quatzat 05.12.2008, 13:28 Uhr 8 17

Seelenallergie

Als Wissender leidet man in solchen Situationen.

Allergien, so ist die landläufige Meinung, lassen sich oft darauf zurückführen, dass Kinder in einer zu reinen Welt aufwachsen, in der sie nie irgendeinem Immunstress ausgesetzt sind. Sie bilden ein paranoides Immunsystem aus und reagieren bei Berührung mit der "realen" Welt mit heftigen Abwehrmaßnahmen.

"Die müssen auch mal Dreck fressen" oder "Als ich noch klein war, ham wir jeden Tag im Stall gespielt" etc. Diese Aussagen kennt man gut und sicher haben sie einen gewissen Wahrheitsgehalt.

Glücklicherweise bin ich von Allergien verschont geblieben. Wenn ich mir mein Elternhaus nach einigen Jahren der Abstinenz so von der Seite betrachte, weiß ich, dass ich mehr oder weniger mein Risikopotential selbst gesenkt habe. Hätten wir keinen Garten gehabt, hätte ich der größte Allergiker auf diesem Erdball werden müssen. Jedenfalls, wenn man der Dreck-Fressen-Logik folgt.

Meine Mutter putzt nicht, sie lebt das Putzen. Sie putzt im Wahn, sie hat einen Wiener-Zwang und das ewige Lüften ist sicher noch die beste Reinigungseigenschaft an ihr. Sie verbindet jeden Gang durchs Haus mit einem nützlichen Handgriff, schiebt Besen vor sich her oder bringt Flaschen in den Keller. Und damit nicht genug. Sie delegiert Putzarbeiten an unbeteiligte Nebensteher und bestraft Ignoranz mit Traurigkeit und Depressivismus.

Betrachtet man unser Haus, fragt man sich, ob man auch die oftgenannte deutsche Gemütlichkeit aus einer Wohnung saugen kann. Entweder Parkett oder Marmorboden. Sauber und kalt, mit vereinzelten Teppichflicken darauf verstreut, die sich nicht um einen Millimeter von ihrem angestammten Platz entfernen dürfen. Designer-Möbel, die von Menschen entworfen wurden, die sich an der Bequemlichkeit rächen wollen. Eine Kälte im Haus, denn puritanisches Sparen ist nicht nur ökonomisch sondern auch moralisch richtig.

Denn der Putzzwang ist nur Ausdruck einer anderen Phobie. Ihr ganzes Leben steht unter dem Stern, in den Augen anderer gut dazustehen. Prinzipiell ist das sicher nicht allzu schlecht, wird es zum Zwang, ist es unerträglich. Sie kann nicht ausgehen, ohne sich zurechtzumachen. Es wird übertrieben gelacht, aber natürlich nicht so, dass es auffällig ist. Der Schwachsinn, der aus anderen Mäulern kommt, den saugt sie auf, verquirlt ihn mit Schlagsahne und flößt diesen Cocktail ihrem Gegenüber wieder ein. Als Wissender leidet man in solchen Situationen.

Wenn meinen Vater etwas auszeichnet, dann vor allem die Tatsache, dass er mit den Putzattacken meiner Mutter insofern zurechtkommt, als dass er keinen Finger krumm macht. Ansonsten zeigt er klar definierte emotionale Kälte, vorgelebten Fleiß und eine unerschütterliche Meinung. Lob ist ihm oft genug ein Fremdwort und meist erntet es die Katze, wenn sie sich bereitwillig auf den Dachboden verzieht.

Im nachhinein ist es unmöglich zu erklären, wie ich mich in dieser Atmosphäre wohlfühlen konnte. Das liegt aber vor allem daran, dass ich nichts anderes kannte. Natürlich liegt das Haus in einer Wohngegend, die vorwiegend von Rentnern besiedelt wird, Kontakt zu anderen Kindern ging nur über die Schule. Dass diese in der nächsten Stadt lag, hat den Kontakt nicht leichter gemacht. Bis ich in die höhere Schule kam, hatte ich keinen Seelengarten.

Heute habe ich begriffen, dass mein Problem anderen Menschen gegenüber aus dieser Zeit stammen muss. Von außen betrachtet, wird es keinem auffallen. Im Präsentieren bin ich geübt, in der realen Konfrontation bin ich ein überreagierendes Bündel Nerven. Für mich gibt es nur volle Vereinnahmung oder komplette Isolation gegenüber anderen Menschen, einen gesunden Umgang habe ich nie gelernt. Mich erschrecken fehlende moralische Integrität, ich kann fehlertolerante Verhaltensweisen nicht nachvollziehen. Mich selbst schützt dabei ein löchriger Panzer der Pseudoperfektheit.

Ich muss raus, zu den Menschen, die kein Gewissen haben, ich muss ab in den Garten und Seelendreck fressen.

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8 Antworten

Kommentare

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    Die Übertragung vom Körper zur Seele ist sehr gut gelungen!
    Der Artikel regt zum Nachdenken an und ist somit sehr gelungen!

    01.06.2009, 11:40 von wasserschildkroete
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    Ich hab´ den schon mal gelesen. Warum hab´ ich da nicht schon auf´s Köpfchen gedrückt?

    27.05.2009, 09:17 von Steifschulz
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    bringts ohne viel hin und her auf den punkt.
    passt zum thema und gefällt mir

    sehr lesenswert

    lg
    vnss

    05.12.2008, 16:17 von vnss
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    Spannend, wie die Eltern im nachhinein beurteilt werden. Und gut, wie das eigene unvermögen geschildert wird.

    05.12.2008, 16:10 von Tanea
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