s'Herbst kommt
Ein Sprung vom Balkon - was ist verkehrt mal daran zu denken?
Montag, 11 Uhr.
Die Menschheit geht mir ganz arg auf die Nerven. Nach einer Woche Urlaub hatte ich es gerade eine Stunde ausgehalten bevor ich auf den Balkon flüchtete und eine rauchte. Bei uns in der Arbeit darf ja nur, sofern man im ersten Stock arbeitet, auf dem Balkon geraucht werden. Nimmt man die Fläche Deutschlands oder Frankreichs als Umrechnungsbasis für ein typisches Balkonien an mitteleuropäischer Wohnfläche, haben wir hier Luxemburg. Eng ist es, und der Regen peitscht um das Vordach herum. August und doch so herbstlich.
Wie fühlt es sich eigentlich an, so als Blatt. Angenommen, man ist das erste Blatt am Ende eines Sommers, das vom Baum fällt. Dann ist man doch ein ziemlicher Verlierer. Oder ist man Pionier, Lindbergh der Zivilisation, man lässt los von seinen Wurzeln, mit denen man auch in der Krone noch verbunden war, und trudelt durch Wind und Wetter auf irgendeinen Teil des Bodens. Dann schreien die anderen Blätter, sie jubeln oder weinen. Sie alle fallen irgendwann, dann ist es weiß .. es schneit.. es ist ruhig. Keine Spur mehr wo vorher Farbe und Vergänglichkeit in den Pfützen des Regens zu Dreck verfaulten. Die Wurzel wird sich holen was oben sitzt.
Es sind schon dreieinhalb Meter, vom Boden des Balkons zu den Pflastersteinen des Weges, der zum Tor nach draußen führt. Umrahmt werde ich von einem schwachbrüstigen Geländer. Weiß lackiert und doch nicht hübsch. Als ob es tausend Stäbe gäbe, und hinter tausend Stäben keine Welt. Hier reichen die Stäbe bis zur Hüfte, so ist das. Im Kopf ein Adler auf Erkundungsflug, bis zur Hüfte eingesperrt und nicht kastriert. Ich sollte mal bei Vollmond auf diesem Balkon stehen. Verwunderlich, dass die Sucht mich meiner Höhenangst beraubt. Angst vor dem Fliegen hab ich auch, das letzte Mal als ich unbeschwert fliegen konnte, ja, da war ich ein Kind und man durfte noch während des Fluges rauchen. Was also alles möglich wäre wenn ich, auf einer Baumkrone tanzend, mit Kippe im Mundwinkel auf den Herbst warten würde, wäre ich der erste der fällt, fliegt oder andere mit in den Abgrund reissen würde? Untere Blattschichten wären neidisch, erzählten sicher Geschichten von Gesundheit, langem Leben, Sonne sei ungesund. Vielleicht. Wahrscheinlich sogar.
Die Asche schwebt und zerfällt auf dem Weg nach unten. Wie wundervoll.. der harte Aufprall bleibt erspart, kommt nicht unten an. Wenn ich jetzt mit Kippe im Mundwinkel über das Geländer und dächte ich wäre ein Blatt, ein brennendes Blatt auf der Krone der Menschheit - zurück auf dem Weg zu der Wurzel, was trug mich all die Jahre? Dann sehe ich mich um und weiß. Der Balkon ist zu klein für ein Publikum, kein anderes Blatt würde es sehen. Der Untergang wäre meiner, nicht der aller Gewissenhaftigkeit.
Als dann der Zigarettenstummel mit voller Wucht auf den Boden prallte, sich mehrmals überschlug und erbärmlich zu mir, auf dem Balkon stehend, herauf sah, doch, da war ich ganz froh kein Blatt zu sein.




Kommentare
ich finde die stilwechsel nicht gelungen, du hättest dich für den stil am anfang oder den am ende entscheiden sollen, wenn du mich fragst.
23.09.2008, 12:59 von MisterGambitdas ist wie ein puzzle aus vielen guten teilen, die kein schönes bild ergeben.
Schöner Text, sehr poetisch. Gefällt mir gut die Gedanken, die du uns mitteilst. Und ich kann mich dem Rest nur anschließen....das Gedicht von Rilke ist auch sehr sehr schön....
23.09.2008, 12:27 von ElleWoods1985Guter Text, sehr schöne Passagen, interessante Gedankengänge... Doch bevor die Wurzel sich holen wird, was oben sitzt (steht), gilt es, selbst noch ein paar mal einzuwurzeln. ;)
06.09.2008, 15:07 von TschoernSchön, diese Kreativität in einer Zigarettenpause, hätt ich nicht für möglich gehalten.
25.08.2008, 17:46 von TaneaUnd auch noch mein Lieblingsgedicht reinzupacken, herrllich.