Alle-Nur-Ich-Nicht 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 2

Runaway Train

Runaway Train. Never comin' back.

Es war halb sechs Uhr früh, als ich ging. Die Straßen waren leer. Wie ausgekehrt. Abgewischt. Nur ich war das einzige Staubkörnchen, das darauf hängen geblieben war. Einfach übergangen und zurückgelassen. Aber jetzt würde ich sie zurücklassen. Sie alle. Kalt war es auch. Und dämmrig. Das fahle Licht spähte gerade ein wenig über die Firste der Häuser. Ich wickelte mich enger in meine Jacke, straffte sämtliche Glieder und machte mich auf den Weg zu meinem neuen Anfang.

Ich richtete mich nach dem Verlauf der breiten Hauptstraße. Ich würde sie nicht ewig laufen können, irgendwo hörte auch sie auf. Alles hatte ein Ende. Ich würde anfangen. Ich würde so lange laufen, bis es kein Ende mehr gab, an Orte kommen, an denen die Worte »Ende« und »Anfang« keine Bedeutung hatten, wo überhaupt alle Worte keine Bedeutung mehr hatten, völlig entfremdet von ihrem Sinn; ja, ich würde sehr weit gehen, weiter, als ich mir jetzt vielleicht vorstellen konnte. Ich machte einen Neuanfang. Alles würde von neuem losgehen. Ich würde von neuem losgehen. Was zählte, war, sich weit genug von hier zu entfernen. Weiter als nicht nur ich, sondern jeder auf dieser Welt es sich vorstellen konnte.

Nach etwa einer Stunde stand ich vor dem großen Hauptbahnhof. Sobald ich das größte all der Cafés gefunden hatte, setzte ich mich dort in eine Ecke und wartete auf meinen Anfang. Irgendwo da hinten in meinem Kopf sah ich ihn kommen. Aber noch war ich nicht ganz bei ihm. Ich musste mich wohl etwas gedulden. Ein Kaffee half mir dabei.

Ich war bald nicht mehr der Einzige. Die Masse kam. Die Masse, die gleiche, die langweilige Masse. Aber ich spürte, wie ich schon nicht mehr dazu gehörte. Die Leute rauschten resignierend an mir vorbei, die ganze Welt hatte es eilig. Ständige Bewegung. Wie beim Zeitraffer im Film. Still hockte ich in der Ecke, während die Welt um mich zu rasen schien. Warum sollte ich es eilig haben? So einem Neuanfang musste man Zeit lassen. Vielleicht war er schüchtern und traute sich nur nicht heraus.

Nach einer Stunde holte ich mir meinen zweiten Kaffee. Aufstehen, hinsetzen. Nur nicht auffallen. Die anderen Leute aber, waren interessant zu beobachten. Ich mochte es, anderen Leuten zuzusehen. Ich fühlte mich dadurch außerhalb, distanziert, der Masse nicht zugehörig. Ich mochte es, zu überlegen, wie sie sich wohl fühlten, ihre Gesichter und Gestiken zu analysieren. Noch nicht mal zu hören, was sie sagten – ihnen einfach nur beim Leben zuzugucken.

Die Ersten, die mir ins Auge fielen, waren ein junges Mädchen und ihr Freund, die überglücklich miteinander schienen. Sie hatte ihre dünnen Beinchen über seine gelegt und er hatte einen Arm eng um sie geschlungen. Sie teilten sich einen großen Latte Macchiato mit zwei Strohhalmen. Sie lachten. Sie küssten sich. Sie sahen so glücklich zusammen aus, dass es wehtat. Ich musste wegsehen.

Ich dachte an Melanie. Ich dachte immer an Melanie. Ich spürte den verliebten Blick ihrer großen, dunklen Kulleraugen, fühlte ihre weichen Haare, ihre zarte Haut, ihre schlanke Taille … – bis ich wieder einmal realisierte, dass das alles vorbei war. Und dass sie einer der vielen Gründe war, warum ich jetzt hier saß. Warum sich ein Stachel durch mein Herz bohrte, dass es blutete, und ein Hass auf dieses viel zu hübsche Mädchen in mir wuchs, aus diesem Blut heraus floss, bis es ein Hass auf mich selbst wurde. Ja, sie, sie war ein Grund, weshalb ich jetzt nichts mehr mit meinem Leben anzufangen wusste.

An der Kasse standen zwei Freundinnen. Sie unterhielten sich aufgeregt, tuschelnd, obwohl sie eigentlich sicher sein konnten, dass hier in diesem riesigen Raum niemand zuhören würde. Ständig kicherten sie über irgendetwas. Irgendwann bemerkten die Mädchen wohl, dass ich sie beobachtete, denn ihre Blicke wanderten mehrmals zu mir rüber und das Tuscheln wurde auffälliger. Ich senkte schnell den Blick in meine Tasse. Ich fand es immer einerseits verunsichernd und peinlich, wenn ich bemerkte, dass fremde Leute über mich redeten, andererseits interessant und faszinierend. Was sie wohl sagten? Ich würde es nie herauskriegen.

Eine Familie mit einem Ensemble von drei Kindern, drei Koffern und drei Bade-Gummitieren im Schlepptau kam ins Café. Die Kinder waren laut und maulten herum. Müde, Hunger, nein, doch keinen Hunger, warum denn wegfahren, warum dies, warum das. Der eine Junge, um die neun Jahre alt, dick und ungeduldig, zappelte nur herum, fragte hundertmal wann der Zug ging, und wann sie endlich ankämen. Ich wäre keinesfalls so ungeduldig wie dieses kleine dicke Gesicht, das sich jetzt einen Muffin in den Mund stopfte, auf Familienurlaub zu fahren, an einen überfüllten Strand, in riesige Hotels für unzählige Touristen und ihre Gummitierbegleitung, die sich an den weißen langen, wunderschönen Küsten tummelten, und diese Geschenke der Natur unausstehlich machten. Der Älteste war geschätzte fünfzehn, interessierte sich nicht die Bohne für seine Familie, befahl nur manchmal seinen quengelnden Geschwistern, endlich die Klappe zu halten und tippte ununterbrochen auf seinem Handy herum, bis seine Mutter es ihm aus der Hand riss und einsteckte. Von da an saß er mit verschränkten Armen und beleidigt ins Gesicht gezogener Baseballcap am Tisch und rührte nichts zu Essen an. Ob ich auch so gewesen war? Der Vater verschwand hinter der Zeitung und die Mutter schlürfte gestresst eine Tasse Tee, während sie mühsam versuchte die Kinder ruhig zu halten und ihr Teebeutel vor lauter Hektik vom Tisch auf ihre Ledertasche plumpste. Chaos.

Familie. Noch ein Grund warum ich neu anfing. Nie wieder diese Stadt betreten, hatte ich mir geschworen. Meine Eltern nie wieder sehen, die, die sich Tag und Nacht stritten und sich heute, an diesem verdammten Tag, scheiden lassen würden. Das, hatte ich mir geschworen, das würde ich nicht mehr mitbekommen. Da bin ich schon irgendwo weit, weit weg von hier. Mein Bruder würde dabeisitzen und nicht verstehen, warum er umziehen würde, aber sein Papa nicht mitkam. Ich würde es ihm nicht mehr erklären können. Meine Mutter hätte es sicher von mir erwartet. Der große Bruder wird den kleinen schon aufklären. Vielleicht wäre er ja auch besser dran gewesen, wenn ich es ihm gesagt hätte. Ich sah meine Mutter schon vor mir, wie sie versuchte einem Fünfjährigen diese Situation zu erklären. »Sachen gehen nun mal so.«, würde sie sagen. Sonst nichts. Als Kind muss man kompromisslos akzeptieren. Jetzt konnte sie mal erleben wie das war. Denn ich würde nicht zurückkommen.

Wahrscheinlich würde meine Abwesenheit erstmal gar nicht bemerkt werden. Dass ich nicht aufstand, wenn sie wach wurden, war nichts Ungewöhnliches. Erst wenn die Beiden, vermutlich wieder streitend, vom Scheidungsanwalt heim kommen würden, würden sie sich wundern, warum niemand da war. Aber dass ich tagsüber wegging, ohne Bescheid zu sagen, oder wenigstens eine Nachricht zu hinterlassen, war seit einiger Zeit auch keine Neuigkeit mehr. Abends dann, wenn ich nicht heimkam, würden sie anfangen, sich über mich zu ärgern. Während der nächsten Woche war schon der Umzug geplant. Warum ich gerade jetzt nicht da war, würde meine Mutter meckern. Am nächsten Tag erst würde sie vielleicht anfangen sich wie eine anständige Mutter um ihren Sohn Sorgen zu machen. Mein Bruder würde fragen, wo ich war, und sie würde ihm keine Antwort geben können. Und ich auch nicht.

Es war verrückt. Wie verrückt das Leben doch war. Unter Jugendlichen war das so normal. Die einen waren ewig zusammen, die andern trennten sich wieder, und noch mal andere hatten einfach nur eine Nacht was. Aber bei Erwachsenen war das so anders. Die waren ein Leben lang zusammen, hatten geheiratet, zusammen Reisen gemacht und Kinder großgezogen. Und das alles nur, um sich danach wieder scheiden zu lassen? Und ihr Leben und gleich dazu das ihrer Kinder einfach in den Müll zu werfen? Sie hatten sich so sehr geliebt, dass sie sich für immer binden wollten. Aber dann? Was ist schon dieses »für immer«? Ewigkeit. Sind wir nicht alle endlich? Ist ein Bruch dieses „immer“s denn dann auch ein neuer Anfang? Neue Welt, neues Leben? Ich startete auch einen Neuanfang. Aber einen anderen als meine Eltern. Ich würde doch nicht ohne Nachzudenken einfach ihren Weg gehen. Das könnte ihnen so passen. Es war schon spät. Sie waren sicher schon auf dem Weg zum Anwalt. Danach war ihr Leben gespalten. Also sollte auch meins von ihnen getrennt sein.

Alle würden sie zurückbleiben in dieser trostlosen Stadt, in diesem grauen, tristen Deutschland, das voll von Euro-Krise und schlechter Politik, voll von Spießern wie meinen Eltern, voll von scheußlichen, morallosen, abgestumpften und von der modernen Welt auf das Computerspiel-Internet-Sucht-Niveau runter gestampften und verblödeten Mitschülern war, die alle keine Ahnung vom wirklichen Leben hatten, in dieser kaputten Welt ohne Halt, ohne Perspektiven. Ich würde ausbrechen – ich warf mein Leben nicht weg, nicht einfach so. Das war kein Wegwerfen. Die Leute verstanden das falsch. Ich startete einen Neuanfang. Ich sah mein altes Leben hinter mir verschwinden, und ich sah die langen, glatten, nassen sich in der Ferne verlierenden, Freiheit versprechenden Schienen und ich sah in den Himmel hinauf, bis das gleißende Licht in meinen Augen schmerzte; wie auch immer der Neuanfang aussah, irgendwie würde ich mich durchschlagen. Aber nicht in dieser Welt.

Auf dem Bahnsteig war es kalt und ungemütlich. Ein leichter Nieselregen setzte ein und meine Jacke wurde klamm. Alles war egal. Alles würde neu werden. Fort, fort, fort, hinweg in die schöne neue Welt. Ich werfe nichts weg. Ich kämpfe.

Ich war ein Flüchtling. Ich floh aus der Welt, aus dem Leben.

Ein Runaway. In meinem Kopf spielten meine Gedanken das Lied, leise summte ich die Melodie, während ich auf den Zug wartete. Auf meinen Zug. Auf meinen Neuanfang. Leise hörte ich ihn rumpeln in der Ferne, er traute sich also doch heraus.

Runaway Train. Never comin' back.


Tags: Neuanfang, Runaway
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2 Antworten

Kommentare

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    Ich glaube so etwas, ziehen leider die wenigsten Menschen durch

    19.01.2014, 09:19 von PinkParticle
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    .. Und jetzt will man weiter lesen!

    18.01.2014, 20:53 von TheCannon
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