Fingerfarbe 02.06.2012, 12:16 Uhr 1 0

Parfüm.

Über das Aufpimpen des Eigengeruchs und olfaktorische Lassos im Rudel. Warum und wozu und die Nacktheit die darunter liegt.

Die Meinungen gehen ja weit auseinander, fragt man die Leute, ob sie Parfüm wichtig finden. Eine kleine untergründige Umfrage in meinem Freundeskreis konnte keine klare Antwort liefern. Von „ja, oberwichtig, Männer werden durch ein Parfüm manchmal erst interessant“ über „ne, das ist oft viel zu penetrant“ und „ich mags an mir selbst nicht, weil ich das dann immer riechen muss“ bis hin zu „es ist doch viel schöner und wichtiger, wenn man den Schweißgeruch des andren mag“ habe ich alle Antworten bekommen.

Es drängt sich nun die Frage auf, was das eigentlich soll? Für teuer Geld werden Fläschen (deren Form und Farbe für mich mit das Hauptkaufargument darstellen) mit duftendem Wasser gekauft. Vor Partys, Geburtstagen oder anderweitig für schön erachtete Abendveranstaltungen werden oft ein paar Spritzer bemüht. Als gesichert dürfte auch gelten, dass der Griff zum Flakon vor allem dann ein Muss ist, wenn Personen des anderen Geschlechts beeindruckt werden sollen. Es wird also ein Duft aufgelegt, man könnte meinen wie ein Accessoire, um nicht nur hübsch auszusehen sondern auch so zu riechen. Der moderne Cowboy von heute (ja, ich bin der Meinung, dass Männer dies nicht weniger tun als Frauen), wirft also neben seinen anderen Aufrissmethoden auch olfaktorische Lassos ins Rudel. Das ist sehr geschickt, zumal sich die Frau ja nun gar nicht wehren kann. Sie wird einfach, immer vorausgesetzt sie mag den Duft, von ihrer Nase geleitet und die Grundsympathie ist schon mal hergestellt. Quasi wie in der Axe-Werbung. Jede noch so blöde folgende Anmache wird dadurch zumindest ein wenig aufgewertet. Parfüm als Korb-Airbag für minderwertige Originalität in der Konversation, auch nicht schlecht.

Aber ist dieser Duft, der den Typen scheinbar so einzigartig macht, nicht eigentlich wie Geschenkpapier? Es glitzert so schön und wenn man es auspackt, respektive abwäscht, kommt darunter ja nun ehrlicherweise oft etwas zum Vorschein, was man sich nicht wirklich gewünscht hat. Wollen Menschen, es wäre wohl unfair Frauen dabei auszuklammern, also nur ihren eigentlichen Geruch überdecken, aufpimpen, erotisieren und sich so attraktiv und einzigartig machen? Wobei Letzteres auch sehr tückisch sein kann: Vor einiger Zeit fand ich einen Typen nicht zuletzt wegen seines Parfüms sehr anziehend, da dieses aber offensichtlich recht beliebt war, musste ich jedes Mal kurz zucken, wenn in der Bahn einer an mir vorbei lief, der das gleiche Parfüm trug. So ich wurde sofort wieder an den tollen Hecht erinnert.

Düfte sind sehr stark mit Erinnerungen verknüpft. An Menschen, an Orte, an Jahreszeiten und Situationen. Zum Beispiel riecht die Stadt in der ich wohne an einem warmen Sommerabend irgendwie elektrisierend und ich fühle mich jung und frei und denke an die wilden Studentenzeiten. Und das Haus meiner Großeltern riecht nach altem Holz und Kartoffeln, und so für mich nach Kindheit.

Ist das Parfüm für uns also so etwas wie ein Zaubertrank, der im Prinzip als Katalysator, Emotionen hervorruft, Verbindungen und Erinnerungen schaffen soll? Und weil wir zwischen so vielen Menschen nicht mehr darauf vertrauen können und nicht so lange warten wollen, bis jemand unseren eigenen Körpergeruch wahrnimmt, den wir wohl auch teilweise für nicht ausreichend halten in mitten eines unerschöpflichen Angebots an (Körper-)Gerüchen, tragen wir „Beschleuniger“ auf.

Blöd nur, wenn das Geschenkpapier einmal weggerissen wurde, dass so vielversprechend schien und die Erwartungen so hoch gesteckt hatte, und was dahinter lag dann plötzlich so unspektakulär, nicht mehr wirkt und für langweilig befunden wird.

1 Antworten

Kommentare

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    Ich hasse parfümierte Leute. Wer zu penetrant riecht, ist für mich ziemlich unattraktiv bzw. unsympathisch. Der Subjekt bei übertrieben Parfümierten ist, wie bei den Franzosen, "Keine Zeit zum Waschen".

    Wenn ich auf eine Party gehe, laufe ich gerne einmal mit einer offenen Flamme durch den Raum, um zu sehen, wer sich über seine Gaswolke entzünden lässt.

    Außerdem (Welt der Wunder-Funfact): Der natürliche Körpergeruch enthält verschlüsselte Informationen über das menschliche Immunsystem. Ein Mensch, der für dich gut riecht, würde bei einer Paarung dein Immunsystem ergänzen und den Nachkommen ein besseres Immunsystem verpassen.

    Knowing is half the battle.

    02.06.2012, 17:57 von wordmage
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