Ob ich es noch weiß?
Du fragtest mich vor kurzem ob ich mich noch an den Tag erinnern kann. Meinst du den Tag, an dem ich mein Leben zum ersten Mal verloren habe?
Als ich am morgen erwachte hatte ich 3 Anrufe in Abwesenheit. Ich kannte die Nummer nicht.
Es war halb 10. Um dreiviertel 10 rief ich zurück, es war seine Freundin, ob ich etwas von ihm gehört habe, ob ich weiß wo er ist, er ist nicht nach Hause gekommen zu seiner Mutter und sie selbst war in Wien.
Nein, ich weiß nicht wo er ist. Er war gestern mit ein paar Freunden in einer Disco, ich hätte eigentlich auch kommen sollen, aber ich war zu müde, obwohl ich es ihm versprochen hatte. Das letzte was ich von ihm gehört hatte, waren die 3 SMS in der Nacht, die letzte um 00:07 Uhr. "komm her, es ist so lustig hier."
Ich meld mich, wenn ich was weiß.
Mir wurde schlecht, ich hätte mich am liebsten übergeben. Ich rief alle seine Freunde an, keiner wusste etwas. Jeder wollte mich beruhigen "Du kennst ihn ja, vermutlich schläft er nur irgendwo und sein Akku ist leer." Ja, vermutlich. Es war Herbst und es war kalt, sehr kalt für diese Jahreszeit.
Vermutlich schläft er nur irgendwo. Ja.
Um 11 Uhr Vormittag wurde die Polizei von seiner Mutter alamiert, er war doch erst 17 und eigentlich nicht unzuverlässig. Sein Handy war aus.
Ich saß in meinem Zimmer und war wie versteinert, ich wusste nie was das bedeuten sollte, wenn jemand sagte "Ich war wie versteinert". Jetzt wusste ich es.
Ich telefonierte mit einer Freundin, und hatte 7 Anrufe in Abwesenheit von anderen Freunden, die alle wissen wollten ob es was Neues gibt. Gab es nicht.
Ich wurde langsam panisch und versuchte mich mit Musik und Essen abzulenken, aber warum hätte das funktionieren sollen? Hat schon jemals etwas in so einer Situation funktioniert?
Um 12:23 läutete wieder mein Handy, es war seine Freundin. Sie war hysterisch, ich verstand sie kaum. "Sie haben ihn gefunden, im Wald, in einem kleinen Bach. Sie wissen nicht ob er es schafft. Es sieht schlecht aus."
Mein Gehirn setzte aus. Ich konnte nicht denken, sprechen, atmen. Nur beten, obwohl ich noch nie an so etwas wie Gott geglaubt hatte. Ich betete zur Rettung, zu seinem Herzen, das verdammt noch mal weiterschlagen sollte, zum Schicksal, das immer unser Verbündeter gewesen war.
Um 12:30 läutete wieder mein Handy, es war wieder seine Freundin. Die 3 Wörter, die sie ins Handy schrie verstand ich, obwohl ich sie nicht verstehen wollte. "Er ist tot!" Klick.
Und nun wurde alles schwarz. Ich sah meinen Zimmerboden immer näher kommen bis ich darauf aufschlug. Ich wollte sterben. Ich hatte kein Gefühl mehr in meinen Armen, Beinen. Ich konnte mich nicht bewegen.
Ich konnte nicht atmen, ich kann nicht atmen.
Ich weiß nicht wie lang ich dort gelegen bin, vermutlich bis mich meine Eltern ins Bett gehievt hatten. Ich spürte nicht's mehr, nur das Pochen meines verräterischen Herzes. Es war, als ob es zerspringen, zerbersten, in zehntausend kleine Teilchen explodieren würde.
Ich dachte nicht, dass einem selbst soetwas passieren konnte. Mit Leuten, die man kennt, mit dem besten Freund, den man liebt. Nun wurde ich eines besseren belehrt.
Wie du siehst, ja, ich kann mich an diesen Tag noch erinnern. Atmen fällt mir noch immer schwer.




Kommentare
schockierend, ergreifend, hautnah.. und so vieles mehr..
03.04.2010, 22:56 von keep.goingWahnsinnig gut.
15.02.2010, 19:11 von Super-JuCaErgreifend.
Unglaublich.
Und Echt.
ich hab tränen in den augen. j.
11.02.2010, 17:07 von trostpreisUnglaublich traurig und ergreifend. Habe Gänsehaut.
11.02.2010, 15:44 von Blutsfraeulein12