Alternativen 21.07.2009, 16:30 Uhr 17 35

Sieben Personen berichten offen von ihrem Leben und ihren Problemen.

Eine achte Person überlegt, was sie sagen soll.

Sheila hat ein Auge für Details und befürchtet, doch noch durch ihr Abi zu fallen. Sie ist 19 und denkt über Planetenrotation nach und Gott und den Kategorischen Imperativ. Ihre Deutschnoten sind überdurchschnittlich. Sie ist hochbegabt. Sie hasst das Wort. Es bringt nur Ärger. Und keine Vorteile. Zwei Mal hat sie eine Ehrenrunde gedreht. Ihre Schulnoten sind, Deutsch ausgenommen, nicht gerade die besten. Die Förderung hat gefehlt. Sagt sie. Und fehlt noch immer. Sie hat sich nie ein Pony gewünscht, sie wollte immer nur normal sein. Nur im Großen versteht sie die Dinge. Sie fühlt sich dumm. Sie fühlt sich nutzlos. Die Kleinigkeiten im Schulstoff sind ihr Problem. Daran scheitert sie. Und, dass sie mit niemandem reden kann. Smalltalk ist für sie zu anstrengend. Große Mühe, um klein zu reden. Das kann sie nicht. Ihr Freund hat sie vor ein paar Wochen verlassen. Er war überfordert. Sie seufzt. Wer könnte es ihm auch verübeln. Sie ist eben ein Freak.

Lena spricht leise, ist 31 und trägt genug Konfektionsgröße für zwei Lenas mehr. Sie sieht sich nicht als Frau. Sie sieht sich als Ding, als formlose Masse. Sie war mal kurz verheiratet. Er wollte Kinder. Das ging nicht. Sie kommt doch selbst schon nicht klar. Sie hat eine Katze. Ein Kater eigentlich. Moritz heißt er. Sie hat auch ein Foto dabei. Um den kümmert sich die Nachbarin derzeit. Während Lena hier ist. Sie ist ein Niemand, sagt sie. Sie ist nur Lena. 31 Jahre alt. Damals war sie 16. Er 36. Missbrauchsopfer. Niemand hat ihr geglaubt. Bis heute hält ihre Mutter sie für eine Lügnerin. Sie war naiv. Sagt sie. Er war ein Arsch. Und sie ist stolz, das heute sagen zu können. Aber es macht nichts wieder gut. Nur komplett. Nicht gut. Geschlagen hat er sie nicht.

Jonas jedoch wurde geschlagen. Dafür aber nicht missbraucht. Er sagt es, als sei das ein Ausgleich. Danach sagt er nichts mehr. Er wohnt bei seiner Tante. Die hat ihn damals aufgenommen. Mit seinem Vater hat er seit drei Jahren nicht mehr gesprochen. Mit dem Gesetz hatte er früher manchmal Ärger. Na ja, bis vor zwei Wochen eigentlich noch. Deswegen ist er hier. Er ist 17 und hat Angst vor Menschen. Mittlerweile. Vor dem, was sie denken könnten. Über ihn. Keine Freunde, keine richtigen Freunde. Manchmal hat er Tiefphasen. Seelisch. Manche tiefer. Und manche noch tiefer. Seine Sitznachbarin stellt ihn vor.

Ihr Name ist auch Lena. Sie ist essgestört, aufgedreht und gesprächig. Über Zahlen redet sie jedoch nicht so gern. Daher weiß ich nicht wie alt sie ist. Mitte Zwanzig vielleicht. Ihr Gewicht scheint auch kaum darüber zu liegen. Studentin der Ernährungswissenschaften. Das passt ja. Sagt sie und lacht. Sonst lacht niemand. Ihr Motto: Wenn Du nicht mehr drüber lachen kannst, bringst Du Dich um. Drei Menschen im Raum atmen scharf ein. Und nicken kurz darauf.

Daneben sitzt Günte. Eigentlich Günther. Günther ist Tunte. Daher Günte. Ein Spitzname aus der Schulzeit. So erklärt er es. Er ist 42. Also als Schwuler so gut wie tot. Dabei lacht er ausnahmsweise nicht. Ansonsten lacht Günte viel. Günte lacht laut. Günte hat sich früh geoutet. Günte kommt aus einer Kleinstadt. Damals war noch alles anders. Ein 175er. Heute weiß doch niemand mehr, was das eigentlich ist. Heute gibt es nur noch Parties. Schlimme Zeit jedenfalls, damals. Günte ist Mobbingopfer. Gewalt war auch dabei. Verheiratet ist er mit der Einsamkeit. Scherzt er. Und gibt das Wort mit Präsentiergeste weiter.

An Wolf. Wolf mag Musik und vergisst zu sagen wie alt er ist. Er wackelt, stampft und zittert mit jedem Körperteil den ADHS-Beat. Aufmerksamkeitsdefizits- /Hyperaktivitätssyndrom. Ratt tatt tatt. Schwitzige, flink gestikulierende Hände. So alt wie Lena vermutlich. Arbeitslos, derzeit und eigentlich schon immer. Klappt immer nur ein paar Tage. Vielleicht ne Woche. Der Job und auch das Leben. Wohnung und so. Solcher Kram. Und Post. Und Waschen. Solcher Kram eben. Messie. Raucht sehr viel und ist therapieresistent. Resistent auch gegen die Medis. Sagt er. Alkohol ist ein Problem. Problem und Trost. Er sieht in die Runde. Ok, Problem. Er trinkt zuviel. Wusch Wusch. Ratt Tatt. Schwitz Schwitz.

Daniel bewegt sich in seiner eigenen Welt. Oder einer anderen. Er sagt, er habe viele Welten. Das Problem ist nur, dass er nie ganz aus der einen, wirklichen Welt weg kommt. Sein Arzt nennt das Persönlichkeitsstörung. Das ist aber nicht wie Schizophrenie. Daniel ist 29 und möchte nicht missverstanden werden. Er weiß wie das ist. Sieben Therapeuten. Neun Diagnosen. Daniel ist ein Träumer. Natürlich ist er Künstler. Der Job läuft ganz gut. Für einen Künstler. Er kommt über die Runden, kann man sagen. Nur der Papierkram. Den bekommt er nicht hin. Ist zu echt. Zu real. Er ist hier, weil er was tun muss. Weil es so nicht weiter geht, jedenfalls nicht mehr lang. Er selbst findet sich mal ganz toll. Und mal nicht. Immer ein Extrem. Er weckt Beschützerinstinkte in Anderen. Das, sagt er, ist seine Superkraft. Dabei zeigt er einen Oberarm vor. Unter der fahlen Haut spannt sich kein Muskel. Das erregt Mitleid, sagt er. Und das ist manchmal mehr wert als Röntgenblick und Telepathie zusammen.

Ich bin dran. Ich bin neu hier. Gruppentherapie in einer Psychiatrischen Klinik. Es ist eine bunte Truppe, hat Doktor Mertens vorher gesagt. Stellen Sie sich doch noch einmal alle vor. Fangen wir mit Ihnen an, Sheila. Und so fing es an. Und jetzt muss ich etwas sagen.

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17 Antworten

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    Kaputt. Wie so viele. Manche nur ein bisschen. Vergisst man immer.

    28.01.2011, 16:42 von mixtapeape
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    Besonders der Teaser rundet den Text perfekt ab.

    13.01.2011, 01:28 von topfbluemchen
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    Die Art wie das geschrieben ist erinnert mich sehr stark an die Monologe von Rorschach in "Watchmen". Gefällt mir sehr gut!

    24.06.2010, 14:31 von she_devil
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    Das ist mal richtig gute Kost. Respekt. Dein Stil gefällt mir wirklich sehr gut. Hab schon zwei andere Texte von dir gelesen aber dieser hier gefällt mir am besten. Weiter so. Bin gespannt was man noch so von dir zu lesen bekommt!

    29.07.2009, 12:57 von pippilangstrumpf91
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    Ganz ganz groß!

    26.07.2009, 22:41 von Geradine
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    Abgehackt. Schmerzhaft. Trifft genau da, wo es treffen soll.

    26.07.2009, 15:48 von CT-n3
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    hmmm allerbest.wurd schon alles gesagt, was zu sagen ist. ich reihe mich dann einfach mal ein und ziehe meinen imaginären hut!

    24.07.2009, 14:09 von MauerKind
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    Jeder dieser Personen könnte uns auf der Straße begegnen. Ein Blick auf ein Stück Realität, das sehr geungen beschrieben ist.

    22.07.2009, 10:35 von Cyro
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