0816 30.11.-0001, 00:00 Uhr 7 5

Mia, meine Mia.

Ein Abschied.

Liebste Mia,

ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

Vielleicht mit: Du kannst mich mal, am besten kreuzweise. Und dich aus meinem Leben verziehen. Hoffentlich für immer. Ich wünsche Dir alles Schlechte dieser Welt und hoffe, dass Du verreckst, Du an Deinen eigenen Worten erstickst, so wie ich manchmal fast an Dir erstickt bin.

Wahrscheinlich hast Du in letzter Zeit gemerkt, dass ich immer weniger Lust auf Dich hatte und versucht habe Dich zu meiden. Wenn ich Dich dann doch vom Weiten kommen sah, habe ich sofort einen Kloß in meinem Hals gespürt.

Ich weiß, dass Du auf Deine Art etwas Besonderes bist und mich ärgert es, dass Du es auch weißt und Dir darauf etwas einbildest.

Bereits als wir uns das erste Mal begegnet sind, hast Du Dich unglaublich verständnisvoll gezeigt und mich sofort um deine zarten Finger gewickelt.

Es war damals tiefster Winter, kalt und schneenass, ich fühlte mich müde und überfordert mit meinem Alltag, mit meinem Leben. Wichtigste Menschen aus meinem Leben waren plötzlich verstorben und ich stand auf einmal ganz alleine da.

Wir beide hatten uns schon öfter gesehen und uns im Vorbeigehen auch zugelächelt. Als Du mich dann in der Cafeteria gefragt hast, ob Du Dich dazusetzen kannst, habe ich mich gefreut, dass Du mir Gesellschaft leisten wolltest. Und über die Schokolade, die Du mir angeboten hast, habe ich mich fast noch mehr gefreut. Wir sind schnell ins Gespräch gekommen, da Du mir mit Deiner leicht verrückten Art sofort sympathisch warst.

Nachdem wir uns ein paar Mal in verschiedenen Cafés getroffen hatten, habe ich Dich dann auch zu mir nach Hause eingeladen. Ab da kamst du öfter spontan vorbei und gerade immer dann, wenn ich mich einsam fühlte, gelangweilt war oder an mir zweifelte. Ab ob Du einen siebten Sinn dafür hattest.

Wenn Du dann da warst, haben wir uns manchmal einfach am Tisch gegenüber gesessen, geschwiegen und gegessen. Und dann haben wir auch wieder stundenlang reden können, Du hast meine Gedanken ergänzt oder genau das ausgesprochen, was mir gerade durch den Kopf gegangen war. Und Du erklärtest mir die Welt neu, aus Deiner Perspektive gab es nur schwarz und weiß. Und das machte alles so viel einfacher. Wenn auch ich meine Welt so aufteilte, dann schienen all meine Probleme lösbar und ich mächtig und stark genug.

Und dennoch: Je länger Du bliebst, desto mehr bist Du in Deine Monologe abgedriftet, die ich aber geduldig ertrug, denn somit konnte ich meinen eigenen gedankenschweren Kopf abschalten und Dir zuhören.

Wie sich herausstellte, wohntest Du ganz in meiner Nähe und tauchtest ständig bei mir auf, immer öfter auch ungebeten. Ein paar Mal hast Du sogar bei mir übernachtet, da ich nicht den Mut hatte „Nein“ zu sagen. Es war ein wenig merkwürdig Dir am Frühstückstisch gegenüber zu sitzen. Aber auch das war dann nur eine Sache der Gewöhnung.

Im Nachhinein weiß ich immer noch nicht, wie Du es geschafft hast, mich so einzunehmen. Plötzlich bekam ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mit anderen Freunden traf. Aber nicht ihnen, sondern Dir gegenüber, obwohl wir uns gar nicht so lange kannten. Wahrscheinlich fühlte ich mich verpflichtet, weil Du mich aufgebaut hattest, als es mir so schlecht ging. Und weil Du einmal geflüstert hattest, dass unsere Freundschaft „in guten wie in schlechten Zeiten“ halten würde.

Erst jetzt fällt mir auf, dass es mir aber immer öfter Deinetwegen schlecht ging, dass mich Deine Anwesenheit immer mehr erschöpfte. Ich bemerkte gar nicht, dass Du immer egoistischer und egozentrischer wurdest und ich in unserer Freundschaft kleiner wurde und zum Ende hin ganz verschwunden bin. Wahrscheinlich warst Du die ganze Zeit schon egoistisch und egozentrisch gewesen, nur dass ich es nicht hatte wahrhaben wollen. Wenn Du dann mal weg warst, musste ich mich erst einmal auf mein Bett legen und gut durchatmen, mich von Dir erholen.

Ohne es zu merken, hattest Du immer mehr von mir verlangt und ich hatte Dir – ohne es wirklich zu verstehen – all das geschenkt: meine Selbstachtung, meine Unabhängigkeit, meinen Stolz, meine Würde, mein Vertrauen, mein Geld und meine Zeit.

Es mussten erst zwei FrühlingSommerHerbstundWinter vergehen, bis ich stark genug war, Dir die Freundschaft zu kündigen.

Und es ist nicht einfach, Dir die Freundschaft zu kündigen. An manchen Tagen ist es besonders schwer, weil ich sehnsüchtig an tröstende Momente unserer gemeinsamen Zeit denke und das Gefühl habe, dass Du sofort meine Einsamkeit, Langeweile und Gedankenleere füllen könntest. An diesen Tagen ist alles ein Kampf.

Auch wenn ich Dir immer noch alles erdenklich Schlechte wünsche, weiß ich trotzdem, dass ich mich bei Dir bedanken muss. Für die schönen Momente, in denen Du mich auf Deine Art und Weise aufgefangen hast.

Ich hoffe, dass Du mir eines Tages vollkommen gleichgültig sein wirst und ich meinen Freunden von uns erzählen kann – ohne mich zu schämen und in der Gewissheit, dass Du mir nichts mehr antun kannst.

Ich hoffe, dass Du einsam und verbittert Dein trauriges Dasein fristen wirst.

Auf dass wir uns nie wiedersehen, bulimia nervosa.


5

Diesen Text mochten auch

7 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    ich habe so viele briefe an sie schon gelesen und selber schon so viele geschrieben aber dieser hier,ist mit abstand der,der mich wirklich gefesselt hat, vielen dank dafür und tausend herzen!

    02.07.2012, 10:47 von herzscheu
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wenn das mal so einfach wäre... "gefährliche" Eigenschaften personifizieren und verabschieden... Unabhängig von dem Text fällt mir auf, das dies auch so ein Frauending ist, kein Typ würde seine Spielsucht verharmlosend "Joey" nennen oder die Alkoholsucht "Prom" - ist jetzt mal ohne Wertung, ob das besser oder schlechter ist, einfach nur ne Feststellung, da ich einige Ana/Mia-Texte gelesen hab.

    20.12.2011, 12:17 von EliasRafael
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Ist das wirklich so? Vielleicht bei unserem Präsidenten und seinem kleinen Wulff...


      Ich finde die Vorstellung bescheuert, aber wenn mann damit entschuldigen will, dass mann zuweilen schwanzgesteuert handelt, ist es sicher eine ähnliche Strategie.

      20.12.2011, 12:55 von EliasRafael
    • 0

      es geht nicht um eigenschaften *hust, sondern um die begegnung mit einer essstörung, anorexie wird ja bekanntlich auch liebevoll von ihren begleitern ana genannt.

      aber die genderunterschiede bei der namensgebung von körperteilen interessieren sicher auch in irgend'nem anderen treat jemanden ;)
       

      11.04.2012, 23:34 von yveh
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich kenne die Sau und sie ist keines Dankes würdig!


    Wünsche Dir, dass Du sie wirklich nie wieder triffst.

    20.12.2011, 12:02 von B.tina
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare