CaroKo 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 7

Sitzung I

Völlig ausgeschlossen. Ich bin die Königin der Kontrolle. Wenn ich ein Gegenstand wäre, dann wäre ich eine Kontrollleuchte.

„Ich glaube nicht, dass Sie wirklich verstanden haben, dass Ihr Leben ohne ihn besser wäre“, höre ich meinen Seelenklempner sagen und bin plötzlich wieder aufmerksam. Er schmunzelt. Das tut er sonst nie. Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem hämischen Grinsen. So, als wolle er mir sagen „Sie glauben vielleicht, ich weiß nicht um Ihre Dummheit – aber ich weiß sehr genau, wie naiv Sie sind.“

Im Nachhinein bin ich noch immer empört, denke mir, dass er Unrecht hat. Kreuze bei diesem Gedanken aber gleichzeitig andächtig die Finger hinter meinem mentalen Rücken.
Ich weiß selbst, dass ich es nicht wirklich will. Dass ich Angst davor habe, ihn aus meinem Leben zu verbannen.

Dem hämischen Grinsen weicht der gewohnt sachliche Gesichtsausdruck. Er fährt fort: „Ich denke, es ist unsinnig, den Kontakt abzubrechen, solange Sie sich nicht sicher sind, dass Sie es wollen“. Stille. Und dann? Innerer Jubel. Innerer Jubel, den ich bloß nicht nach außen tragen darf. Das Männchen, das in meiner Brust haust, macht einen Salto und dreht sich unkontrolliert im Kreis. Doch ich verziehe keine Miene. Es soll schließlich nicht so aussehen, als wäre ich tatsächlich so naiv, wie es mir nahegelegt wird.
„Ach ja?“, sage ich gespielt erstaunt und versuche dennoch, möglichst unbeeindruckt zu wirken. Das Männchen in meiner Brust sackt enttäuscht zusammen. Wie so oft.

Schon komisch: Sobald mir ein Fachmann dazu rät, den Kontakt aufrecht zu erhalten, verschwindet unvermittelt ein großer Teil der tausend Zweifel, die es sich in meinem Kopf bequem gemacht haben. Es ist ja nicht so, dass ich nicht selbst darüber nachgedacht hätte, den Kontakt von heute auf morgen auf Eis zu legen. Aber in diesem Spiel, das ich tagein tagaus mit mir selbst spiele, gibt es nun mal keine Gewinner. Kein richtig oder falsch.
Es gibt bloß die Momente, in denen ich mich stark genug fühle, mich von ihm zu lösen – und die Momente, in denen ich mich ausgeliefert und machtlos fühle. Und diese überwiegen für gewöhnlich. Sonst wäre ich nicht hier.

„Sie sprechen häufig von einer Abhängigkeitsbeziehung. Haben Sie schonmal daran gedacht, sich mit einem Drogenabhängigen zu vergleichen?“ Ich zucke leicht zusammen. Er blickt mich erwartungsvoll an. Dann lächle ich. Zum einen, um der Situation ihre Spannung zu nehmen und zum anderen um dem Gesagten eine gewisse Absurdität zu verleihen. Daraufhin schüttle ich vorsichtig den Kopf.

Drogen? Soweit kommt es noch. Ich bin kein suchtanfälliger Mensch. Ich bin emotional intelligent, sozial kompetent und nicht suchtanfällig. Erst recht nicht in sozialen Kontexten. Wo kämen wir denn da hin? Das hieße ja, ich hätte keine Kontrolle über mich und meine Bedürfnisse. Völlig ausgeschlossen. Ich bin die Königin der Kontrolle. Wenn ich ein Gegenstand wäre, dann wäre ich eine Kontrollleuchte. Ich ..
Ich frage mich, ob ich häufiger solch lächerliche Gedankengänge habe.

Mein Gegenüber macht sich Notizen. Dann blickt er wieder auf.
In den darauffolgenden Sekunden erklärt er mir dann, dass es sich in meinem Fall nicht anbietet, einen Vergleich zu einer stofflichen Abhängigkeit zu ziehen. Kurze Pause. Mein Ego triumphiert: Das heißt also, ich bin kein Opfer des Alkoholismus. Wie erleichternd. Innerer Jubel? Zu viel des Guten.
„Vielmehr sollten Sie sich fragen, wie ein Spielsüchtiger mit seiner Sucht umgeht“, ergänzt er fachmännisch. „Während für den Alkoholiker kein kontrollierter Entzug in Frage kommt, ist er für den Spielsüchtigen ein Muss. Schließlich kann er das Geld nicht einfach aus seinem Leben verbannen.“ Ich nicke. Das klingt einleuchtend. Ein Grund mehr den Kontakt aufrecht zu erhalten, oder nicht? Das Männchen in meiner Brust nickt zustimmend. Ich behaupte, mit sozialen Kontakten ist es wie mit Geld. Die braucht man halt zum Überleben. Und den Gedanken, dass man soziale Kontakte ergänzen, austauschen oder abwerfen kann, verdränge ich mindestens genauso schnell, wie er mir gekommen ist …

Full Stop.

Drei Monate später bin ich die innere Zerrissenheit los. Das Brustmännchen sitzt entspannt in einem Schaukelstuhl, trinkt Tee und liest Literatur aus längst vergangenen Zeiten. Es ist zufrieden.

Und ich?
Ich fühle mich das erste Mal seit Jahren frei.
Und es geht.
Auch ohne dich.
Immer weiter.


Tags: Therapie, Abhängigkeit, Loslassen, Leben
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3 Antworten

Kommentare

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    Wo kämen wir denn da hin? Das hieße ja, ich hätte keine
    Kontrolle über mich und meine Bedürfnisse. Völlig ausgeschlossen.
    Ich bin die Königin der Kontrolle. Wenn ich ein Gegenstand wäre,
    dann wäre ich eine Kontrollleuchte. Ich ..
    Ich frage mich, ob ich
    häufiger solch lächerliche Gedankengänge habe.
     <3

    26.08.2015, 15:28 von schmetterlingslachen
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    Gut, dass der Text in der Kategorie Psychologie/Fühlen steht. Dieses inflationäre Zuballern der Kategorie "Liebe" ist furchtbar nervig und wäre hier auch gänzlich unangebracht.

    Schön!

    09.11.2014, 14:06 von RideParanoia
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  • 2

    Ich mag die Vorstellung vom Brustmännchen!

    03.02.2014, 21:31 von woertermaedchen
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