tiefversteckt 25.05.2013, 01:15 Uhr 3 1

Nie

wirklich?

Liebe ist das, was sich solange in dein Herz frisst, bis es sich wie Gift anfühlt und du es auskotzen, ausspucken willst. Um deinen Körper und dein Herz zu schützen, um dich am Leben zu halten. Lebensrettende Maßnahmen, die deine Instinkte ergreifen, damit du weiter bestehen kannst.
Aber das Gift war solange in deinem Körper, dass es sich an deine Herzvenen gebunden hat und du dir hilflos beim eigenen Zerfall zusehen musst.
Verzweifelt kratzt du an den Gitterstäben deines selbstgeschaffenen Gefängnisses, kratzt sie dir blutig, damit du nichts mehr in den Fingern spürst und vielleicht auch dein Herz betäubst und dein Gehirn, sodass die Schmerzsignale nicht in die Reizweiterleitung geschickt werden können.
Der gewünschte Effekt bleibt aus. Du fängst an zu weinen.
Das macht dich rasend, hilfloser als sowieso schon, färbt auch die letzte Ader schwarz. Schwarz wie dein Blick in die einsame Nacht ohne Gefährten.
Du röchelst, weil du im Sterben liegst und doch auch nicht. Du weißt, der Tod kommt nicht so schnell wie erwartet. Du weißt, der Tod verspätet sich dennoch nie. Wenn man bloß noch wüsste, zu welchem Zeitpunkt er sich angekündigt hatte...
"Wie lange noch?", fragst du dich selbst und merkst, dass du hoffst, dass nicht du stirbst - sondern die Liebe in dir. Das Gift, das dich langsam zersetzt, bis du nur noch ein Gerippe bist, das entfernt an dich erinnert, aber sein sehnsüchtiges Scheinen im Mondlicht, die fragenden leeren Augenhöhlen sind dir völlig fremd, können nicht deine sein, sollen nicht deine sein.

"Ich will nicht", flüsterst du leise in Richtung des Todes, der dir sanft über die Wange streicht. Selbst durch geschlossene Augenlider siehst du sein Lächeln, sein weicher Atem wallt über deine Brust.
"Ich weiß", haucht er unhörbar. Du fühlst seine Worte tief in deinem Herzen.
Dann entschwebt er lautlos.

Du öffnest die Augen und öffnest den Mund, um etwas zu sagen, aber dir fehlen die Worte. Dir fehlen die Worte, um deine Gedanken adäquat zu formulieren. Dir fehlen die Worte, weil du nicht weißt, wer in diesem Augenblick gestorben ist: du oder die Liebe in dir.

Du hast dich noch nie so tot, nie so unlebendig gefühlt. Aber hat nicht jemand einmal gesagt, ohne Liebe zu sein, das ist wie der lebendige Tod?

Der lebendige Tod. Du betrachtest dein sehnsüchtiges Scheinen im Mondlicht und als du am nächsten Morgen aufwachst, ist der ganze wirre Traum vergessen, Schnee von vorgestern.

"Träume sind Schäume", denkst du beim Zähneputzen lächelnd
und spuckst aus.

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    "Liebe ist das, was sich solange in dein Herz frisst, bis es sich wie Gift anfühlt und du es auskotzen, ausspucken willst."

    Auf keinen Fall. Es ist der Hunger nach Liebe.

    !Du röchelst, weil du im Sterben liegst und doch auch nicht. Du weißt, der Tod kommt nicht so schnell wie erwartet."

    Ja. Liebe verweigert zu bekommen oder sie nicht anzunehmen ist ein u.U.  jahrelanges Sterben bzw. Verhungern, ein Selbstmord auf Raten.

    "Du hast dich noch nie so tot, nie so unlebendig gefühlt. Aber hat nicht jemand einmal gesagt, ohne Liebe zu sein, das ist wie der lebendige Tod?"

    Mhm.

    Übrigens ... passend zum Thema Liebe heute gelesen
    Bild einer Hungrigen
    und gehört
    Ohne Liebe

    09.12.2013, 16:23 von Cyro
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Geiler Text!


    09.12.2013, 14:36 von sunnyrain
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