Kontrastpoet 23.01.2011, 15:55 Uhr 4 6

Selbstkritik. Eine Liebeserklärung an sich selbst.

Es ist jemand an der Tür. Es ist der wandelnde Zweifel an einen selbst. Es ist für dich. Und es ist Zeit.

Klagend steht es da. Er. Mit bedauernswerten Blick und schleichendem Kopfschütteln.
Du warst wieder schlecht. Mal wieder gescheitert. Und zwar an dir.
Der Zweifel ist wieder da und eröffnet es dir. Er trägt das Gesicht des vermeindlichen Herzens, dieser ungebetende Gast in meiner Lebensgestaltung.
Man sieht die Dinge wieder anders. Alles sieht wieder etwas dunkler im Leben aus. In jedem Bereich.
Ganz besonders aber sieht man sich selbst ganz anders.
Kritischer. Unsicherer. So unzufrieden.
Ganz plötzlich. Bisher Ungeglaubtes zu lang verdrängt.

Ich schaue auf Pläne zurück. Angefangene Projekte. Geschriebene Ideen und Notizen. Unausgeführt und vergessen. Ingesammt so viel vernachlässigt.
Blicke in den Spiegel fallen nun nüchtern aus. Ein schwaches Leuchten von Augen und Ausdruck.
Unbegründeter Stolz ist verkrochen. Vergraben im Garten der verworfenen Ideen.
Doch wo was begraben liegt, sprießt auch was.
Leben. Erleuchtungen. Revolutionen.
Wie auch immer man es nennen will.
Der Wille sollte doch zu etwas nützlich sein. Und man selbst demnach auch.

Der große Schnauze ist voll von dem eigenen verstaubten Plänen.
Alles Gesagte, Gedachte, Vergessene, Gelogene wird mit einem Male ausgekotzt. Das kann dauern. Es ist viel in mir begraben.
Es beginnt eine Art Entzug.
Ab jetzt gibt es keine Vorhaben ohne vorzuhaben etwas vorzuhaben.

Mir stank schon lange dieses kahle Stück Wand. Beschmier es. Häng was auf.
Der Flur liegt seit Wochen im Dunkeln. Schraube ne Birne in die Fassung.
Es liegen regelrecht Rechnungen unter deinem Schreibtisch. Such dirn Job!

Ich bin eine italienische Baustelle.
Viel geplant. Investiert. Angefangen. Stehen gelassen.
Ich habe mir selbst die Mittel gestrichen. Mieser Bauherr.

Sich selbst zu peitschen tut gut. Und es ist lästig. Bequemlichkeiten der Vergangenheit müssen mit dem Müll raus. Generell muss der Müll mal raus.

Eigentlich habe ich mich selbst ja ziemlich gern. Doch ich bin auch der jenige, der meine Fehler so deutlich sieht. Und diese mit sich mitnimmt und ertragen muss.
Ich feiere und kämpfe mit mir. Ich bin mir ein Ehepaar.
Zwangsheirat. Ungefragt. Kaum kennengelernt. Und schon muss ich mit mir mein Leben verbringen.
'Ich kann mich doch nicht ewig um mich kümmern. Irgendwann muss ich alleine klarkommen und muss mir nichts von mir anhören.'
Doch, verdammt! Muss. Werde ich.

Und wenn ich auf diese eheliche, innere Kritik, als Teil eines Ganzen, auch mal öfters angemessen reagiert hätte, wäre keine Aufarbeitung so nötig, wie Sie es nun mal jetzt ist. Sturheit. War nett mit dir.

Geliebter Zweifel. Bring mich wieder weiter. Trete mir in den Arsch, sodass faules Sitzen mich nicht wieder liegen lässt und sitzen lässt.

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4 Antworten

Kommentare

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    Akuter Anfall von unzufrieden mit der Gesamtsituation.

    "Ich feiere und kämpfe mit mir. Ich bin mir ein Ehepaar." Gefällt :)

    26.09.2014, 18:25 von wirbelherz
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    Gerngeschehn! Auch so unfertig?

    24.02.2014, 15:18 von Kontrastpoet
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Bin ein bisschen hin- und hergerissen.
    Zwischen positiv und positiv.

    Einerseits ist da dieser Schreibstil, den ich wunderbar heiter und leicht zu lesen finde, den ich mag.
    Und andererseits ist da der Inhalt des Textes,der so gar nicht leicht sein will.
    Sondern schwere Tatsache.
    Nicht auf eine schlechte Weise,denn ich liebe diese verlassene-Baustelle-Phasen die sich mit Arschtritt-Phasen abwechseln,ich liebe diese Abwechslung.
    Nur,weil Tatsachen immer schwer wirken.
    Finde ich.
    Ich verliere den Faden:
    Schön verwoben! (:

    02.07.2011, 17:38 von Getanzt
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