritte gegen diese Krankheit zu unternehmen.
Anfangen sollte man - meiner Meinung nach - erst mit der „Selbsttherapie“. Hier gillt es Hauptsächlich, erst das Vertrauen zu sich selbst, und dann zu anderen Menschen wieder auf zu bauen.
Man sollte sich Menschen suchen, die einen Loben - und anfangen sich selbst wieder hübsch zu finden. Sollte man hier erste Erfolge verspüren, ist wohl der nächste Schritt sich in die Öffentlichkeit zu wagen und sich selber zu beweisen, dass man nicht laufend beobachtet und ausgelacht wird. Dies kann man zum Beispiel erreichen wenn man bei langen Gängen immer mittig geht und sich nicht direkt an der Wand langgeht. Oder, man benutzt das mittlere Pissuar und nicht das in der Ecke - man wird meist mit Respekt behandelt, ein Anzeichen, dass man stark ist - und keine Angst haben muss.
Man muss jedoch sehr viel innere Kraft haben, um diese Schritte zu schaffen. Meist leiden Soziophoben im Endstadium an so starken Depressionen, dass sie an Suizid denken. Hier ist es dann empfehlenswert sich einer psychologischen Behandlung zu unterziehen, jedoch muss man auch meist hier von der Außenwelt bewegt werden, diesen Schritt dahin zu tuen.

Mein persönliches Hommage
Die heutige Zeit ist geprägt von der Anonymisierung und der Sucht gegenüber digitalen Medien. Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Stellt persönliche vor gesellschaftliche Interessen.
Unsere Aufgabe ist es also, darauf zu achten, dass wir unsere Mitmenschen kennenlernen, sie nicht nur als oberflächliche Wesen sehen - sondern als Menschen die ein Inneres haben. Es würde uns Helfen, mit manschen Problemen besser klar zu kommen, es würde anderen Helfen über ihre Probleme reden zu können - und es würde uns Helfen zu sehen, wenn es einem anderen schlecht geht - ohne mit ihm geredet zu haben.

2 Antworten

Kommentare

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    Die anderen werden es nicht verstehen, weil sie es nicht verstehen können. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Und davon gibt es halt zu viele. Trotzdem werden manche Bemerkungen hingeworfen wie dem Hund ein Knochen, an dem der bezeihungsweise dann wir nagen können. Die Sprechenden wissen nicht, was sie damit anrichten. Zuhören wollen / können die wenigsten. Und von denen, die zuhören, sind manche, die dir hinterher irgendwie eins auswischen mit ihrem Wissen über dich. Sei trotzdem freundlich.

    22.07.2009, 16:14 von netter
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