EliasRafael 05.01.2011, 18:11 Uhr 6 5

Schwarze Schwäne

Als Schwarze Schwäne bezeichnet man in der Statistik extrem seltene Ereignisse. In meinem Leben tummelt sich eine ganze Großfamilie davon.

Als Schwarze Schwäne bezeichnet man in der Statistik extrem seltene Ereignisse. Am äußersten Rand der Normalverteilung angesiedelt, kommen sie in der Realität doch häufiger vor, als sie es mathematisch betrachtet dürften. Die inzwischen alle paar Jahren regelmäßig wiederkehrenden Finanzkrisen sind solche, haha, Anomalien, was aber jeder, der in dieser Schmarotzerbranche arbeitet, mit einem Augenzwinkern quittiert. Krisen gehören dazu, eher noch: Krisen sind das Geschäft. Up and down, daran kann man noch verdienen, selbst wenn die Welt grundsätzlich den Bach runtergeht. Meine Sinnfrage ist jedoch eher, warum sich mittlerweile eine ganze Großfamilie dieser langhalsigen Trauerschwäne in meinem Leben eingenistet hat. Mir schwant, die vermehren sich schneller als eine albanische Migrantensippe voller Sozialschmarotzer. Und durchfüttern muss ich die auch noch, die Albaner und die Schwäne. Die Welt ist ungerecht. Und so schreibe ich. Kein Blatt vor dem Mund, es sei denn, ich habe mir damit vorher den Arsch abgewischt.

Schwarz war nicht immer meine Lieblingsfarbe. Eine zeitlang lief ich in farbenfrohen T-Shirts rum, bevorzugt magenta und cyan, weil das damals so nerdy klang. Partiell auch mal mit schnödem Grünstich, dieser kann jedoch auch an Speed-Resten in der Waschmaschine gelegen haben. Denn ich packte immer alles in einen Waschgang, und dann auf 100 Grad, volle Dröhnung. Anyway… colour up your life! Man mags kaum glauben, es hatte funktioniert. Die Laune immer gut, das Leben eine Party. Spätestens mit dem Auftritt von Ed Hardy funktionierte die Masche nicht mehr. Farben waren auf einmal en vogue und ich fühlte mich entmündigt und gedemütigt. Dabei steht mir babyblau echt gut. Passt nämlich zur primitiven Denke.

Mit den Trauerschwänen kam dann der Stil zurück in mein Leben. Das heißt, er war natürlich immer vorhanden, er hatte sich jedoch eher subtil bemerkbar gemacht, etwa in der Art und Weise, wie ich meine Zigarette gehalten hatte. Den kleinen Finger affektiert abgespreizt. Oder wie ich meine funktionale Ikea-Einrichtung mit Einzelstücken vom Sperrmüll oder vom Flohmarkt aufgewertet hatte. Dauerhaft reingefallen ist auf diesen Geschmacksfake natürlich niemand, kein Klasseweib schon gar nicht. Dafür waren die Expeditregale zu dominant und die Wände zu kalt. Zum Bilderaufhängen bin ich einfach nie gekommen, obwohl sich eine beachtliche Sammlung an Vintage-Prints kurzzeitig angesagter Absolventen der hiesigen Kunstakademie in meiner Gästetoilette stapelte. Leere Wände füllen war immer Frauenarbeit. Dekospiele, da konnten sie sich selbst verwirklichen und mussten nicht an mir rumbasteln. Sie hatten leider immer eigene Bilder dabei, nicht immer stilsicher.

Meine Schwarzen Schwäne waren dramatische Ereignisse im Leben, wie potenzielle Totgeburten, alkoholbedingter Zahnausschlag, die Große Liebe zu einer Selbstmordattentäterin, psychische Krisen und Demenz im familiären Umfeld und Freundeskreisreduzierung durch Handyverlust. Selbst der Blitz schlug mal bei mir ein, und damit ist nicht Amors Pfeil gemeint. Kennen wahrscheinlich alle, bei mir ist aber immer Megadrama. Die Trauerschwäne sind grundsätzlich tiefschwarz mit drei Meter langen Hälsen. Wobei sie als Jungtiere oft noch putzig aussahen. Ich hatte daher immer die stille Hoffnung, dass sie wie dereinst Michael Jackson mit den Jahren aufhellen würden. Wurde aber nix. Die ganze Schwarzeschwanenbagage ist mittlerweile ausgewachsen und tummelt sich immer noch gefräßig in meinem Leben.

„Fokussier dich beim Schreiben“, mahnt mein Chef mich an. Wir brüten gerade darüber, mit welchen möglich-unmöglichen seltenen Ereignissen sich in diesem Jahr Geschäft generieren lässt. Unsere Abteilung entwickelt Derivate. Strukturierte Finanzprodukte, mit denen sich auf alles wetten lässt. Das Platzen der Rohstoffblase, den Aufstieg des Renmimbi zur globalen Leitwährung, die Einführung von Menschenrechten im Iran oder eine Geschlechtsumwandlung von Guido Westerwelle zur Erfüllung der parteiinternen Frauenquote. Die Investoren sind heiß auf solche Derivate. Schwarze Schwäne versprechen inzwischen Schwarze Zahlen, man muss es den Leuten nur schmackhaft machen. Glauben tun sie alles und nichts heute.

Ich frage mich, welcher Schwarze Schwan mich in diesem Jahr heimsuchen wird, und ob ich davon irgendwie im Vorfeld profitieren kann. Einen Optionsschein auf den eigenen Selbstmord? Zu dramatisch, und verdienen würden nur die Erben. Arbeitsplatzverlust und Abrutschen in Hartz-IV-Gefilde … nein, da darf ich nicht drauf wetten, der Ertrag würde wohl angerechnet. Vielleicht eine tödliche Krankheit, die Schweinegrippe ist doch wieder im Lande und ich gehöre charakterlich zur Höchstrisikogruppe. Das könnte es sein. Zahlung bitte dann sofort und cash bei Ausbruch, dann kann ich mir noch ein schickes Restleben gestalten.

Schwarzer Schwan lautet auch der Titel eines neuen Films mit der zauberhaften Nathalie Portman als Profi-Ballerina Nina, die gleichzeitig auch den Weißen Schwan tanzen will. Ich habe was von heißem Lesbensex gelesen, den werde ich mir anschauen. Den Film mein ich. Vielleicht finde ich da Inspiration für mein weiteres Leben. Nathalie wird jedoch wohl kaum mein Schwan sein und morgen an der Haustür klopfen.

Aber man wird ja noch mal träumen dürfen, oder?"Wichtige Links zu diesem Text"
Schwarzer Schwan, Trauerschwan
Black Swan with Nathalie Portman

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6 Antworten

Kommentare

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    ganz unterhaltsam. hab ich gern gelesen!

    08.06.2012, 12:03 von Gluecksaktivistin
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    Gefällt mir auf verschiedensten Ebenen.

    30.01.2011, 00:13 von ah-oui-comme-ca
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    Und eine ebenso bezaubernde Winona Ryder spielt da auch mit...

    06.01.2011, 12:32 von sailor
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      @[Benutzer gelöscht] Bring hier niemanden auf komische Ideen. Vielleicht auch eher ein Frauenthema. Wer macht?

      05.01.2011, 18:50 von EliasRafael
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      @EliasRafael Bei EliasRafael Texten erwartet man keine Schwäne..., weider weiße, noch schwarze.

      05.01.2011, 19:36 von Jackie_Grey
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      @Jackie_Grey Schwäne oder Schwänze jetzt?

      05.01.2011, 23:40 von EliasRafael
    • 0

      @EliasRafael SCHWÄNE - natürlich.

      06.01.2011, 12:27 von Jackie_Grey
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    Hörma ... Der letzte Satz ist aber geklaut!

    :D

    05.01.2011, 18:33 von B.tina
    • 0

      @B.tina Hm, ja, den habe ich schon mindestens 100x gelesen hier. Gut erkannt!

      05.01.2011, 18:41 von EliasRafael
    • 0

      @EliasRafael Und jetzt musstest Du ihn einfach mal verarbeiten? Gut so. Dann ist er raus ausm Kopf!

      05.01.2011, 23:48 von B.tina
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