diekleinetiffany 26.09.2007, 19:40 Uhr 2 1

Seelenpause

Über Nutzlosigkeit und Orangensaft. Die Wohnung wird zur Höhle, man ist der Welt abhanden gekommen, und das ist gut so. Für einen Tag.

Das Gefühl der absoluten Nutzlosigkeit des eigenen Daseins unterliegt nicht unbedingt der Beschränkung auf Singles. Ebensowenig kann man fehlende Verplanung eines Tages und die Sinnlosigkeit in seinem Verlauf und seiner Nutzbarkeit ausschließlich den Studenten oder den Arbeitslosen zuordnen. Obwohl dieser Schluss natürlich sehr nahe liegt, das gebe ich zu. Auch ist ja die Trägheit ein Merkmal, das eher auf den Mann als auf die Frau zutrifft. Wenn nun alle diese Komponenten an ein und demselben Tag auf ein und dieselbe Person einstürmen, kann man nur sagen: Dieser Tag ist erstens zum Scheitern verurteilt, und es ist einer der Tage, die man lieber streichen sollte, die nicht hätten passieren müssen, die gar nicht erst hätten anzufangen brauchen, an denen man den Fuß nicht aus dem Bett strecken sollte.
Ich spreche übrigens nicht von denjenigen Tagen, an denen man einfach im Bett bleibt. Oder von den Tagen, an denen man im Bett hätte bleiben sollen, es aber nicht getan hat, weil einen der Beruf, eine Verabredung, ein Termin daran gehindert hat. Oder die Tage, an denen es aus gesundheitlichen Gründen das einzig Ratsame und Vernünftige ist, das Bett nicht zu verlassen, es sein denn, um einen Liter kalten Orangensaft in sich hineinzustürzen, weil man denkt, dass damit der undenkbar übermächtige Kater – alles vorher im Kopf noch vorhandene zerstörend - besiegt werden könnte. Um dann festzustellen, dass der Magen mit einer gewissen Art von Unruhe darauf zu reagieren scheint. Daraus wird man wohl niemals lernen. Es ist nicht gesund, nach einer langen Nacht mit viel Alkohol auf nüchternen Magen sehr viel Orangensaft zu trinken, nein, ist es nicht. Jeder weiß, in welcher Erfülltheit man sich im Moment des Trinkens von kaltem Orangensaft noch befindet. Die Konsequenzen, die dieser Genuss nicht selten nach sich zieht, können ganz leicht nur dadurch verhindert werden, dass man erst gar nichts trinkt, den Körper weiter vor sich hin dörren lässt und darauf hofft, dass man sich ein paar Stunden später wieder wie ein Mensch fühlt. Soviel zum Thema Orangensaft.
Die Katertage sind ja manchmal durchaus angenehm. (Wenn der Kater nicht zu tödlich ist, selbstverständlich.) Man kann sich eingehend mit dem Fernsehprogramm beschäftigen, wozu der fleißige Mensch von heute ja relativ selten kommt, und selbst wenn man dieses völlig verschläft, hat dieser Tag dann den einen Sinn gehabt, dass man endlich mal wieder geschlafen hat. Oder eben den Kater auskuriert hat, und somit gehört der verschlafene Tag quasi zur Party vom Abend davor, die sich allein schon durch die Tatsache, dass der ganze Schlaf danach nötig ist, gelohnt hat.
Wir haben also folgende Kategorien von Tagen:
1. die Tage, die aus Prinzip (Kater, Fernsehbedürfnis, körperliche Unfähigkeit, sich zu bewegen etc.) verschlafen werden
2. die Tage, an denen man weiß, dass es gut tun würde, zu Hause zu bleiben, weil man „mal wieder eine Auszeit braucht“ (an diesen Tagen wird in der Regel eher nicht ferngesehen sondern gelesen; vielleicht wird ein lang aufgeschobener Brief geschrieben, die Wohnung gestrichen oder umgeräumt etc.)
und schlussendlich
3. die Tage, die keinen Sinn machen. Dies sind die schlimmen Tage. Gemeint sind zum Beispiel auch nicht die Tage, an denen frau ihre Regel bekommt. Denn diese Tage haben eine absolute Berechtigung. Schmerzerfüllt wird sich im Bett gewunden, Wasser für Wärmflasche und Tee gekocht, und geschlafen, um die unangenehme Phase möglichst nicht mit vollem Bewusstsein miterleben zu müssen.
An den Tagen, die hier gemeint sind, entstehen Lebenskrisen, mittlere Depressionen und Selbstmordgedanken. All dies bleibt im Freundeskreis und in der Familie vollkommen unverstanden, da niemanden klar werden kann, was denn auf einmal los sein soll. Mit Liebeskummer hat es nichts zu tun? Nein? Dann kann es nicht sein, dass es einem schlecht geht. Warum denn? Wer auf diese Frage nicht die konkrete Antwort parat hat, verliert die Leidensberechtigung. Wenn es wenigstens so schlimm wäre, dass man weinen könnte, wütend wäre, Aggressionen ablassen muss, nein, auch das ist es nicht. Es ist genau das, was jeder kennt und kein Mensch erklären kann. Weil es keine Erklärung gibt. Man will nicht gut aussehen, will nicht sprechen, nicht lachen, nichts tun, nicht essen, nicht denken, nicht schlafen (obwohl das oft trotzdem passiert) und: nicht sein. Wenn dann das Schlimme passiert und das Telefon klingelt oder man aus irgendwelchen Gründen gezwungen ist, sich doch unter Leute zu begeben, ist man natürlich nur in der Lage zu nörgeln. Damit ist nicht das allgemeine Nörgeln gemeint, das den normalen Tagesablauf jedes Menschen naturgemäß begleiten muss, um das Leben erträglich zu machen. Oder das Nörgeln, wenn man eine unerfreuliche Begegnung hinter sich hat und darüber berichten möchte, wie schlecht es einem ergangen ist. Das Nörgeln, das hier gemeint ist, ist das allumfassende Nörgeln, die Unlust an allem, an der Kommunikation, der Geselligkeit, es ist die Unfähigkeit, anderen sozial zu begegnen, auf andere Individuen einzugehen, aus dem eigenen Dunstkreis aufzutauchen.
Das Dumme ist, dass man nicht erwarten kann, auf Mitgefühl irgendeiner Art zu stoßen. Da man selbst unfähig ist, anderen mitzuteilen, was nicht in Ordnung ist – denn es ist ja eigentlich alles in Ordnung! -, entbehrt das eigene Verhalten jeglicher Logik. Man ist verstockt, mürrisch, arrogant, unflexibel, lieblos in jeder Hinsicht, und weiß selbst nicht warum. Und das ist das Schlimmste. Es gibt nichts Demotivierenderes als die Unfähigkeit, sich selbst zu verstehen, die eigenen Gefühle kontrollieren zu können, und das gilt für jeden Bereich, nicht nur für diese Tage der absoluten Sinnlosigkeit. Es ist, als würde sich ein Teil des eigenen Körpers, der eigenen inneren Struktur, sei es das Ich, das Selbst, wie auch immer man es nennen möchte, ablösen von dem Rest der Wahrnehmung und sich in Bereiche begeben, die keiner mag. Der Grund, warum das passiert, ist mir völlig schleierhaft.
Kein Psychologe, Therapeut oder Wunderheiler hat jemals darüber nachgedacht, woher die schlechte Laune eigentlich kommt. (Oder??) Im Endeffekt kann man immer das Wetter dafür verantwortlich machen. Obwohl das Wetter nun wirklich nichts dafür kann. Denn das Gefährliche an der schlechten Laune ist der Moment, in dem klar wird, dass man keine Berechtigung hat, schlecht gelaunt zu sein. Das Umfeld reagiert komisch, genervt oder gar nicht, und der eigene Verstand fängt langsam an, sich dagegen sträuben zu wollen, was vollkommen nutzlos ist. Dies führt unweigerlich zu einer Kettenreaktion, denn nichts ist schlimmer, als nutzlos Energie zu verlieren. Das Verlangen, sich selbst zu schaden, kiloweise Schokolade zu essen, obwohl man in letzter Zeit abgenommen hat, oder sich tatsächlich ins eigene Fleisch zu schneiden, ist in dieser Stimmung übrigens nicht Art und Weise der geistigen und körperlichen Ablenkung.
Ist es die absolute Leere der Seele, die den Wunsch verspürt, sich 24 Stunden Zeit zu nehmen, um sich nicht zusammenreißen zu müssen, keinen Erwartungen entsprechen zu müssen, keine Witze zu machen? Vielleicht.
Ich beantrage die allgemeine Anerkennung und Berechtigung dieser zum sinnfreien Dasein bestimmten Tage.

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2 Antworten

Kommentare

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    bestätige ich zum teil,denke nur das Aggression auch dazu kommt, wenn man z.B. nicht in Ruhe gelassen wird mit der nervigen Frage warum man so drauf ist...

    26.09.2007, 23:06 von nashara
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    ich kann das so nachvollziehen!

    liebe grüße

    26.09.2007, 20:26 von Monsterteddy
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