Schwefelatmer
Atme gefälligst.
Ich frage mich, ob du, du zerrissene Seele, die du da durch die Welt und über den Planeten wandelst, ob du vergessen hast oder nicht sehen willst oder vor Angst nicht wahrhaben willst, dass du durchschaubar bist wie Plexiglas.
Ja, wie Plexi nicht wie Glas. Glas ist kaputtbar, das Plexi um dich rum ist es nicht, es konserviert dich, beziehungsweise die inneren Reste, die Brocken, die Fetzen, die, die von dir noch übrig geblieben sind nach all den Kämpfen, den Wanderungen, die nirgendwohin führten, na ja, vielleicht ein wenig im Kreis, zurück in den inneren, das Auge des Tornados, denn nur da herrscht vergleichbar himmlische Ruhe im Gegensatz zu dem, was um dich herum tobt, nicht wahr?
Ich frage mich, wie laut du geschrieen hast, als du gemerkt hast, dass du so zerrissen bist, dass du niemals mehr in ganzen Stücken irgendwo zur Tür rein gehen oder als eine Einheit irgendwo ankommen wirst.
Verloren, so viel verloren. Vielleicht auch nie was bekommen, vergessen, liegengelassen, drübergetreten, es macht mich fluchen, wenn ich mit fast schon mathematischer Präzision jeden deiner nächsten Schritte voraussehen kann, weil du glaubst, dein Schmerz macht dich allein sein auf dieser Welt und niemand sonst erkennt das Muster deiner wahllos dahingeworfenen harten Brutalitäten, deiner Tritte gegen irgendwelche Knie, deiner Faustschläge in die Luft um dich herum, damit dein innerer Kreis auch ja unberührt bleibt, egal wie klein oder groß er mittlerweile geworden ist.
Raus dem Getöse, rein in den samtweichen Kokon, nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nur ein bisschen nach draußen mitgelärmt, damit man noch merkt, dass du da bist, damit du nicht nach einiger Zeit das stinken anfängst, wenn du tot irgendwo herumliegst.
Ich frage mich, was dich an solchen Tagen rasender macht: das peitschende Schweigen der Erkenntnis, die dich ereilt, wenn du in den Spiegel schaust, der Kontrollverlust, wahrscheinlich sogar sehnlichst herbeigefiebert, oder die Tatsache, dass die schweren Brocken in der kämpferischen Hitze zu Brei schmelzen und dir aus dem sorgsam errichteten Bunker deiner selbst davonfließen und du nicht weißt, ob du den Hahn zu- oder aufdrehen musst um das Wundwasser zeitig zu stoppen.
Ist es nicht ätzend, zu sehen, zu erkennen, sich einzugestehen, dass man selbst mit dem beschissen quälenden Schmerz nicht allein und in Ruhe für sich sein kann? Dass die Abneigung, das Kämpfen, das Brechen, das Seelenprügeln – all das, dass es einen an manchen seltenen und wenigen Plätzen dieser Welt zu einem völlig normalen Menschen macht? Nicht für immer, aber für Augenblicke. Momente, die es wert sind. Vielleicht.
Oh Himmel, grausam, ja, denn das war nicht der Plan, oder? So war das nicht angedacht, all der Schwermut, das Bewaffnen, das Verkriechen im Schützengraben, der illusorische Trotz gegen alles, das Eröffnen des Feuers, bevor auch nur ein feindlicher Soldat auf dem Schlachtfeld erschienen ist, du musst ja ausrasten vor Schmerzen, sind das nämlich nicht genau die Geschosse, auf die du nicht vorbereitet warst?
Ich frage mich, wieviele Tränen du geweint hast, als du dich entscheiden musstest, ob mit oder ohne und du dich entschieden hast und dich jetzt jeden verdammten Tag umentscheiden willst und am nächsten Morgen dann wieder anders zumindest bis zum Abend, dann möchtest du nochmal darüber nachdenken dürfen, oder vielleicht doch nicht, vielleicht, man könnte ja nochmal, oder eventuell – aber Angst essen Seele auf und bei dir wird gerade ein lukullisches Festmahl veranstaltet.
Dass man erkannt wird, durchschaut wird, eiskalt entlarvt und man weiß nicht, ob dieses Wissen, der Wegriss der Tarnung nun wie ein Damoklesschwert ist, das einem sanft die Kopfhaut zerschneidet oder vielleicht bis zu einem gewissen Grad erlösende Ballastreduzierung, oh, ist es nicht furchtbar, frisst es einen nicht noch mehr, wenn man wartet und wartet und hofft auf den Schmerz, weil man mit gar nichts anderem mehr umgehen kann, und man merkt, die Kante zwischen Hier und Jetzt, sie ist nichts weiter als ein beliebig wechselnder Aggregatszustand all dieser Steine und Stoffe, mit denen wir bauen, mauern, werfen, gewichten? Und dann ist der schmale Grat kein kaltes Minenfeld mehr, sondern diese komische kieselige Blumenwiese von der immer alle reden, dampfend und pochend, federnd und auffangend, aber wer weiß schon, für wie lange und wohin und wir Schwefelatmer haben sowieso vergessen, warum und wozu.
Ich frage mich, wie weh es getan hat, als das Leben dir deine Zunge abgerissen hat und du nun nicht mehr sprichst, jedenfalls nicht mehr mit diesen phrasischen Worten wie alle anderen, warum auch, was soll man noch groß sagen, ein Teil mehr oder weniger ist jetzt auch schon egal –
Wo ist eigentlich der andere Teil, der mit den Armen, mit denen man sich selbst noch wenigstens ein bisschen halten könnte, wo ist der Teil mit den Beinen, mit den Füßen, die einen weitertragen, die einen wegbringen aus dem sumpfigen Gebiet, in das du gefallen bist, weil dir alles entglitt und du nicht wusstest, wie man sich anständig festkrallt und der Modergeruch, der dir immer wieder in die Nase steigt, der dich vergiftet, den riechen die anderen nicht, können sie auch nicht, sie sind nicht da wo du bist.
Da wo du bist, da liegt er, der Torso, übersät mit Brandmalen die nie mehr heilen, Narbengewebe, dicker als jedes Tierleder und Wunden, die bluten und bluten und nie aufhören zu bluten.
Wo der Rest von dir hin ist, weiß niemand. Vergessen, nicht darauf geachtet, keinen Einhalt geboten, mitgenommen, gestohlen, geklaut, abgeschnitten, weggerissen – niemand weiß es mehr.
Nur du, aber es bringt dir nichts mehr, weil du stirbst.
Am Leben. Qualvoller als viele anderen. Stiller als die leiseste Ruhe.
Atme gefälligst, wenn die Luft klarer wird.
Jetzt.




Kommentare
hmz..
23.08.2009, 22:40 von BlumenbeetSehr wortstark, sehr bildhaft, mag ich.
19.08.2009, 19:48 von MyaBeertja, die selbstzerrissenheit. die kenn ich.
19.08.2009, 16:58 von marco_frohbergerBoah, Sally, du alte Kuh, was haust du denn für krasse Texte raus?!
19.08.2009, 16:48 von frl_smillaHui.
18.08.2009, 10:37 von SurecampBöse.
einige Textstellen kommen mir so bekannt vor, man könnte meinen, du warst heimlich auf meiner Festplatte ;)
Das sumpfige Gebiet.
Das mag ich, sowas geschriebenes....
Lisbeth.
"dass du niemals mehr in ganzen Stücken irgendwo zur Tür rein gehen oder als eine Einheit irgendwo ankommen wirst."
17.08.2009, 22:05 von AnnaEcke->Lieblingsstelle.
Kraftvoll!