derkleinemaulwurf 12.05.2011, 12:19 Uhr 1 3

Planet Mackenhirn oder meine Depression

Kälte, so eine markdurchdringende Kälte. Ich kann kaum atmen, da ist kein Raum, kein Platz in diesem geballten Etwas, das sich in mir befindet.

Angst, so große Angst, heiß und brodelnd, wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Unbeherrschbare Energie, die mein Herz rasen und meine Hände zittern lässt. Innere Kernschmelze, nur dass ich nicht anfange zu brennen und die sich in mir befindliche Radioaktivität freisetze, sondern vollauf damit beschäftigt bin, eine spätvormittäglich-geschäftige Straße entlangzulaufen.

In den Cafés bestellen die ersten Mittagspäusler Kürbissuppe mit Ingwer oder portugiesische Croissants mit Serrano, trinken Galao oder Milchkaffee, lesen Zeitung. Eine Kindergartengruppe defiliert an mir vorbei, kleine Gestalten in Gummistiefeln und Matschhosen halten sich an der Hand, bleiben an jeder Hofausfahrt eifrig stehen um links und rechts nach möglichen Autos Ausschau zu halten. Ich bin ein Alien vom Planeten der Depression, ich nehme die Kinderstimmen wahr, das Motorengeräusch der vorbeifahrenden Autos, die Vogelstimmen in den frühlingsblühenden Bäumen über mir, den Wind der aus den Hofeinfahrten kommt. Ich nehme wahr, aber nicht auf, bewege mich hinter einer unsichtbaren Wand wie ein Roboter.

Ein Bein vor das andere, an einer roten Ampel bleibe ich stehen, stecke die zitternden Hände tief in die Taschen, starre auf das rote Licht, äußerlich bewegungslos, innerlich zersetzt von zerstörerischer Energie, die jede Faser meines Körpers bis zum Zerreißen spannt. Eine junge Frau neben mir mit übergroßer Sonnenbrille flirtet laut in ihr IPhone, verabredet sich für eine Party am Wochenende, gestikuliert und lacht. Ich starre unbewegt auf das immer noch rote Licht, die Energie verwandelt sich in einen verzehrenden Schmerz.

Parties, unbeschwerte Gespräche und Pläne mit Freunden, eine fremde Welt, unerreichbar und angsteinflößend für einen Alien wie mich. Gespräche strengen mich an, Musik schmerzt in den Ohren, Pläne und Verabredungen werden zu unüberwindbaren Hindernissen. Ich will aber kann nicht, drehe mich im Kreis um mich selbst, im immer gleichen Dialog mit der hässlichen Fratze, die sich genährt vom Serotoninmangel meiner Neuronen in meinem Inneren eingerichtet hat. Schlaflose Nächte nehmen mir die letzte Energie, ich google stundenlang Seiten von Psychiatrien, Depressionsforen und psychiatrischen Informationsdiensten, erfahre dass ich mit meinem inneren Monster voll im Trend liege, dass Depressionen mehr als zehn Prozent der Bevölkerung betreffen, dass sie gut behandelbar sind und meistens irgendwann wieder verschwinden, und dass nichts zurückbleibt. Ich schlucke Tabletten, die mich in einen traumlosen Komaschlaf knocken, um am nächsten Morgen wieder im Schraubstock der Angst aufzuwachen und dem Monster in seinen stinkenden Rachen zu blicken und überzeugt zu sein, dass das „meistens irgendwann verschwinden“ bei mir ein „therapieresistent und chronisch“ bedeutet.

Das Ampellicht wird grün, die Frau mit dem Handy bewegt sich immer noch telefonierend mit zügigen, energiegeladenen Schritten über die Kreuzung, ich schlurfe mit eingezogenem Kopf hinterher. Nach einer Unendlichkeit bin ich am Ziel, den Weg weist ein Schild „Psychiatrische und neurologische Gemeinschaftspraxis“, dort habe ich mal wieder einen Termin um der freundlich-besorgt-kompetent wirkenden Psychiaterin Frau Weil die scheinbar endlose Liste meiner Symptome auf den großen Schreibtisch zu kotzen. Sie hört zu, nickt, schreibt, tippt Sachen in ihren Computer, der dann ein weiteres Rezept für seriös aussehende große Pillen mit Zahlen und Buchstaben drauf und kleinen Kügelchen drin ausspuckt.

Ich fahre mit dem Aufzug in den fünften Stock, in der verspiegelten Wand sehe ich eine fremde Person, ich kann es nicht sein, weil die Person eigentlich ganz normal aussieht, vielleicht ein bisschen dünn, aber sonst nichts Auffälliges, die inneren Dämonen wüten perfide hinter einer Fassade, zurück bleibt eine Hülle. Ich kann diese fremde, so normal aussehende Person nicht mehr ertragen, zum Glück hält der Aufzug und spuckt mich vor der Praxistür aus. Die Tür ist noch zu, Mittagspause, anscheinende habe ich mal wieder den Termin verpeilt, seit einer gefühlten Ewigkeit bewege ich mich in Zeit- und Raumlosigkeit, Uhrzeiten sind quasi nicht existent, Sekunden ziehen sich wie Kaugummi oder rasen mit Lichtgeschwindigkeit.

Erst jetzt bemerke ich einen Typ etwa in meinem Alter, groß und dünn, der zusammengekauert auf dem Treppenaufgang sind, den gekrümmten Rücken mir zugewandt. Sein T-Shirt vibriert leicht, Schweißspuren ziehen sich den Rücken entlang, ich kann die inneren Kämpfe seiner Dämonen beinahe mit den Händen greifen.
„Noch zu?“ fragt eine Stimme aus mir heraus, dieser Versuch einer Kommunikation lässt keinen Raum für Reflexion über die Sinnlosigkeit der Frage, nachdem ich ja gerade an der Tür gerüttelt habe. Der Typ dreht sich kurz um, ich blicke in ein normales Gesicht, etwas blass, nur der gequälte Ausdruck in seinen Augen gibt einen Eindruck seiner inneren Schlachten preis. „Anscheinend“. Seine Stimme klingt so normal wie meine, er stößt hörbar Luft aus beim Sprechen, meine feinen Psycho-Antennen fühlen die vibrierende Anspannung, die sich dabei entlädt. Er dreht sich wieder um, mein Blick fixiert weiterhin seinen bebenden Rücken.

Meine Hülle zuckt mit den Schultern, setzt sich auf die Stufe vor der Tür, die Neuronen in meinem Mackenhirn sind immer noch in der Lage, diese fremde Person namens Ich zu halbwegs normalen Reaktionen zu bewegen, auch wenn es unendlich Kraft kostet.
Dieser bebende Rücken mit dem schwitzigen T-Shirt gehört vielleicht auch so einem Alien wie mir, zwei Glasglocken vor der geschlossenen Tür. Für einen kurzen Moment fühle ich mich ein kleines bisschen weniger allein auf diesem fremden Planeten.

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Kommentare

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    Perfekt.

    17.05.2011, 23:15 von IAmTheOcean
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