zzebra 23.04.2008, 10:20 Uhr 3 2

Schneckenhausleben

Wenn jetzt dichter Schnee fiele. Auf die bunten Blumen da vor dem Fenster. Wäre das auch kein Wunder?

Im Winter stecken sie fest eingepackt in einem Zuhause, das sich als solches aufdrängt. Sie warten auf den Sommer, wo sie durch saftige Wiesen streifen dürfen, ein paar fette Halme zwischen den Zehen, grüne Spuren auf der Fußsohle. Abends im Bett kann man sie noch kitzeln fühlen. Manchmal sitzt Orkan wie tot im Eck und erwacht erst, wenn ich ihn umarme. Aber das ist eben so, wenn man den pragmatischen Weg wählt, würde Mama sagen. Pragmatisch ist, wenn man gehorcht, habe ich gelernt. Glücklich und gleichzeitig warmen Fußes leben, das lässt sich nicht miteinander vereinbaren. Nicht, wenn der Kopf in Wattewolken steckt, die einen an Nase, Ohr und Wimpern kitzeln.

Es gibt da so eine Stelle im Haus, die ist kuschelig warm, obwohl es wie blöd zieht an dem Ort. Ein Nest, das irgendein Ahnungsloser in den entlegenen Wipfel eines abseits stehenden Baumes gekünstelt hat, vermutlich, weil er das chic fand ein bisschen anzugeben, von wegen Baukünste, Architektur, belastbare Werkstoffe. Hanno macht auch immer solche dummen Dinge, die am Ende der Geschichten einen tieferen Sinn erhalten, und nur der, der sich beim Lesen mittendrin dabei gut fühlt, der findet auch so ein exponiertes Nest behaglich.

Wenn der Ruf „Essen gibt’s!“ durch die Räume hallt, wird es kälter. Die Wände ziehen sich zusammen, wölben sich bedrohlich nach mir hin. „Eine Minute noch...“ Hab ich das eben gesagt oder nur gedacht? Unerbittlich hallt es in mir nach. Eine Minute noch. Was ist schon eine Minute. Essen kommen. Hanno ist dabei, seinem etwas denkfaulen Freund verständlich zu machen, dass Professor Hibiskus etwas Schreckliches ausheckt. Professor Hib hat die ganze Geschichte lang noch nichts gegessen, Hanno nur Schokolade, sein Freund spricht ständig vom Futtern, er ist dick, aber ein Freund. Ein dicker Freund sogar. Draußen ziehen sich ein paar bauschige weiße Wolken zusammen. Essen Regenwürmer Regen?

„Wenn du nicht sofort kommst, werd ich gleich ziemlich sauer!“

Es riecht. Die ganze Wohnung ist wie ausgestopft von Bratensoße und Gemüsearoma, als wollten die sich nach innen wölbenden Wände wehren dagegen, dass sie gleich platzen. So wie Orkan, der Kuschelbär mit Schaumstoff ausgefüllt ist. Bei der Operation hatte sich das herausgestellt: nur Schaumstoff. Er quoll regelrecht heraus beim ersten Schnitt, vielleicht war zu viel davon drin. Eine Stimme wie ein Fußtritt ist das jetzt. Manchmal übertreiben es die Erwachsenen ein bisschen an der falschen stelle mit ihren Fürsorglichkeiten, dafür ist woanders Leere. Der Eingriff war unbegründet. Er konnte Orkan die Mut machende Diagnose stellen: Wo nichts ist, da kann auch nichts weh tun. Das ist sehr praktisch, vor allem, wenn ein Organ wie das Herz fehlt.

„Na endlich. Kein Wunder deine Noten. Du träumst zu viel. Wie war es in der Schule?“

Freddie hat mal wieder genervt. Der stört ständig den Unterricht, findet das auch noch sehr witzig. Ermahnungen scheinen ihn nicht zu stören, ganz im Gegenteil zu seinem Verhalten. Ermahnungen können ganz schrecklich stören. Der Leierkastenmann, den wir in Bremen sahen, spielte immer das gleiche Lied, dem niemand zuzuhören schien. Stören vor allem, wenn man gerne nachdenkt über sich zusammenballende Wolken, warum eine kalte Kuschelecke warm und gemütlich ist, wieso man traurig darüber ist, das einem anderen das Herz für die Liebe fehlt und man sich innen fühlt wie wabbeliger Schaumstoff.

Beim essen soll man nicht sprechen, das ist gut, da kann man ganz viel beobachten und grübeln. Die Soße ist das Beste. Es müsste eine unsichtbare Soße geben, die man übers Leben kippen könnte, damit es besser schmeckt. Der Spruch „Iss deinen Teller auf!“ ist zum Brüllen komisch. Leer. Leer sollte das heißen. Wieso werden Erwachsene wütend, wenn man sie bei einem banalen Fehler ertappt? Man kann hören, dass man sehr geliebt wird und es gleichzeitig trotzdem nicht spüren. Ist das vielleicht so ähnlich wie mit der Kuschelecke, in die man sich verkriechen kann wie ein Schnecke in ihr Haus?

„Viele Hausaufgaben?“

Nein, heute nicht, ein Klacks. Vermutlich wird sie sich wundern, warum ich die so schnell erledigt haben werde heute. Kann mir ja extra ein wenig mehr Zeit lassen. Das macht es für morgen einfacher. Ich höre schon: „Siehst du? Es geht doch, wenn du willst.“ Ich wüsste gerne, wer oder was das ist, das mich so oft steuert. Es ist, als gehörten meine Beine, meine Stimme, meine Hände gar nicht mir, sie tun, was sie tun müssen. Mir gefällt das sehr. Es ist mir dabei, als ob das Leben mich streichelte. Das fühlt sich sehr angenehm an. Aber es stört andere sehr. Auch seltsam.

Ich war zu schnell fertig. Dabei ist der Grund ein einfacher: Ich mag dorthin zurück, wo die Welt mich verwirrt, verzaubert, aus der Gegenwärtigkeit entführt. Denn dort ist es schöner. Liebenswerter. Da fühlt man sich geborgen. Schade eigentlich, dass man dabei nur denken kann, dass das Leben schön ist. Viel zauberhafter wäre es, ein anderer könnte dieses Gefühl mit einem teilen. Der säße mit einem an der Stelle, die einen geheimnisvoll wärmt. Dann guckte man ihm in die Augen und alles wäre gut.

„Schau mal, es fallen Schneeflocken so dick wie zerknüllte Papiertaschentücher auf das Blütenmeer!“

„Ja. Und sie sinken aus dem blauen Himmel heraus, schweben durch die Blüten hindurch und werden von der Erde aufgesaugt.“

Nachmittags soll es aufklaren und wieder sommerlich warm werden, hallt der Radiosprecher dumpf im Hintergrund. Eine monotone Stimme, deren Tonlage wechselt, aber niemals müde wird zu versuchen, einem die Welt zu erklären. Sie klingen immer alle, als hätten sie Recht. Orkan braucht nichts zu sagen, schon verstehe ich ihn. Eine Umarmung genügt.

„Gib dir keine große Mühe, du vertraute Stimme“, möchte man dem Radiosprecher zuraunen. „Meine Welt will sich gar nicht erklären lassen.“

Oder wieso sollte es einen Sinn machen, wenn ich nachher, wenn die Pflastersteine von der Sonne aufgewärmt wurden und kleine Schnecken ihre glibberige, in der Sonne glitzernde Schleimspur darauf ziehen, barfuss Schneckenhäuschen unter den nackten Sohlen mit einem leisen „Kracks“ zerplatzen lasse? Hanno hätte das sicherlich nicht gut gefunden und mich zur Rede gestellt. Wenn man es in sich fühlt, braucht man keinen festen Platz, um sich gut zu fühlen. Dann ist eine Betonmauer so gut wie Orkans Umarmung aus rieselnden Schaumstoffbällchen.

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3 Antworten

Kommentare

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    hach ja, so ein Budenleben............schöner sehr schöner Text, mein Lieber *lächel*

    23.04.2008, 22:24 von freddie
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    Wenn du gerade mal nicht damit beschäftigt bist, deine Mitautoren mit gefakten Nicks Hops zu nehmen, schreibst du doch tatsächlich wunderbare Wortreisen, mein Lieber!
    ;-)

    23.04.2008, 10:48 von Kiyan
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    sie klingen immer alle, als hätten sie recht.

    ein text, der einen entführt. verführt zum träumen. und einigeln. chapeau, alter mann. auf dass wir nie vergessen, wie sich kindheit anfühlt.

    23.04.2008, 10:45 von misspringle
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