Sinnsuche
„Manchmal denke ich, dass das Leben überhaupt keinen Sinn macht“, sagte Donna.
Sie nippte an ihrem Glas, das mit dem süßem Weißwein gefüllt war, den sie so gerne trank. Ich ignorierte, dass "Sinn machen" im Deutschen eigentlich falsch war. Sie hasste es, wenn ich sie korrigierte und mit meinem Germanistikstudium prollte, wie sie es nannte. Ihre Augen starrten rechts an mir vorbei ins Leere, als fixiere sie einen Punkt, den nur sie sehen konnte. Ich sah sie an, wartete auf eine Erklärung. Menschen reden weiter, wenn man nichts sagt. Fragen stoppen die Gedanken, das hatte ich oft erlebt. Donna jedoch schwieg, sah mir plötzlich in die Augen. Ich fühlte mich ertappt und wusste nicht, wobei.
"Oder?", fragte sie.
Ich hatte fast vergessen, worüber sie gerade geredet hatte, während ich über sie nachdachte.
"Weiß nicht? Wieso glaubst du das?", fragte ich, und kam mir dumm vor, weil ich nicht wusste, was ich denken sollte.
Sie sah mich eine Weile an, ihr linkes Auge zuckte, man bemerkte es nur, wenn man genau hinsah. Ich sah genau hin. Bei Donna sah ich immer genau hin und schaffte es trotzdem selten, sie zu verstehen.
Nach einer Weile stellte sie endlich das Weinglas ab. Ihre rechte Hand blieb am unteren Glasrand liegen, sie malte den Kreis mit dem Mittelfinger nach und beobachtete sich selbst dabei.
"Naja. Man isst, trinkt, leidet, lacht, arbeitet immer auf irgendwas hin, ist nie zufrieden und irgendwann ist man tot. Ich weiß einfach nicht, wo der Sinn dahinter steckt. Die Menschheit entwickelt sich zwar weiter, aber eigentlich wird alles immer schlechter. Wir essen verseuchtes Gen-Essen, vergiften uns mit Atomkraft, belügen und betrügen uns gegenseitig, werden fetter, maßloser, egoistischer. Wir erfinden Facebook und verlieren echte soziale Bindungen. Wir werden global und vergessen dabei, was Menschlichkeit und Heimat bedeutet. Das ist doch alles Mist."
Ich lächelte sie sanft an. "Donna, du?"
Zwischen ihren Augenbrauen erschien kurz eine Falte.
"Was?", fragte sie, und ich merkte sofort, dass es sie störte, dass ich lächelte und ihre Empörung nicht teilte.
"Du siehst das alles aber auch echt schwarz. Man isst, trinkt, leidet, lacht. Das ist doch schon ganz schön viel. Vielleicht ist das Leben an sich der Sinn, die Erfahrungen, die Energie, die dein Leben schafft."
Sie runzelte die Stirn und schüttelte leicht den Kopf. "Die Energie, die mein Leben schafft. Das ist doch Schwachsinn."
Ich sah sie unverwandt an. "Donna, du selbst bist der Sinn! Du machst Menschen glücklich. Mich zum Beispiel. Und manchmal auch unglücklich."
Sie musste kurz lächeln, blickte auf, in ihren dunkelbraunen Augen spiegelte sich das Kerzenlicht der drei Teelichter, die wir provisorisch, mangels "echter" Kerzen, angezündet hatten. Gott, wie ich ihre Augen vergötterte. Sie war erst 22 Jahre alt, doch ihre Augen erzählten Geschichten wie aus dem Leben einer 80-Jährigen. Ein Jahr war es her, dass ich mich in diese Augen verliebt hatte. Wenn ich sie ansah, hatte ich das Gefühl, dass es noch immer tausende von Geheimnissen zu entdecken hab.
"Du bist also zufrieden? Hast du deinen Sinn gefunden?", fragte sie.
Nun sah ich nach unten.
"Naja? ich?"
"Siehst du", unterbrach sie mein Drucksen, stand auf und schüttete den Wein in die Spüle, von dem sie nur einen winzigen Schluck getrunken hatte. "Du redest auch nur irgendeinen Scheiß."
Sie wirkte aufgebracht. Viel zu aufgebracht für das übliche philosophische Gerede.
"Sag mal, ist irgendwas?", fragte ich deshalb.
Sie drehte sich langsam um, eine Hand an der grauen Arbeitsfläche unserer Küche. Ihre Augen funkelten, war es Wut, was hatte ich Falsches gesagt?
Donna blickte zurück zur Spüle, als wollte sie sich sammeln, sah mich wieder an, plötzlich schwammen ihre Augen in Tränen.
"Donna, mann, was ist denn los?"
Ich stand auf, wollte sie umarmen. Sie schluckte, wich vor mir zurück.
"Ich bin schwanger", sagte sie. Dann lief sie hinaus.




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