faon 27.11.2011, 18:57 Uhr 11 3

Seltsamer Besuch

Schaurig und Schön. Tag und Nacht. Wie ein schwarzes Spitzenkleid zu dunkelroten Lippen.

Ich sitze auf meinem Balkon und beobachte die warme Luft, die aus meinem Mund strömt.
Sie verliert sich langsam im Dunkeln. Es ist kalt. Und da ist er wieder, dieser Besucher. Dieser altbekannte, vertraute, beruhigende Besucher, welcher bevorzugt bei verschwommenen Vollmondnächten zum Vorschein kommt.
Ich kann nicht genau sagen, aus welchem Teil meines Körpers er kommt, er ist einfach da. Da, wie selbstverständlich.

Es wäre leicht zu behaupten, er käme aus meinem Herzen.
Ja, aus dem Herzen kommen sicher viele Gefühle, aber dieses? Das wäre einfach zu leicht. Es würde dem Gefühl sicher selbst nicht gefallen, würde ich das behaupten. Aber es ist da, und es breitet sich langsam in und um mich herum aus, wie eine seltsame Decke. Seltsam, aber gut.

Früher hat es mir Angst gemacht.
Ich verstand es nicht, verwechselte es mit Traurigkeit. Es kam, ging und ließ mich verwirrt zurück. Irgendwann musste ich wissen, wer mich immerzu besucht und mich mit diesen Gedanken alleine lässt.
So begann ich nach ihm zu suchen. Und plötzlich entdeckte ich so vieles, das zu ihm passt: Bilder, Filme, Orte, Menschen, Musik.
Auch Farben. Schwarz. Aber eigentlich ist diese Farbe nicht die richtige. Eher ein verblichenes Blau mit Lila, ein paar hellen Nuancen?

Fälschlicherweise wird er mit Schwarz verwechselt. So wie mein ernster Gesichtsausdruck immer mit einem bösen, unzufriedenen verwechselt wird. Aber er ist einfach ernst, ich bin nun mal kein dauergrinsender Idiot. Und mein Besucher ist nun mal nicht immer schwarz.

Es ist allgemein schwer, ihn zu beschreiben. Er ist seltsam. Schaurig und Schön. Tag und Nacht. Wie ein schwarzes Spitzenkleid zu dunkelroten Lippen. Ich habe mich an ihn gewöhnt, er kommt, er bleibt manchmal zu lange. Aber er kommt, und das gefällt mir irgendwie. Das Wichtige ist dabei aber, dass er irgendwann auch wieder geht.

"Schwarzgalligkeit" wird er auf Wikipedia genannt. Was für ein widerliches, negatives Wort. Außerdem scheint er gefährlich zu sein.
Wikipedia. Lächerlich.

Deshalb sitze ich weiter auf meinem Balkon und beobachte die Luft, die aus meinem Mund strömt, und sich langsam in den Weiten der Dunkelheit verliert. Ich bekomme eine Gänsehaut.
"melancholia", denke ich mir und beschließe, dass das griechische Wort viel schöner klingt und auch besser zu ihm passt. Zu meinem Besucher. Meinem Freund.


Tags: Melancholie
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    "So wie mein ernster Gesichtsausdruck immer mit einem bösen, unzufriedenen verwechselt wird. Aber er ist einfach ernst, ich bin nun mal kein dauergrinsender Idiot. "
    - sehr schön getroffen. Geht mir auch oft so :D


    18.11.2012, 23:37 von LornaB
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    kennt man.

    12.12.2011, 18:56 von FrauTina
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      in dem Fall eigentlich die Besucherin ;)

      01.12.2011, 21:48 von faon
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      ach. wer schreibt schon über den sensenmann :D

      01.12.2011, 21:54 von faon
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      klar. jesus loves me!

      01.12.2011, 22:00 von faon
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      Ja, deshalb muss man darauf achten, dass sie einen auch immer wieder verlässt ;)

      29.11.2011, 13:40 von faon

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

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