Sensationela 12.11.2008, 16:35 Uhr 1 1

"Sie platzen ja vor Wut!"

Sich Hilfe bei einem Therapeuten zu holen, kann auch zu unerwünschten Ergebnissen führen...

Wer bin ich und was mache ich eigentlich hier? Diese Frage stellte sich mir im Zuge persönlicher Reifung und den damit verbundenen Selbstreflektionen, die man in schwachen Momenten anstellt.
Ich möchte kurz auf meine sogenannte "Krankengeschichte" eingehen.I Ich leide seit meinem 14. Lebensjahr an depressiven Episoden. Wenn es stressig wird, wenn sich die Lebensumstände ändern, dann kann ich damit schlecht umgehen. wird die Depression massiv, äußert sich das in Ohnmachtsgefühlen, in Lethargie und in heftigen Fällen durch Selbstverletzung. Nach 10 Jahren Krankheitserfahrung weiß ich mittlerweile damit umzugehen. Ich habe mein Leben geordnet. Ich erlaube es mir in stressigen Zeiten, nicht zu funktionieren. Es sind lediglich die übergeordneten Fragen, die sich mir aufzwängen.Was ist richtig? Wo stehe ich genau? Kann ich diese Position stärken? Das Üblich eben.

Um diesbezüglich Klärung zu finden, wandte ich mich an einen örtlichen Psychologen, der mir schon am Telefon versicherte, es seien noch einige Therapieplätze frei. Der Tag war gekommen, ich stand zehn Minuten zu früh vor seiner Tür, und er bat michüber die Sprechanlage, im Wartebereich Platz zu nehmen. DiesenAufenthaltsort zierten Fotos chinesischer Mönche und Schwäne auf einem Schlossteich. Den Flur teilte er sich mit einer Anwaltskanzlei, eine dicke Sekretärin kreutzte meinen Weg, vermutlich um sich ein Raucherpäuschen zu gönnen. Oder sich was zu Essen zu holen.
Die Tür der Praxis schwang zehn Minuten später auf, eine glücklich aussehende Klientin verließ den Raum und jemand streckte mir mit ernst drein schauender Miene die Hand entgegen."Geben Sie mir noch fünf Minuten" raunte es.Ich konnte kaum ein "okay" entgegnen, da war die Tür auch schon wieder verschlossen. Ich wollte mir aufgrund dieser Situation kein vorschnelles Urteil bilden, schob seine undurchsichtige Art auf einen harten Tag seinerseits,meine Skepsis auf meine Nervosität,
Als er mir erneut die Tür öffnete, hoffte ich auf ein entspannteres Gegenüber,und versuchte,seine Stimmung erneut zu erahnen. Nichts. Seine Augen waren nichtssagend, wichen meinen Blicken aus. Er führte mich in ein gemütliches Therapiezimmer, dass er daraufhin sofort wieder verließ. Die Regale waren voller Bücher über indischen Singsang und fernöstliche Kulturen.Sehr spirituell."Spirituell kann nie verkehrt sein" dachte ich bei mir, in der Hoffnung, in seiner Praxis anzukommen.
Nach weiteren fünf Minuten erteilte mir Herr C. endlich seine Audienz. Er machte einen unkonzentrierten Eindruck auf mich. Mir fiel es schwer, mich auf die Situation einzulassen,aber das juckte ihn überhaupt nicht."Warum sind Sie hier?" fragte er herausfordernd.Nun ja, diese Frage stellte ich mir inzwischen auch, mein Unwohlsein wurde stärker. Um einen Faden zu finden bat ich ihn, mich ein wenig zu lenken und sprach ihn auf die vielen Bücher an, um das Eis zu brechen."Das hilft ihnen nicht weiter,also, was wollen Sie hier?" Irritiert fing ich an zu stottern,"nun..ich..ich...ich.."..Ich? Ich lächelte bei dem Gedanken, er würde etwas in meine egomane Sprachbarriere hineininterpretieren.."Gut, dann lasse ich Sie nochmal fünf Minuten allein".Er hatte diesen Satz kaum ansgesprochen, da stand er schon in der Tür, ich wollte einlenken und bat ihn, da zu bleiben."Nein, ordnen Sie sich noch einen Moment!" Zack, war der zertifizierte Psychotherapeut auch schon wieder verschwunden.
Mir gingen Tausend Sachen durch den Kopf, nur meine Gedanken bezüglich meiner Situation und dem eigentlichen Zweck der angesetrebten Therapie wollten sich aufgrund der Umstände nicht einstellen. Ob es sich bei seinem Gesprächsstil wohl um eine konfrontative Methode der Selbsterkenntnis handelte? Ich überlegte, was ich mir bis zu seiner Rückkehr zurecht legen wollte, entschloss mich aber gegen eine vorgefasste Schilderung meiner Behandlungsmotivation und endschied mich, nach seiner Rückkehr die Irritation meinerseits anzusprechen."Ich bin irritiert" sagte ich und fügte hinzu "meine Absicht war es, mir einen Eindruck von Ihnen zu verschaffen, um entscheiden zu können, ob Sie der richtige Psychologe für mich sein könnten". Ich erörterte ihm eine Kurzfassung meiner "Krankengeschichte": Depressionen, Klinikaufenthalte und eine derzeitige Sinnkrise, möge man sie auf das Wetter oder mangelnde Beschäftigung zurückführen.
"Ich kann Ihnen keine Therapie anbieten"schnauzte er."Ihre letzte liegt keine zwei Jahre zurück, das übernimmt keine Krankenkasse!" Soweit war ich auch schon. Auf Anraten meiner Neurologin und näheren Erkundigungen bei der Krankenkasse im Vorfeld, wusste ich dass es Ausnahmen gab, wenn man einen Sonderantrag stellte.
"Nachdem was Sie mir hier erzählt haben und den Eindruck, den Sie mir vermitteln, haben Sie keine Depression.Sie haben eine tieferliegend psychische Störung!" warf der Komiker ein. Ohnmacht übermannte mich, stand es wirklich so schlecht um meine psychische Gesundheit?Und wäre diese Diagnose kein Fürspruch eines Sonderantrages bei der Krankenkasse?Ich schaute auf die Uhr. Es waren geschlagene sieben Minuten (!) vergangen, nachdem der Herr Therapeut nach diversen Unterbrechungen den Raum wieder betreten hatte und zu seiner allumfassenden Diagnose kam. Ich war empört, kam aber noch nicht einmal dazu, dieser Empörung Ausdruck zu verleihen. Der Profi hatte mich schon durchschaut."Sie haben ein Agressionsproblem!" klärte er mich auf"Sie platzen ja vor Wut" erkannte er. Dieser Visionär. Das zu erkennen bedurfte es vermutlich keiner psychotherapeutischen Ausbildung, lediglich ein wenig gesunder Menschenverstand erklärte meine Reaktion. "Ja!!!!! Selbstverständlich bin ich wütend. Sie urteilen über mich nachdem sie mir ein paar Minuten gegenübergesessen und zweimal den Raum verlassen haben???Ich finde das unverschämt, wenn ich ehrlich zu Ihnen sein darf!" Ich versuchte den Respekt gegenüber dieser Person zu wahren. Aber auch hier warf mir der Mann wieder einen Knüppel zwischen die Beine:" Da brauchen Sie mich nicht fragen, Sie haben Ihre Meinung ja schon verkündet.Sie haben es hier nicht mit einem Anfänger zu tun, meine Liebe!" In mir kamen Zweifel auf. Hatte dieser Mann recht? "You can't always have what you want" kommentierte er die Situation. Je wütender ich auf ihn wurde, umso bestätigter schienen seine Auswürfe zu werden. Ich schaltete meinen Verstand wieder ein.Mehrere Semester Psychologie im Nebenfach und viele Therapeutische Erfahrungen sagten mir, dass es unmöglich sei so eine Diagnose innerhalb kürzester Zeit zu stellen. Ich verabschiedete mich mit den Worten, ich würde jetzt mal schauen, wie ich mit dem von ihm Gesagtem umgehen würde."Ich habe den Eindruck Sie wollten gar nicht mehr hören, ich hätte Ihnen noch mehr erzählen können" Beim besten Willen, davon wollte ich wirklich nicht mehr hören.
Draußen und in zurück in der Realität angekommen, packtet mich einen Moment lang Hysterie. Ich sah alle meine Erfolge der letzten Jahre bezüglich des Umgangs mit der Depressionen in einem Gullideckel verschwinden. Wie konnte es sich eine einzige Person heraus nehmen, ein so kurzfristiges Urteil über einen Menschen zu fällen, den er nicht nur respektlos behandelt, sondern auch nur oberflächlich betrachtet hatte? Ich hatte ihm nichts von meinem Studium erzählt, lediglich von meiner derzeitigen Ausbildung zur Kosmetikerin. Hatte ihm das gereicht, mich in eine Schublade zu stecken? War der Mann außer Stande, hinter den Vorhang zu schauen?
Telefonate mit Freunden und Familie bestärkten mich, den Fehler nicht bei mir zu suchen, sondern ihm zu zuschreiben. Der Mann hätte vielleicht an diesem Tag einfach seine Praxis dicht machen sollen...
Was aber, wenn er keinen schlechten Tag hatte, wenn dies tatsächlich seine Methode war, die Leute zu betrachten und mit seinen ganz persönlichen Therapieverfahren zu umwickeln?
Ich sehe in dieser Person eine Gefahr. Jemand Schwächeres, der sich dieser Worte angenommen hätte, wäre eventuell kurzzeitig daran zerbrochen. Und so kann ich nur davor warnen, sich blind in die Hände von Psychologen zu geben. Wir Menschen, die nicht immer in der Lage waren und sind, sich um sich selbst zu kümmern, da eine psychiatrische Krankengeschichte vorliegt, stehen vor der großen Aufgabe, mit unseren "Handicaps" zu leben, Ihnen einen Raum in der krassen Realität zu geben, eine Balance zwischen eigenen Bedürfnissen und äußeren Ansprüchen zu finden. Es sollte NICHT das Ziel sein, seelische Einschränkungen zu pathologisieren und Sie damit zu verschlimmern. Embrace the freak that you are! Notfalls auch ohne Therapeut....

Anmerkung: Ich möchte mich in diesem Bericht nicht gegen eine psychologische Behandlung aussprechen. Therapeuten haben mir in schwierigen Zeiten die Hand gehalten und mich auf meinem Weg begleitet. Mich in einer schweren persönlichen Krise einweisen zu lassen, war zu den damaligen Umständen wohl die beste Entscheidung für das Leben. Traut euch, euch HIlfe zu holen! Aber achtet darauf, wer euch auf eurem Weg begleitet, ein unabhängiges Leben zu führen.

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Kommentare

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    seltsamer weise hab ich das erste mal als ich dein profil gelesen hab, unabhängig vom artikel, sofort an borderline gedacht...

    24.05.2009, 01:21 von friska
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