berlin_bombay 01.11.2012, 03:02 Uhr 42 30

Pathos

Eine Rückkehr zum Uterus des Lebens.

Und plötzlich stehen sie vor der Tür und kommen freudestrahlend in die Wohnung. Meine Eltern und Geschwister, alle meine Freunde seit dem Kindergarten, Arbeitskollegen, Nachbarn, Friseure und Bankberater. Alle meine Hausärztinnen und Supermarktkassierer, die Postboten und unbekannten Liebschaften, One-Night-Stands und Bettgeschichten. Sie haben Blumen und Geschenke dabei, meine besten Freunde haben gekocht und die Musik trägt Leben durch meine lichterfüllten Zimmer. Es riecht nach Äpfeln und Koriander, auf dem Balkon wird Gras geraucht und zieht in seidenen Schwaden durch die Sonnenstrahlen. Meine toten Verwandten schneiden Bleche voller Kuchen mit silbernen Messern und tunken Zuckerwürfel in schwarzen Kaffee. Es wird gelacht. 


Ein jeder erzählt Geschichten über die Vergangenheit und schon bald halten sich meine Neffen und Nichten die Bäuche, gespannt vom Zuhören und überzuckert vom herrlichen Erdbeergelée. Meine Mutter trägt eine große Platte mit Bouletten und Senf durch die Wohnung, meine Jugendfreunde trinken mit meinem Vater Bier und blicken verstohlen zwischen ihren Frauen und der Fussballübertragung hin und her. Im Esszimmer verschlingen dicke, goldbehangene Tanten Käsekuchen mit Sahnehauben und Cocktailkirschen, der Tee dampft und das Schmatzen ist bis in den Hof zu hören. 

Jemand dreht die Musik lauter und der Tanz ist eröffnet. Mein Großvater tanzt mit einem der besonders hübschen Mädchen, die ich in den letzten Jahren in rauschenden Nächten vor mir her die Treppe zu meiner Wohnung hinaufführte. Hände mit Feuerzeugen und Bierflaschen ragen hinauf zur Decke und die Band auf der Bühne in meinem Wohnzimmer zerreißt die Luft mit zärtlicher Zerbrechlichkeit, spielt "To Build A Home"Ich betrete die Tanzfläche und alle klopfen mir auf die Schultern und nicken mir lachend zu. Hier und da drücken mir wunderhübsche Frauen Küsse auf die Wangen, Männer geben mir mit festem Händedruck ihre Anerkennung zu verstehen. Freunde umarmen mich und stoßen mit mir an, Freundinnen haben lachend Tränen in den Augen und wünschen mir alles Gute. Ich gehe weiter durch die Menge, und treffe auf immer mehr bekannte Gesichter und vertraute Menschen. Je tiefer ich in die Traube meiner Lebensmenschen eindringe, desto geborgener fühle ich mich Es ist wie eine Rückgeburt: ich kehre zurück in den Uterus meines Lebens, den goldenen Mittelpunkt meines Daseins, den Kaugummikern meines weltgewordenen BumBum-Eises.

Meine besten Freunde schenken mir Radiowecker und Wodkaflaschen. Sie haben auf eine fussballfeldgroße Collage die Fotos meiner letzten dreiundzwanzig Jahre geklebt. Zu jedem Foto wird in einem dreiundvierzig Bücher umfassenden Buchband eine Kurzgeschichte erzählt. Ein Dutzend ihrer Hände helfen mir auf den goldenen Zwergelefanten, der mich tiefer in die Menschenmenge trägt. Dort warten geduldig meine Eltern, meine Schwester und mein Bruder, mit großen Sonnenblumen in der Hand. Sie haben Lebensweisheiten in einer fast unendlichen Präsentation vorbereitet und meine Mutter weint vor Schreck, da sie mir so kurzfristig nicht mehr mit auf den Weg geben kann. Ich spüre die Wärme der Wände, die man nur zu Hause spürt - wo immer dies auch sein mag - während ich jeden einzelnen ein letztes Mal tief in mein Herz schließe. 

Während mein Blick durch die Menschen im Raum schweift und ich mir die gütigen und zufriedenen Gesichter ein letztes Mal anschaue, greift mein Großvater nach meiner Schulter.
"Egal was du tust, ich warte oben auf dich."

________________

Der Druck in meinem Kopf ist schlagartig weg. Mit einem kurzen Knacken im rechten Ohr, als hätte man ein Ventil gelöst, herrscht Entspannung und mir ist als würde die ganze Last aus meinem Schädel herausfließen. Die Musik verschwimmt zu einem Dröhnen und mein Kopf sinkt zufrieden auf den hölzernen Rand meines Bettes. Kurz bevor ich die Augen schließe und dem Gefühl der Schwerelosigkeit und Belanglosigkeit nachgebe, sehe ich die kleine Glasampulle mit ihrer feinen Kanüle und dem glänzenden Kolben. Am inneren Rand des Hohlgefäßes klebt noch ein Tropfen des milchig-gelblichen Gemischs aus Heroin und Thiopental. Ich schmunzle, ergebe mich dem Drang nach nichts und atme tief aus.

_________________

Mein Großvater schmunzelt und lässt meine Schulter los. Die Sonne durchflutet den Raum, ich muss blinzeln und dennoch verschwimmen die Schatten. Dein Gesicht ist das letzte, das ich erkennen kann. Du lachst. Ich auch.







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42 Antworten

Kommentare

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    Jeder ist seines Glückes Schmied, aber nicht jeder Schmied hat Glück in seinem Leben..

    08.11.2012, 04:46 von LaufForrest
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  • 1

    tolles kopfkino. das lied betont die stimmung echt gut. aber ich schliesse mich Nackte_Wahrheit an. mein kopfkino war eher positiv gesinnt, auch wenn der text etwas dergleiches erahnen lässt. der schluss war weniger überraschend als traurig, dass mein kopfkino so schlagartig aufhören musste.
    jedenfalls super geschrieben :)

    05.11.2012, 21:41 von verpixelt
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  • 2

    Für einen kurzen Moment empfand ich ein Gefühl von Glück, fühlte mich in schöne, melancholische, träge, tiefsinnige, hochmütige, vergangene Zeiten versetzt, bis dann der Schlag kam. Aber ich konnte nochmals weg fliegen. Schön wäre gewesen, wenn dieses Gefühl länger angehalten hätte. 

    Schade eigentlich.

    04.11.2012, 23:47 von Nackte_Wahrheit
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  • 0

    Ich weiß den letzten Satz noch, fand ihn aber gar nicht so störend, er passte zum Titel und machte es für mich daher rund. Nun solltest Du aber vielleicht die Anmerkung entfernen ohne Anmerkung, dass die Anmerkung zum ehemals letzten Satz entfernt wurde :)

    04.11.2012, 17:05 von Mrs.McH
    • 1

      wird erledigt. ;)

      04.11.2012, 18:09 von berlin_bombay
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      So bringe man mir "glas am poole"!  Haha...

      04.11.2012, 18:13 von berlin_bombay
  • 0

    Und auch ich hätte äußerst gerne gewusst, wie dieser eine, letzte, spannende, leider der Rücktaste zum Opfer gefallene Satz denn gelautet hätte. Ich bin nicht neugierig, ich will es nur wissen ;)

    lg!

    04.11.2012, 14:56 von Du_July
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Seltsam gefangen in diesem Text - einerseits mit einem Fragezeichen - und andererseits mit einem verstehenden Wissen zurückbleibend. Verwirrend ist es allemal - und sehr gut. ^^

    03.11.2012, 16:45 von derHalbstarke
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  • 1

    niemand sollte vergessen, dass solche oder jede anderen Vorstellungen von Harmonie, Erlösung, Erfüllung und dergleichen von Präparaten und Substanzen bestenfalls nur angeregt werden. Angelegt sind sie im Wesentlichen in jedem, schon bevor eine Sprache sie kommunizierbar oder eine Droge sie zu einem wenig fairen Tauschkurs   (rück)zugänglich macht.

    03.11.2012, 01:54 von schauby
    • 0

      ein sehr interessanter gesichtspunkt! fragt sich nur, wann und wie diese anlage stattfindet oder von wem bzw. wer gibt sie mit?

      03.11.2012, 17:12 von H-C
    • 0

      Das lässt sich wieder mit diesem: "Wir mögen die Welt durchreisen, um das Schöne zu finden, aber wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nicht." vergleichen. Alles kann nur Reiz sein, um etwas in uns zu aktivieren, dessen Möglichkeit es schon gibt. Aber solche wunderbaren Anregungen sin, das sollte man auch nicht vergessen, rar gesät.

      07.11.2012, 14:20 von A2N2
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  • 0

    Wie war der letzte Satz denn?

    02.11.2012, 01:46 von anton.ia
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  • Haben wir sie noch alle?

    Burn-Out, Internetsucht, Depression - immer mehr Deutsche lassen sich therapieren. Braucht es all diese Therapien wirklich?

  • Apokalypse Wow!

    Die Mode ist die Message: Die pro-russischen Kämpfer in der Ukraine sehen mit Macheten, Masken usw. aus wie Figuren aus den »Mad Max«-Filmen.

  • Der Witz geht nicht mehr weg!

    Jeder kennt den Moment, in dem der Send-Balken hochgeht und man noch denkt: Stop! Was würdet Ihr gern aus dem Netz löschen?

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