lisamariposa 01.06.2012, 08:35 Uhr 8 6

see you in hell, mama

"Obwohl ihr Herz wieder weh tat, bekam sie den Mund nicht auf. Damals nie, aus Angst. Jetzt nicht, weil es nichts ändern würde."

"'Sie ist krank, Ira. Sie ist krank." Wie sie es sich selbst über die Jahre beigebracht hatte atmete sie ein paar mal tief durch und sagte den Satz in ihrem Kopf immer wieder, wie ein Mantra, während sie ihrer Mutter gegenüber saß und angestrengt versuchte ihr zuzuhören. Sie rührte in ihrem Kaffee, viel Milch viel Zucker und musste den Drang unterdrücken,ihn ihrer Mutter ins Gesicht zu schütten. Auch wenn es so herrlich kleben würde. Ira war ein Scheidungskind, lebte seit Jahren bei ihrem Vater.Obwohl ihre Mutter nicht sonderlich weit weg wohnte sah sie sie selten und unregelmäßig- aus freien Stücken. Denn manchmal waren die Besuche okay, manchmal weniger. In den Grundzügen ähnelten sich okay und weniger okay. Jedes mal kam Ira zu ihrer Mutter in die viel zu große Altbauwohnung.Jedesmal setzten sie sich an den hellen Küchentisch aus Holz. Sie tranken Kaffee. Mutter rauchte, Ira nicht. Manchmal redeten sie über Männer, um so etwas wie eine Mutter-Tochter Beziehung zu erzeugen, nur ganz kurz. Meistens redeten sie über belangloses. Nie über die wichtigen Dinge. Wie die Vergangenheit. Als Ira noch bei ihrer Mutter lebte. Als sie ihrer Mutter zusah, wie sie sich betrank. Als Ira noch nicht verstand, wieso ihre Mutter dann zu so einem bösartigen Menschen wurde.


Der Unterschied zwischen okay und nicht okay bestand in dem Alkoholpegel Iras Mutter. In diesem Moment war er eher hoch, was Ira in Gedanken wie diese versetzte. Obwohl ihr Herz wieder weh tat, bekam sie den Mund nicht auf. Damals nie, aus Angst. Jetzt nicht, weil es nichts ändern würde. Einmal hatte sie etwas gesagt. Das war lange her und endete in einem furchtbaren Streit, und wie gesagt, es änderte nichts. Es kostete Überwindung, und bewirkt hat es nichts. Wenn sie nach dem Kosten-Nutzen Prinzip ging, wie so oft, sagte sie sich, dass diese Investition von emotionalen Engagement sich nicht lohnt.

Sie riss sich aus den Gedanken. Betrachtete ihre Mutter. Die trägen Augen, die eingefallenen Tränensäcke, die scharfen Züge um ihren Mund. Sie fand sich nicht wieder, die sah sich nicht. Sie fühlte ein Ziehen in ihrer Brust, als würde ihr Körper sich dagegen sträuben hier zu sitzen. 'Das ist deine Mutter. Deine depressive, alkoholkranke Mutter. Sie kann nichts dafür, sie ist krank.' Sagte Ira sich noch einmal. Es war ja auch so. Aber wieso fand diese Frau all die Jahre keine Kraft sich helfen zu lassen? Zum Beispiel durch die Liebe zu ihrer eigenen Tochter. Sie brach den Gedanken ab, wollte die logische Antwort die ihr Gehirn schon bereit hielt nicht hören. Sie wusste, sie würde weh tun. 

Als ihre Mutter die Zigarette ausdrückte, sich ein Glas Wein einschenkte und nebenbei fröhlich über ein neues Rezept für Spaghetti Bolognese plauderte ('Das Geheimnis sind die Möhren!'), erhob Ira sich, schob den Stuhl an den Tisch, stelle ihre Tasse in  die Spülmaschine und ging. Ihre Mutter brüllte ihr irgendetwas hinterher, doch Ira hörte nichts als ein weißes Rauschen. Sie wollte kein Verständnis mehr aufbringen müssen, oder gar Mitleid.
Sie sprintete nach Hause, ihre Lunge tat weh.Sie wollte die vielen Gefühle denen sie sich nie stellte hinter sich lassen. Zuhause legte sie sich mitsamt Schuhen ins Bett. Sie weinte nicht, tat sie nie. Es war doch nur ein ganz normaler Mutter-Tochter Tag."


Ira hob den Kopf und blickte in die Menge.Die versammelte Trauergemeinde sah schockiert aus, empört. Ein Tuscheln ging umher. Ihr Vater trat nach vorne und legte betont sanft seinen Arm um sie, führte das blasse Mädchen zurück zu ihrem Platz. Sie blickte auf ihre Knie, bedeckt von dem schwarzen Kleid welches sie für die Beerdigung ihrer Mutter gekauft hatte. Sie starb an Leberzerfall, wie auch sonst. Vielleicht war der autobiografische Artikel nicht das richtige für eine Abschiedsrede. Heute hat sie den Mund aufgemacht. Und in der Kirche sagt man eben die Wahrheit.

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8 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Doch, der Titel passt schon,

    Kinder von Alkoholikern sind leider um Größenordnungen gefährdeter, selber Alkis zu werden - und die Mechanismen der Tradierung in der Familie, die ganze Psychologie dahinter: tückisch.

    Aber das ist zum Glück nur Statistik, nicht Schicksal.
    Und gilt vor allem für jene, die nicht bewusst damit umgehen. Ira tut das offenbar.

    Aber der Prozess der Auseinandersetzung ist am Grab nicht vorbei, das zu glauben, wäre sehr gefährlich.

    03.06.2012, 21:11 von Lagback
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    och naja, du

    03.06.2012, 15:42 von Surecamp
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    macht nachdenklich..

    03.06.2012, 13:45 von superhero!
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  • 2

    Applaus für die Aktion. Und... in der Kirche sagt man eben die Wahrheit? Mmh... ein Hort der Lügen und Scheinheiligkeit... das sagte mir kürzlich jemand... ich unterschreibe das nicht, tendiere aber eher in diese Richtung. Und die "empört" tuschelnde Gemeinde bestätigt mir das.

    01.06.2012, 19:14 von Mrs.McH
    • 0

      Stimme zu!

      01.06.2012, 20:26 von lisamariposa
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  • 0

    Eine Geschichte aus der man viel lernen kann!
    Der Titel finde ich ein bisschen zu stark für den feinfühligen Text... andererseits wär ich sonst vielleicht nicht darauf aufmerksam geworden, das hätte ich als persönlichen Verlust empfunden :)

    01.06.2012, 09:02 von MakiNo
    • 0

      Den Titel, Pardon

      01.06.2012, 09:04 von MakiNo
    • 0

      Vielen, vielen Dank. :) Der Titel passt tatsächlich nicht, aber was ich damit bewirken wollte hat zum Glück funktioniert!

      01.06.2012, 09:08 von lisamariposa
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