zion_country 29.07.2011, 18:19 Uhr 4 6

Pech im Spiel

Ich warte und finde es auf einmal seltsam, dass die Welt so normal weiterläuft, während hier Menschen auf Nachrichten warten die ihr Leben verändern.

Ich liege unter der Röhre, MRT die Zweite. Es ist kalt. Diesmal haben sie mich nicht zugedeckt. Sie wollen nur sicher gehen, dass auch wirklich alles in Ordnung ist (sag ich mir immer wieder). Nach einer halben Stunde ist es vorbei, ich warte auf einem Stuhl, der einsam und verlassen vor dem Behandlungsraum steht. Das Subjekt der Begierde neckt derweil hinter der halb offen stehenden Tür viel zu laut die Arzthelferinnen. Ich warte und warte und finde es auf einmal seltsam, dass die Welt so normal weiterläuft, während Menschen in diesem Gebäude auf Nachrichten warten die ihr Leben verändern. Endlich kommt er auf mich zu und lächelt mich an. Wir gehen in sein Sprechzimmer, er zeigt mir die Bilder und verkündet mit der Arroganz welchen Ärzten viel zu oft anhaftet: "ein Tumor ist auszuschliessen". Mehr kann er nicht sagen. Ich fühl mich irgendwie so mittel.

Die Ereignisse welche mit den folgenden Tagen und Wochen einhergehen, befreien die Unsicherheit welche zuvor versteckt irgendwo gewohnt hat. Diese Unsicherheit beschleicht mich nun und ich merke wie mit ihr auch die Angst beginnt Einzug in meinen Körper zu halten. Langsam frisst sie sich in mich herein, beginnt mich zu lähmen. Ich sitze in Wartezimmern und versuche mich abzulenken, die Zeit scheint still zu stehen. 


Und dann auch noch diese Clowns, nie habe ich Clowns so gehasst wie in diesem Moment.

Klinik. Ich komme zum Vorgespräch und erfahre schon im Flur was nun geschehen soll: Angiographie. Mit einem Katheter durch die Leiste in den Kopf. Kontrastmittel spritzen und schlussfolgern.
Mir wird schlecht, ich sehe wie mein Freund ganz weiss wird, er lehnt an der Wand und sackt langsam runter. Es wird eine Liege geholt, zwei Ärzte greifen ihm unter die Schulter, heben ihn darauf und ihm wird ein Glas Wasser geholt. Mir kommen die Tränen, nur vereinzelt und langsam, aber ich kann sie nicht zurück halten. Ich habe Angst und ich beschliesse zu kneifen. 

Nun lieg ich hier schon wieder, ich hab kein Zeitgefühl, aber es kommt mir ewig vor. Mein Kopf liegt in dieser Schiene, ich darf mich nicht bewegen und ich muss so dringend auf Toilette. Endlich wird die Liege aus der Röhre gefahren, ich renne aufs Klo. Bedürfnispyramide. Wie schön, dass man sich wenigstens auf etwas verlassen kann. Gehirnblutung bereits erfolgt, aber weiterhin Geduld, bis das Gremium von Neurologen, Neuro- Radiologen und - Chirougen getagt hat.

Warten lernt man nicht.

Mein Kopf tut weh, mir ist schlecht, ich zitter am ganzen Körper. Sanitäter stehen neben meinem Bett, hiefen mich auf die Liege und der Signalton begleitet mich direkt ins CT. Keine Blutung, nur die Psyche. Sicherheitshalber Angiographie, ich habs mir schon gedacht. 

Ich mache die Tür zu dem Vierbettzimmer auf, indem ich eine Nacht verbringen soll. Es riecht nach alten Leuten, zum Glück habe ich das Bett am Fenster. Dann werde ich aufgerufen, es geht los. Ich laufe in das Gebäude indem die Untersuchung gemacht wird. Mein Freund und meine Mutter warten vor der Tür. Ich ziehe mich aus, ziehe den hässlichen Blau- Weiß geblühmten Kittel an und lege mich auf die Liege. Ich und die Geräte an mir werden befestigt und über meine Leiste wird nocheinmal rasiert, das Desinfektionsspray brennt.

Ich versuche an die Decke zu schauen. Ich muss bei der Prozedur bei Bewusstsein sein. Rohr in die Hauptschlagader. Schlauch in meine Leiste. Immer wenn das Kontrastmittel in meinem Kopf gespritzt wird muss ich die Augen zu machen, es wird an einzelnen Stellen, dem Ohr, den Augen, ganz heiss und mir wird schwindelig. 3D Aufnahme wie im Kino. Der Katheter wird mit aller Kraft einmal um mein Gehirn gedreht. Ein Gefühl im Kopf welches ein Mensch nicht ertragen sollte.

Ich werde ins Zimmer gefahren, 24 Stunden liegen und Druckverband. Das Kontrastmittel muss raus, viel trinken, aber das mit der Bettpfanne funktioniert nicht. Ich kann im liegen, mit drei fremden Personen im Zimmer und dem Bewusstsein sich voll zu urinieren einfach nicht locker lassen. Der Besuch wartet derweil vor der Tür. 

Diagnose Aneurysma, akut lebensbedrohlich und schon gewachsen. Es muss so schnell wie möglich operiert werden, dabei werde ich einen Schlaganfall bekommen. Ich habe keine Wahl und kann nicht mal weinen. Dann sind sie wieder weg, sie erzählen mir solche Sachen und dann gehen sie einfach. Das Aufklärungsgespräch für die Operation ist erst morgen und ich weiss doch nichts über die Wahrscheinlichkeiten. 

Verdammte Scheisse, ich hasse Statistik und jetzt ist es Wahrscheinlichkeitsrechnung, die mir den Strohhalm zum Leben reicht.

Ich will rauchen, aber ich kann nicht aufstehen, ich bin ausgeliefert, auch diesen Menschen die neben mir stehen und welchen ich eigentlich so nahe bin. Ich weiss, dass sie mich jetzt beruhigen müssen, aber das Gefühl Rücksicht nehmen zu müssen erdrückt mich und ich kann auch nicht mehr abwarten, ich habe so lange gewartet und es ist immer schlimmer geworden. 

Am Abend vor der Operation gehe ich mit meinem Freund in dem kleinen Waldstück neben der Klinik spazieren, wir reden nicht Als wir zurück kommen sitzen zwei Freunde in meinem Zimmer. Ich sehe, dass auch sie Angst haben.

Die Ärztin erklärt mir, dass ich unbedingt die Schlaftablette nehmen soll, mehrmals. Mit Nachdruck. Aber ich will nicht. Diese einzige Entscheidung die mir noch bleibt werde ich mir nicht nehmen lassen. Ich will mir Gedanken machen dürfen, in dieser Nacht und vor der Operation, ich will mich vorbereiten können, die vielleicht letzen Momente meines Lebens bewusst erleben. Ich verstecke die Tablette und bleibe die ganze Nacht wach. Obwohl mein Freund auf dem leeren Bett neben meinem sitzt, bin ich alleine. Das ist ein bischen wie beim Sterben denke ich, da ist man auch ganz alleine.

Am nächsten Morgen muss ich wieder durch die Tür zum Operationssaal, dabei werden die vereinzelten Tränen immer dichter, ich kann nicht mehr aufhören zu weinen. Ich weine als ich mich ausziehe, als ich an die Geräte angeschlossen werde, als die Ärzte kommen und selbst in dem Moment als ich das Narkosemittel inhaliere muss ich weinen.

Ich erlebe nach wie vor diese Momente der Glücksseligkeit um welche sich das Leben dreht und ich wache sehr oft auf und bin froh den kommenden Tag erleben zu dürfen. Aber in bestimmten Situationen beschleicht mich das Gefühl, dass mir dieses Leben eigentlich nicht zusteht und ich frage mich warum ich so früh hätte sterben sollen. Auch wenn äußerlich alles beim alten geblieben ist, hat sich die Angst in meinem Körper heimisch gemacht, ausgebreitet und von mir Besitz ergriffen und auch ein Jahr später konnte ich sie noch nicht bezwingen.

 "Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch noch so sehr durch die anderen Übel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu gibt er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert." (Nietzsche; 1871)

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4 Antworten

Kommentare

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    und, ist das gefühl mit dem zweiten leben noch da? ich kenne das ähnlich und es war ganz schnell wieder weg ;(

    17.03.2017, 14:53 von libido
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    "Auch wenn äusserlich alles beim alten geblieben ist, hat diese Angst mich verändert und häufig wäre ich gerne einfach so unbeschwert wie früher"- du sprichst mir aus dem Herzen

    06.11.2011, 10:53 von missbutterfly400
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    Fiktiv oder Real? Mich berührt es jedenfalls.

    29.07.2011, 20:07 von Karmelotta
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    Sehr persönlich mit einem intimen Einblick gewährenden letzten Absatz.
    Empfehlung!

    29.07.2011, 18:41 von RAZim
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