Nachtschattengesetz
Und während der Himmel wieder schweigt, hört sie ihr Herz sterbend flüstern: „Erkenntnis ist die letzte Instanz.“
Nasse Steinquader ebnen den Weg durch die mitternächtliche Stadt. Das Mädchen mit der Laterne riecht den Boden unter ihren Füßen. Blei und Moder kriechen in ihre Glieder. Sie lässt die graue Schwere durch ihre Adern fließen. Herzstarre schlägt Vernunft. Sie sollte nicht mehr hier sein.
Seit Monaten schon hatten sich die
Bewohner über den Gestank beschwert. Friedhofduft, Verwesung, Tod. Angst hatte
den fetten, schweinsköpfigen Bürgermeister ersetzt. Ehrfürchtig befolgten die
letzten Städter ihre Befehle. Flucht war noch der harmloseste. Über die Opfergaben sprach niemand. Zumindest
nicht bei Tageslicht.
Hatten sie anfangs noch versucht den Geruch mit Duftwässerchen zu übertünchen, verzweifelten die letzten Standhaften sogar mit Pesttüchern an seiner Kraft. Und während sich dieses unsichtbare Monster breit machte, schien die Stadt nach und nach ihre Farbe zu verlieren. Jeder einzelne Stein, jeder Grashalm, jede Mauer hauchte Buntes aus. Zurück blieb ein hageres Skelett, dessen kümmerliche Silhouette sich kaum noch aufzubäumen wagte. Gegenlicht Mond. Das Mädchen wollte die Wahrheit sehen. Sie war geblieben und wartete auf ihren Moment.
Es geschah nachts. Die Geräusche und Stimmen hatten sich in Ihr Bewusstsein gebrannt. Würgen und Schluchzen. Gnade? Gnade... Sie hatte auch noch gut in Erinnerung, wie sie lächeln musste, als es ihre Stiefmutter erwischte und schmeckte die Scham, die sie gleich danach befiel. Kaum einer hatte seit Beginn der nächtlich wiederkehrenden Prozession überlebt. Ihr Habitat war zu einem Leichenschauhaus verkommen, mit gleichgültigen Hinterbliebenen oder verängstigten Flüchtlingen. Ihre Augen wollten endlich sehen. Also war sie geblieben.
Heute ist es soweit. Ihre roten Lackschühchen klackern im Flüsterton über die breiten Kopfsteinpflaster. Der leise Hall echot fein über die Straße und durchfährt ihren schmalen Körper, lässt ihre kleinen Nackenhärchen vibrieren. Der schwere Rocksaum streift ihre nackten Beine, der linke Kniestrumpf rutscht leicht zur Erde. Ihren kurzen Mantel hat sie sich eng um ihren Körper gewickelt. Der Pagenschnitt wippt mit jedem ihrer winzigen, festen Schritte.
Innehalten mit flackernden Zornestränen. Das große Ziffernblatt der Kirchturmuhr zeigt Fütterungsstunde. Steine vibrieren, Erde zittert. Schwarzwolken überschatten den sanften Mondschein. Die leeren Häuserzeilen starren verächtlich auf die Kleinmädchengestalt. Ihre Lippen zurren und ziehen tief im Mundraum alles zusammen, was sie an Rotz und Speichel bekommen können und spucken der Fotzenstadt vor die Füße. Gift und Galle. Ihre Hand legt sich blutend um die lange Klinge, die sie aus ihrem Ärmel fahren lässt.
Erde und Straße werden Grab.
Wurzeln legen sich um ihre Füße. Ein Kreischen fährt durch die Nacht. Die alten
Gemäuer reißen ihre Mäuler auf, während die letzte Krähe ihr Geheul anstimmt,
kurz strauchelt, das Mädchengesicht mit ihrem Flügel schlägt und schließlich
die Stadt verlässt. Die zierliche Laterne zerläuft splitternd über die Straße.
Dunkel und süß wird die Nacht. Der Himmel bricht, Eiskristalle benetzen geschundene Haut.
Tausend Pfeile fallen weise
-leise-
Wie es mir gefällt.
Ihre Ziele perfekt gestellt,
schützen die vertrauten Kreise.
Von Liebe ganz und gar beseelt,
habe ich dies Wort genommen
die tote Spitze fest gebogen,
und dich, das neue Ziel gewählt.
Mit goldenen Augen erfasse ich,
die Verirrung deines Tages,
ich begleite deinen Glauben,
in die Nächte meines Schlages.
Und wie im Tode stehe ich,
erwache ich, erhebe Klage,
der Nacht entlebt, in die Nacht gegangen,
erwache dort am alten Tage.
Und während der Himmel wieder schweigt, hört sie ihr Herz sterbend flüstern: „Erkenntnis ist die letzte Instanz.“
Friss mich
Tags: Fütterungsstunde





Kommentare
Wow. Seit langem Stöbern endlich mal wieder ein Text, an den ich mich auch morgen noch erinnern kann.
23.01.2013, 01:50 von Probably.Or.SomethingEin Schreibstil, der Lust auf mehr macht!
Das ist aber süß von Dir.
23.01.2013, 01:51 von Jimmy_D.Fraglos ist das Literatur - nahe schon an hoher Literatur - - -
07.12.2012, 19:27 von TilmannKleyeUnter anderem Weil: Angenehm kryptisch, Stil stimmig und kunstvoll, Gattung in der Nähe des Experiments - hier abonniere ich sogar!
Wohoo!
07.12.2012, 23:33 von Jimmy_D.Bin wirklich gespannt aus Kommendes. Ohne jedes Gewäsch.
08.12.2012, 20:06 von TilmannKleyeIrgendwie gay, ich mein, ich mag es, aber manchmal ist es mir zu plüschig, das ist so eine Disney-Version von Mo oder so Gothic Lolita. Der Stil dominiert den Inhalt so weitgehend, dass ich nach dem Lesen nicht mehr weiß, worum es geht.
07.12.2012, 17:38 von EliasRafaelGay?
07.12.2012, 23:31 von Jimmy_D.Da steckste nicht drin
07.12.2012, 23:35 von EliasRafaelMuss wohl am langen Arbeitstag liegen, aber ich check nicht was du mir damit sagen willst.
07.12.2012, 23:37 von Jimmy_D.Das ist nur werkimmanent. Also aus dem Text heraus, du hast ihn ja selbst geschrieben, daher kannst du das wahrscheinlich nicht nachvollziehen, weildir die Distanz fehlt.
07.12.2012, 23:41 von EliasRafaelAch, schön, dass du ihn gelesen hast. Was dieser Text fuer jemanden ist, entscheidet jeder Rezipient selbst. Richtig.
07.12.2012, 23:45 von Jimmy_D.Ich dachte du zielst auf meine sexuelle Orientierung,
07.12.2012, 23:46 von Jimmy_D.jyao. Hab ihn außerdem direkt nach einem von Mo gelesen, daher der Vergleich.
07.12.2012, 23:46 von EliasRafaelDas haste mal gut ausgedrückt, ER! So geht es mir oft bei Texten von Sasali, aber ich konnte es nie so ausdrücken.
08.12.2012, 03:46 von Mrs.McH
Gleich im ersten Absatz gibt's ein schiefes Bild, das mich ein wenig durch den ganzen Text verfolgt hat. Aber auch mich hat der Text ein wenig gegriffen, ohne jetzt wirklich fad daher zu kommen oder zu wirken.
07.12.2012, 17:10 von marco_frohbergerJa, bravo sag ich mal! Absolut mein Ding, dein Schreibstil ist fantastisch! Die Story? Keine Ahnung, kaum was verstanden, nur ein gefühl trug mich durch den Text und ließ mich ahnen. Und das reichte mir. Erkenntnis war bei mir hier nicht angezeig, oder Moment mal: Vielleicht war sie ja doch kurz vorbeigehuscht ;-) Ich dank dir, großartig!
06.12.2012, 23:28 von SultanineAch ich sag noch was, weils so toll ist: ich bin ganz bewegt von deinen Worten, ich finde es unheimlich unfassbar, aber das ist es, was mir am Text gefällt. Ein Phänomen .. phänomenal eben
06.12.2012, 23:30 von SultanineWow, Sultanine. Das ist sehr süß von Dir. Ich danke Dir.
07.12.2012, 08:23 von Jimmy_D.Ich hoffe sehr, es bleibt von den kleinen Fantasien verschont, die gerne die Zahnrädchen rausnehmen und eine Bedeutung suchen, die über den Ausdruck hinausgeht. Dabei übersehen, dass der Ausdruck die eigentliche Bedeutung ist. Immer ist. Und nur über ihn das Bild im Rahmen hält.
Schier wunderbar.
05.12.2012, 09:35 von KokomikoIch fragte mich schon beim hineinstellen, wann das (wieder) passiert. Auch hier ist Ausdruck die Bedeutung. Dem einen schmeckt's, dem anderen nicht. Ich freue mich über jeden Leser und jeden Kommentar - über dich und deinen aber ganz besonders. Danke.
05.12.2012, 09:50 von Jimmy_D.Was findet ihr SO schlimm daran, wenn jemand im Text - also generell, nicht nur speziell hier - nach Bedeutung sucht? ist man als Autor nicht gewillt, dass sich der Leser mit dem Text zu identifizieren vermag und dies über viele Ebenen zu versuchen tut? Der Ausdruck hier ist toll, das in der Tat! Auch, und gerade besonders, in Verbindung mit dem Gedicht, das ist das i-Tüpfelchen. ich finde sogar, dass es eigentlich ehrt, wenn man sich nicht nur mit einzelnen Facetten wie 'nur' dem Ausdruck, sondern auch mit dem ganzen Drumrum beschäftigt.
05.12.2012, 10:12 von topfbluemchenSO schlimm ist es nicht. Aber eigentlich ergibt sich die Bedeutung von selbst, wenn der Autor das möchte. Dann muss man sie auch nicht suchen.
05.12.2012, 10:33 von FieseiseGut, ich persönlich finde, dass der Ausdruck zwar einen sehr sehr großen Part einnimmt, und schon viel über den Text aussagt, aber dass auch die anderen Teile mir die Bedeutung erst in voller Größe geben.
05.12.2012, 10:34 von topfbluemchenNein, Blümchen, du verstehst das falsch, bzw. nimmst es dramatischer auf, als es gemeint war. Es ist nicht schlimm. Es geht nur um den Fall, wenn ausschließlich nach der Bedeutung gesucht wird. Also, nur für den Fall.
05.12.2012, 10:40 von Jimmy_D.Dass sich ein Text über mehrere Ebenen erschließen soll und könnte ist schön.
Achso. Ich las nämlich schon ähnliche Kommentare, daher kam es bei mir so an.
05.12.2012, 10:48 von topfbluemchenAusschließlich nach dem einen oder anderen zu suchen, ist wie nach der berühmtberüchtigten nadel im Heuhaufen zu suchen. Das Gesamtbild macht's.
Hier hat das Gedicht viel zur Bedeutung beigetragen.
Und ich habe einen fiesen Kommafehler in meinem Kommentar. ^^
05.12.2012, 11:15 von Jimmy_D.@fieseise: Danke.
Ich suche immer nach einem Sinn oder einer Bedeutung, ich wills einfach
06.12.2012, 00:49 von Mrs.McHverstehen und generell kann ich mich nicht gut abfinden, etwas nicht zu
verstehen, wenn ich doch gleichzeitig Gefallen daran finde. Ist also
eher so ein Ding zwischen mir und... mir ;-)
Ich könnte und wollte jetzt kein ganzes Buch in der Art lesen, aber hier
in dieser Form ist für mich wie ein kleiner Schatz. Es spricht mich
zwar weniger an als es würde, wenn ich nicht selbst gerade in eher dunkler
Stimmung wäre, aber dafür kann der Text ja nix ;-) Lesens- und empfehlenswert.
Topfblümchen, Du bist ja immer moderat. Aber manchmal sind die Kommentare zu den liebenswerten Einzelstücken, wie dieses hier eines ist, derart tumb und stumpf, dass es mir wehtut. Ich bin da Einzelschicksal, schon klar, aber hin und wieder stört mich eine ersichtliche Bedeutung oder ein Sinn richtiggehend. Da mag ich es einfach so, wie es ist.
06.12.2012, 12:09 von KokomikoOkay, ich denke auch, dass man das als Autor nochmal anders sieht, als als freudiger Leser oder Kommentierer; daher kann ich das auch irgendwie verstehen, dass man dann für den Autor tumbe Kommentare als extrem blöd empfindet.
06.12.2012, 12:13 von topfbluemchenGrad als Schreiberling des Werkes denkt man ja auch "ist doch logisch, was gemeint ist".
Aber ich finde es schön, wenn man dann auch denjenigen, die noch nicht so ganz hinter dem Geschriebenen hintergekommen sind, auf die Sprünge helfen.
Was mich oft stört - nicht hier, aber schon oft generell hier bei Neon gelesen - sind Kommentare wie "Da kannst du reininterpretieren, wie oder was du willst". Das verstehe ich nicht richtig, weil man hat sich als Schreiber ja was dabei gedacht. Und man will ja auch schon was rüberbringen, oder?
Also jetzt mal generell in den Raum geschmissen, interessiert mich, wie das ein Schreiber sieht.
06.12.2012, 12:13 von topfbluemchenGrammatik gelernt bei Yoda ich hab.
06.12.2012, 12:16 von topfbluemchenIch bestehe meist auf Werkimmamenz - unabhängig davon, ob ich der Autor eines Beitrags bin oder nur der Rezipient.
06.12.2012, 12:23 von Jimmy_D.:-D
Ich kann es natürlich nicht pauschal beurteilen. Jede Äußerung hat einen Sinn. Und schreiben ist ja schon eine sehr intime Angelegenheit. Du machst Dich ja öffentlich nackig. Kopf oder Seele. So geht es mir zumindest. Um das Frontale zu vermeiden, schreibe ich mich ja gern selbst um die Ecke und in die Unkenntlichkeit. Aber auch das ist ja ein mir zu eigener Persönlichkeitszug. Lampenfieber vor jedem Klick aus 'jetzt veröffentlichen' habe ich schon. Aussagen, wie die oben sind daher wahrscheinlich Schutzbehauptung, weil man sich missverstanden im Anliegen fühlt. Oder direkt angegriffen. Und das ohne Wehr. Man muss sich schon einen dicken Pelz hier zulegen. Gerade, wenn die ersten Sachen unter Beschuss genommen werden iund man sich selbst nicht sicher ist. Da haben schon einige mir seinerzeit bekannte gleich wieder von der Lust, oder dem selbsttherapeutischen Druck, sich hier schriftlich zu outen Abstand genommen. Wobei ich eigentlich schlimmer finde, wenn herzblutende Sachen gar keine Resonanz erfahren.
Ein Sinn und eine persönliche Bedeutung ist immer dahinter. Und man kann schon eine ganze Persönlichkeitsstruktur auslesen, wenn man sich dafür interessiert, es verfolgt und sich die Mühe macht. Für die vielen Autoren, die hier einfach nur mehr oder weniger unterhaltsam bloggen, oder Alltag überzeichnen ist es natürlich einfacher. Weil sie dem nicht die übersteigerte persönliche Bedeutung beimessen. Das ist dann ja auch 1:1 real life. Die sind dann auch so 'in echt'. Die, die ich kennengelernt habe zumindest. Da ist nix verschlüsselt und rätselhaft. Geheimnisvoll oder hochspannend interessant. Und die 2 Handvoll 'echte' Autoren hier werden ja ohnehin nur noch für ihr anerkanntes Handwerk beurteilt. Darüber hinaus, also das vorhandene Talent, die Begabung geben sie ja nichts über sich in den Texten preis, denn es ist Ihnen gelungen, durch die Erzählungen sich selbst als Person unnötig bis uninteressant zu machen. Was ja dann für einen Autor auch bequem ist.
06.12.2012, 13:08 von KokomikoWas ist Werkimmamenz?
06.12.2012, 13:11 von topfbluemchenDanke, Koko, für den Einblick. Fand ich sehr hilfreich und ehrlich.
Werkimmanenz bedeutet, mal ganz grob gesagt, den Text als solchen, unabhängig von Zusatzinformationen zu betrachten.
06.12.2012, 13:14 von FieseiseAh, danke Ise!
06.12.2012, 13:17 von topfbluemchenWieder weitergebildet. Also quasi das Handwerk, den Kern, wenn ich das richtig verstehe?
Mal auf die primitive Schiene:
07.12.2012, 19:40 von TilmannKleyeDie einen lesen Krimis, Thriller und Bücher über Werwölfe und Vampire -
andere bekommen ihren Kick über Kafka, Rilkes "Elegien" aus Duino, "Faust II" von Goethe oder für ganz wilde Literaphile: Arno Schmidt und andere schrullige Capacitäten wie George, Trakl, Celan oder Benn, um die Prominenz zu benennen.
Man entscheidet sich als Leser entweder für Kopfurlaub, eine banale Schmökerei, die klar unterfordert -
oder man stellt sich wagemutig Werken, an denen man sich leichterdings überheben könnte, bereits wenn man sie nur aufschlägt.
Also doch lieber Gruselkrimis oder Kinderbücher für Erwachsene und schließlich sexy Vampire, gell?!
Bei Hugendubel und Lehmanns zieht die Nummer seit Jahren. Oder wer hat wirklich für Furore gesorgt, wenn man von kleinen Spotlights auf Christian Kracht und... ja, wen eigentlich, absieht??!!
Ich finde ja Ise, Koko Mrs. und Jimmy haben es sehr schön erklärt, sind vernünftig ins Thema eingestiegen. Tilman, dein Kommentar ist mir zu bockiges-Kind-Style-like. Zudem sehe ich es auch nicht so, dass sich ein Leser generell festlegt, er liest nur Schmonz, oder nur Hochintellektuelles, worunter du Kafka und seine Kumpels zählst. Ich finde das sehr vermessen, so einfach zu kathegorisieren. Und selbst wenn man natürlich nicht umhin kommt, zuzugeben, dass ein Kafka wahrscheinlich mehr Aussage besitzt als so ne einfache Vampirgeschichte, sollte man doch in seinem Urteil weniger hart zu Gericht sitzen.
08.12.2012, 12:08 von topfbluemchenWie sagt man so schön? Jedem das seine. Der eine liest, weil er den heiligen Gral seines geistigen Kosmos' bis ins Unendliche weiterbilden, fordern, fördern will, der andere liest zur Unterhaltung, Ablenkung, was auch immer. Und manchmal liest man sogar mal dies, mal das.
Und ich glaube auch nicht, dass man demjenigen der sich eher seltener oder gar nicht an Kafka und Co. rantraut, gleich seine Fähigkeit, auch höhere Werke beurteilen zu konnen, abspricht.
Was mir auf Neon aber irgendwie auffällt, ist, dass diejenigen User/innen, welche auch 'in echt' Bücher schreiben oder schreiben wollen, oder damit auch in irgendeiner Form beruflich zu tun haben, weitaus verbissener an solche Themen rangehen und strenger in ihrem Urteil sind, als andere.
Zum letzten Teil Deiner Aussage: Ich kann nicht für andere sprechen, deshalb spreche ich hier für mich: Wenn ich schreibe, bin ich mittlerweile höchst verbissen gegen das, was ich selbst veröffentliche. Mein Urteil mir selbst gegenüber im und nach dem Schreibprozess ist gar strenger noch, als Unterhaltungsschmökern gegenüber, in denen es um NICHTS als Vampire, Werwölfe und den x-ten Hannibal Lektor geht. Den Kram würde nicht mal Hanibal Lektor himself lesen, auch wenn ihm sonst nichts zur Selbstqual hinter die Glasscheibe gereicht werden würde.
08.12.2012, 20:28 von TilmannKleyeJetze noch mal noch primitiver:
Die einen hören auf den Kanon der Weltliteratur. Wer zeitgenössisch lesen möchte, hört auf Dennis Scheck, Helmut Karasek, ab und an noch auf den großartigen Marcel Reich-Ranicki, der mit seinem Charisma und seiner selbst-bewussten Schrulligkeit Massen an Lesern auf charmante Art zu Literatur, das heißt zu hoher Belletristik peitschte und überredete. Der Mann weiß aus seiner eigenen Biografie, was passieren kann nach kopflosem, mutlosem Dümpeln im dustern Nicht-Nutzen der eigenen Denkleistung.
Die andere Fraktion glaubt blind und dummspöttisch der gefaketen Spiegel Bestsellerliste, wobei Spiegel genauso zur Bertelsmann AG angehört, die neben dem Stern, Stern NeoNido, auch RTL, RTL Radio, nTV, große europäische Verlagshäuser (die Random-Verlagsgruppe), Gruner und Jahr etc etc in rigider Hand hält. Verschwörungstheoretiker sprechen von groß angelegtem und geplantem Bildungsabbau - klar: Thomas Mann und Bertolt Brecht sind evokativer als verknallte Vampire und Werwölfe. Gebildete Menschen können für die herrschenden Herrschaften ein unbequemes Problem werden.
Für die heißt es dann wieder: "Jedem das Seine", wenn sie in Konzentrationslager gesteckt werden.
Wer denkt, dass das zu weit geht, geht gedanklich nicht weit genug.
Du brauchst nicht immer "jetzt noch primitiver" zu schreiben. ich glaub, auch wenn ich bellestrisch nicht deinen hohen Ansprüchen entspreche, und 'nur', nein auch, gefakte Spiegelbestsellerlistenbücher lese, verstehe ich dich trotzdem.
08.12.2012, 20:34 von topfbluemchenWarum glaubst du, zum Lesen braucht man ein wasweissich-Diplom?
Achnee, liebes Topfblümchen, so garstig ist das alles ja gar nicht gemeint.
09.12.2012, 14:19 von TilmannKleyeVielleicht ist es ein Problem, das eher mit mir zu tun hat: Ich würde verdammt gerne so verdammt viel, am liebsten alles gelesen haben, was literarisch von Rang ist - und obendrein Philosophen und Theologen und Heilige Schriften wie den Koran oder die Kaballa - furchtbar Vieles würde ich gerne "bis zum Ende" gelesen haben - und hier bekommt die bisherige Aussage Sinn: Ich habe nicht die Zeit dafür - eigentlich hat kaum jemand die Zeit, alles zu lesen, was einem Erkenntnis, was einen wirklich weiterbringt.
Und da wiegele ich mich gegen Leser auf, die ihre Zeit an nichtigem Schund verspielen. Vampirschmöker und Thriller machen doch als Spielfilm viel mehr Sinn, weil so ein Film nach 90 Minuten vorbei ist und ebenso wie diese Unterhaltungsschinken beinahe nur eine spannende Handlung inne hat.
Und natürlich soll doch jeder lesen, was er für richtig hält. Nur ich hielte es für mich für fahrlässige Zeitverschwendung.
okay, das liest sich schon anders.
09.12.2012, 15:15 von topfbluemchenmanisch, episch, grandios, prachtvoll in all den dunklen facetten.
05.12.2012, 08:43 von mo_chroiund wer meinte, man dürfe einzelne worte nicht benutzen, um eigens seine freude, seine sehnsucht und seine gier nach einem text auszudrücken: mimimimi.
Ich verwende selbst manchmal einfach nur einzelne Worte. Sie sind sich oft einfach selbst genug.
05.12.2012, 08:54 von Jimmy_D.eben.
05.12.2012, 08:59 von mo_chroi@mo_chroi: wow wie du das ausdrückst, hut ab. aber du sprichst mir da voll aus dem Herzen.
07.12.2012, 00:04 von Sultanine