Alida.Montesi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 12 10

Schrödingers Katze

Gleichzeitig tot und lebendig.

Die Heisenbergsche Unschärferelation lässt sich nicht auf den Alltag übertragen. Man stelle sich eine Katze vor, die in einer verschlossenen Kiste mit einer Todesfalle steckt. Ist die Katze nun gleichzeitig tot und lebendig, nur weil man nicht nachsieht und prüft?

"Schrödingers Katze" ist seit meiner Kindheit mit einer falschen Assoziation verbunden: Ein Labor, eine Teleportationsbox und in der Box eine verhackfleischte Katze, weil das Experiment noch nicht geklappt hat. Heute weiß ich, dass es sich um eine schräge Erinnerung an das 1986 Remake von "Die Fliege" handelt (in Wahrheit war es ein Affe) kombiniert mit dem Wissen, dass es bei Schrödinger im weitesten Sinne um eine Katze geht, die in eine Box eingesperrt wird. Doch was sich außerdem in meinem Kopf eingebrannt hat: Die Katze stirbt immer zuerst. Sie ist ein leicht verfügbares, stilles Opfer. Ist sie verschwunden, wurde sie wohl überfahren. Und falls Fragen aufkommen, findet man auf der Straße eine neue, die genauso aussieht.

"Du bist wie eine Katze" war sicher schmeichelnd gemeint. Vielleicht ein Bild für Unabhängigkeit. Vielleicht heißt es, dass man fordernd um Beine streicht, wenn man Lust hat. Aber ich dachte nur an Hackfleisch. Ich stellte mir vor, dass es bedeutet am Nacken gepackt und zu Fleisch gemacht zu werden. Mehr als das. Nicht irgendein Fleisch. Hackfleisch, das weiße Rauschen unter den Fleischformen.

Als er fortging um Milch zu kaufen (wusste er nicht, dass Katzen Wasser trinken) packte ich meine Sachen in den kleinen, schwarzen Koffer und aus Verlegenheit, aus der Überlegung heraus, was noch zu tun sei, platzierte ich eine einzelne, graue Socke auf dem Bett. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss, der Aufzug stand bereit und es war nur ein Knopfdruck, nicht mehr zu entscheiden, nicht mehr zu überblicken, nur schließlich ein paar Schritte in Richtung Sonne und Luft.

Blinzelnd trat ich ins Licht. Ich sah einen Mann und eine Frau, die am Straßenrand standen und stumm auf etwas warteten. Ich sah einen Mann, der sich in einem Auto mit dem Navigationssystem die Zeit vertrieb. Und ich sah die Straßenbahnhaltestelle. Ich dachte, wie gerne ich Orte für immer verlasse und zum ersten Mal betrete. All das Feierliche daran. All die leeren Versprechungen.

Aber ich dachte auch: Wahrscheinlich wollte er mich nicht wirklich zu einer Katze degradieren, vor allem zu keiner, die Herrn Schrödinger oder anderen Männern gehört. Und wahrscheinlich hatte er unbewusst Recht mit seinem Katzenvergleich, beziehungsweise ich mit meiner Assoziation. Denn wer haltlos von Ort zu Ort schleicht, nichts da lässt, nichts fordert, nichts gibt, muss sich nicht wundern irgendwann in einer Box aufzuwachen. Ich dachte, irgendwann muss man sich wohl entscheiden, irgendwann muss man bleiben. Auch wenn der neue Tag, wenn sein Licht blendet, weil es gleichzeitig das eine und das andere bedeuten kann - Welle, Teilchen, je nachdem wie man es betrachtet. Die Entscheidung bedeutet nicht, Opfer zu sein oder jemandem zu gehören. Die Entscheidung bedeutet, wahrnehmbar zu sein, am Leben zu sein. Denn man ist niemals, unter keinen Umständen, gleichzeitig tot und lebendig.

10

Diesen Text mochten auch

12 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich will eine Katze und ich nenne sie Schrödinger!

    17.05.2015, 20:17 von nuescht
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Irgendwann landen wir alle in ner Box. Nur aufwachen tun wir dabei nicht alle. ;)

    Auch wenn er holpert und die Analogie m.E. nicht sauber herausgearbeitet ist - ich mag den Text, weil er eine Atmosphäre erzeugt, die ich mag.

    07.05.2015, 09:14 von Jimmy_D.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Und doch schafft sie es, durch das einleitende, rahmengebende "irgendwann muss man sich wohl entscheiden" den hoffnungsvoll-verheißenden Schluß zu konterkarieren.

    Es ist nicht ganz dasselbe, aber ein Rahmen wie "Es ist ein Zwang ("müssen") zu dem ich mich entscheide" nähert sich dem Paradox "gleichzeitig tot und lebendig" an.

    "Ich habe keine Wahl mehr, deswegen treffe ich eine Wahl" läßt immer noch genug Raum, die letzte Wahl für ungültig zu erklären ("Ich hatte keine Wahl, deswegen fällte ich diese.").

    Gleichzeitig alles und nichts.

    07.05.2015, 06:03 von Nem
    • Kommentar schreiben
  • 1








    Ziel einer Analogiebildung ist es, einen unerschlossenen Sachverhalt in ei-
    nem Bereich (Zielbereich) durch den Vergleich mit einem bekannten Sach-
    verhalt in einem anderen Bereich (Ausgangsbereich) zugänglich zu ma-
    chen. Die einfachste Form der Analogiebildung entspringt dem Begriffs-
    verständnis der antiken griechischen Mathematik (z. B. bei Archytas von
    Tarent; αναλογία = Verhältnis, vgl. Tiemann, 1993). Analogiebildung wird
    hier verstanden als das Herstellen einer Verhältnisgleichheit der Form „A
    verhält sich zu B wie C zu D“. Im engeren Sinne sind hier tatsächlich Za
    h-
    len- oder Größenverhältnisse gemeint. In einem weiter gefassten Verständ-
    nis der Verhältnisgleichheit werden jedoch auch Objekte zueinander in Be-
    ziehung gesetzt, die nicht im obigen, streng mathematischen Sinne zu-
    einander proportional sind. Die Verhältnisgleichheit basiert dann einerseits
    auf dem Vergleich von Objektattributen, vor allem aber auf dem Vergleich
    der Beziehungen zwischen den beteiligten Objekten. Eine so verstandene
    Analogie muss jedoch nicht unbedingt eindeutig sein (Beispiel: Quadrat
    verhält sich zu Würfel wie Dreieck zu Tetraeder
    oder auch wie Dreieck
    zu dreiseitigem Prisma). Eine Überprüfung des Analogieschlusses ist also
    notwendig und muss die Ziele der Analogiebildung berücksichtigen. Wel-
    che Relationen im konkreten Fall zur Analogiebildung herangezogen wer-
    den, hängt dabei neben dem verfolgten Ziel der Analogiebildung auch vom
    Vorwissen ab. 




    06.05.2015, 21:49 von ga
    • 0

      TU Dortmund? oha

      06.05.2015, 22:07 von Alida.Montesi
    • 0

      An der Uni lernt man i.d.R. das richtige Zitieren;)
      Also Quellenangabe und so Zeug...

      06.05.2015, 22:37 von yuhi
    • 0

      Sieht interessant aus...

      Aber verhielte der Tetraeder sich nicht analog zur Pyramide...

      Nee, auch nicht. Prisma passt, Tetraeder mmn nicht.

      07.05.2015, 08:04 von sailor
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 2

      5

      heisenberg

      07.05.2015, 12:24 von ga
    • 0

      werner heisenberg

      quantentheorie und philosophie

      07.05.2015, 12:26 von ga
    • 1

      Quantentheorie und die Phisolophie der Quadratlatschen.

      07.05.2015, 12:57 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Ich glaube, er meinte eigentlich Katzenbilder.

    06.05.2015, 21:17 von EliasRafael
    • Kommentar schreiben

NEON im Netz

Spezial: Städtereisen

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare