RosalindeRnzlt 30.11.-0001, 00:00 Uhr 14 36

Nach außen das Gesicht sparen

Von Masken und Gesichtern

Manchmal frage ich mich, ob ich diesen Welthass in meinem Inneren brauche, so wie ich Tageslicht brauche und Luft zum Atmen. Und ob das Hässliche was ab und zu in meinem Kopf passiert, da sein muss, damit ich auch in diese hässliche Welt passe.
Und wenn ich das Haus verlasse, setze ich die Maske auf, so wie das jeder tut. Die, die immer lächelt, auch wenn der Lärm in einem drin viel lauter als der Äußere ist. Eine, die in den Momenten stumm bleibt, in denen man am liebsten losbrüllen würde. Eine die nie weint, obwohl in einem der Sturm tobt, weil man das außerhalb seiner vier Wände nicht tut, das Weinen. Denn dann starren alle und zersetzen dich mit ihren penetranten Blicken. Und dann fühlt man sich wie eine Brausetablette im Wasserglas, nur das der Körper standhaft bleibt und nicht verschwindet.
Maske auf, Identität an. Irgendwas darstellen, was die anderen gut finden. Ein Gesicht haben, was freundlich nickt, lächelt und alten Menschen in der Bahn einen Platz anbietet. Ein Gesicht haben, das man bei sozialen Netzwerken veröffentlichen und mit einem frisch ergoogelten Zitat als Unterschrift versehen kann, welches erahnen lässt, was in einem vorgeht, aber nicht offenbart, was da wirklich in einem passiert. Und dann drücken irgendwelche Leute Knöpfe, die dir mitteilen dass ihnen deine Maske gefällt und dann freut man sich kurz und denkt sich, dass die gut passt und das alles in Ordnung ist. Doch wenn die oberflächlichen Beziehungen leise werden und man nackt in den Spiegel schaut, ist da diese Stimme im Kopf die mit dem Vorschlaghammer gegen die Schläfen schlägt und schlechtes Grafitti an die Schädelinnendecke sprüht auf der “das bist doch nicht du” zu lesen ist. Und da hilft die schönste Maske nichts, wenn einen Emotion überrollt. Irgendwann bricht alles durch. Denn wie alles in und um uns, hat auch die Maske ein Mindesthaltbarkeitsdatum, bei dessen Überschreitung sie an Stabilität verliert. Und irgendwann hat die dann die Beständigkeit eines Streichholzes, wenn das Innere auf Krücken läuft. Dann fließt alles aus einem heraus und die Umwelt wundert sich, wo auf einmal dieser Mensch herkommt, der da steht. Aber der war schon immer da, nur eben eingepackt in Glitzerpapier.


Der Grund wieso wir ständig nach dem passenden Gesicht suchen, sind die anderen Gesichtslosen. Denn das wahre, freie Wesen gefällt nicht jedem und zu groß ist die eigene Angst, gegen Vorstellungen zu verstoßen, die sich so in die Gesellschaft festgebrannt haben, das selbst Einweichen nichts bringt. Und der individuelle Mensch wird angegafft wie ein noch nie da gewesenes Tier, weil alle nach Katalogstandart angekleidet durch die Peripherie irren, das Arbeitsgesicht aufgesetzt, mit immer den gleichen Wünschen im Kopf und der Zeitung in der Tasche liegend, wo man sich bei Zeit und Lust dem Weltgeschehen, dem Sport oder dem Horoskop widmen kann. Und das ist Erfüllung für viele und sie tragen ihr Gesicht mit Stolz, das, was aussieht wie jedes zweite Gesicht. Teil der homogenen Masse sein.
Und man wünscht sich von dem Menschenklumpen Akzeptanz dafür, dass man die Maske mal zu Hause lässt, denn man hofft, das in jedem das gleiche Chaos herrscht wie in einem selbst und er Verständnis dafür hat, das man ist, wie man ist. Doch Verständnis ist rar in der heutigen Zeit, das sparen sich viele auf oder sie haben es einfach im Trott des Lebens verloren. Alle abgestumpft hinter Plastikgesichtern.

Aber manchmal trägt man seine Fassade auch einfach aus Schutz, baut sich eine Mauer um sich rum. Möchte das weiche Innere beschützen.
Wenn wir Glück haben, läuft uns einer über den Weg, der den Schlüssel hat, bei dem wir die Mauern ganz automatisch niederreißen ohne schlechtes Gewissen oder der Furcht im Nacken, dass er das was er zu sehen bekommt, wie eine aufgerauchte Kippe zertritt. Wenn man sein kann wie man ist, wie man wirklich aus tiefstem Inneren ist, ist man zu Hause. Und man sieht sich selbst durch andere Augen, fühlt sich neu, spürt sich anders. Es fühlt sich wie eine außerkörperliche Erfahrung an, bei der man den Restkörper von außen betrachtet, den Bewegungsapparat der menschlichen Seele. Man erkennt, wie viel Raum in einem ist, als würde man das Universum von außen betrachten. Und das fühlt sich verdammt gut an.

Unter meinem äußeren Gesicht ist eines, was keiner sehen kann. Ein bisschen weniger glücklich, ein bisschen weniger fröhlich, weniger lächelnd, weniger sicher, aber viel mehr wie ich.

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14 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Dein Text hat mich gepackt! Rasant geschrieben, echt gut!

    29.10.2015, 20:30 von LizFrai
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    Wow!

    12.10.2015, 23:21 von Goldstueck_
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    Kenne ich nicht in dieser Form. Klar hat man im Job oft ne Maske auf, weil es unsinnig ist, den Leuten mit denen man Geschäfte macht immer krass direkt die Meinung in die Fresse zu hauen - Aber sonst, in der Freizeit? Nee? Meide diese Leute wie die Pest, Leute die einem einen etwas vorspinnen, nicht authentisch sind...

    16.09.2015, 15:34 von chiral
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    könnte es es nicht auch sein, das man zuhause eine maske aufsetzt, damit man sein wahres ich da draußen ertragen kann? egopolitur?

    dein artikel erinnert mich ein bisschen an dieses in amerikanischen filmen gern bemühte bild des weinenden zusammengekauerten häufchen elends in der dusche.

    ich empfinde deine sogenannten masken eher als eine art soziales exoskelett, das vielen individuellen elenden das wachsen innerhalb relativ festgesteckter grenzen erst einmal erlaubt. wird der panzer zu eng, steht eine kognitive häutung an,die sehr oft mit schmerzen verbunden ist.

    ohne diese "masken" wären viele menschen nicht mehr als quallen, das gefasel vom selbstbestimmten individuum ist eine mär, die nur zu gerne zu marketingzwecken ausgenutzt wird.

    15.09.2015, 11:10 von libido
    • 1

      "wird der panzer zu eng, steht eine kognitive häutung an,die sehr oft mit schmerzen verbunden ist."

      oder mit komischen auswüchsen, wenn die masken dorthin wachsen, wo kein widerstand ist.

      15.09.2015, 11:13 von libido
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  • 0

    Nice!

    14.09.2015, 22:51 von AlYoung
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  • 2

    Die Kunsr ist, zu lernen, wann die Maske als Schutz aufsetzen sollte, und wann es besser wäre, sie fallen zu lassen und sich autentisch und damit auch verletzbar zu zeigen.
    Selbst zu regulieren, wem man sich wann, in welchem Umfang zeigen mag.

    14.09.2015, 20:46 von yuhi
    • 0

      authentisch natürlich und
      die Kunst

      14.09.2015, 20:47 von yuhi
    • 0

      Wer authentisch ist, ist verletzbar? Das eine hat mit dem anderen recht wenig zu tun, oder?


      Selbst zu regulieren, wem man sich wann, in welchem Umfang zeigen mag.
      Das finde ich schon zutreffender, wobei man hier differenzieren sollte. Nur weil jemand nicht alles von sich preis gibt, heißt das nicht, dass er eine Maske trägt.

      15.09.2015, 12:06 von Sir_Tobi
    • 0

      Zumindest für den anderen sichtbarer. Vielleicht geht es auch mehr um Scham.

      So ist es.

      15.09.2015, 14:52 von yuhi
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