Menschen werden nicht geliebt, weil sie schön sind (1)
"Menschen werden nicht geliebt, weil sie schön sind, sondern weil sie eine eigene Welt in sich tragen." Das soll wohl tröstlich sein.
Und zeigen, dass es nicht nur um Äußerlichkeiten geht, sondern um die inneren Werte. Doch genau das ist Lauras größte Angst. Denn nichts fürchtet sie mehr, als dass ihre innere Welt nach außen dringen, sichtbar werden, ihr Äußeres so hässlich machen könnte, wie ihr Inneres ist.
Heute trug sie ihr Makeup besonders sorgfältig auf und nahm sich vor, nicht mehr durch den Regen zu laufen, denn gestern, da hatte sie keinen Schirm dabei, und die Regentropfen prasselten auf ihr Gesicht und ließen es verlaufen wie ein Aquarell im Regen. Sie musste ihr entblößtes Gesicht schützen vor den gaffenden, schamlosen Blicken der Welt. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Solch eine Erniedrigung. Als endlich die Haustür hinter ihr ins Schloss fiel, war sie vollkommen außer Atem zum Spiegel gehastet. Und ihre Hässlichkeit starrte sie an, durch ihre transparente, farblose Haut, die keinen Schutz bot, die nicht, wie bei anderen, eine mehr oder weniger hübsche Verpackung darstellte, die das Innere fremden Blicken unzugänglich macht. Kam es ihr nur so vor, oder war ihre Haut noch ein Stück fahler und grauer geworden? Und ihr Haaransatz, den sie nahezu panisch alle zwei Wochen beim Friseur nachfärben ließ, war er nicht noch ein bisschen farbloser als sonst? Als wäre sie nicht schon gestraft genug mit ihrer stumpfen Iris unter den kräftigen Farblinsen, die sie nur herausnahm, wenn sie keiner mehr sehen konnte, und den brüchigen, farblosen Nägeln, die sie stets sorgfältig überpinselte, in den knalligsten Farben. Damit es niemand bemerkte. Dass sie anders war, dass sie keine Farben in sich trug.
So war das aber nicht immer gewesen- sie war nicht mit einem "Fehler" auf die Welt gekommen. Aber wann sie aufgehört hatte, normal zu sein, das wusste sie gar nicht so genau. Sie dachte sehr oft darüber nach, über jede Einzelheit.
Aber wann die Farben aus ihr gewichen sind, das wusste sie noch ganz genau. Natürlich fing alles ganz schleichend an. Dass sie nicht mehr zufrieden mit sich war, sich so stumpf fühlte. Und nicht genau wusste, warum. Doch eines Tages, da wachte sie auf, weil ihr Bettlaken ganz feucht war. Sie dachte sich noch, dass sie ja unmöglich ins Bett gemacht haben konnte, als sie mit Unglauben feststellen musste, dass ihr leuchtend blaues Nachthemd grau geworden war und sie in einer bläulichen Pfütze lag, die zähflüssig auf den Boden tropfte. Die Farbe war vor ihr geflohen.
Sie redete sich ein, das sei sicher plausibel erklärbar, es handle sich nur um eine physikalische oder chemische Reaktion, die sich ihrem Verständnis entziehe. Schnell beseitigte sie alle Spuren dieser beängstigenden Begebenheit, riss das Laken von der Matratze, wischte die Flüssigkeit vom Boden, als sei sie der Beweis eines Verbrechens. Sie wusch sich den ganzen Schock von der Haut, den Haaren, ihrer Seele, und wunderte sich deswegen auch nicht, als sich das Duschwasser nicht nur blau, sondern in allen möglichen Farben färbte. Doch als sie aus der Dusche stieg und sich im Spiegel sah, klappte ihr die Kinnlade herunter.
Ihre Haut war so fahl, so grau. Doch, viel schlimmer, ihre schönen rotblonden Haare waren grau, ihre grünen Augen hatten fast gänzlich ihre Farbe, ihr Funkeln verloren. Sie war farblos.
Sie wusste nicht, wie man seine Farben zurückgewinnt. Warum man überhaupt welche hat, und, warum jeder sie hat, nur sie nicht. Musste sie nicht etwas Schreckliches getan haben, dass ihr so etwas überhaupt passieren konnte? Und weil sie nicht wusste, was sie tun sollte, begann sie, sich zu bemalen. Hoffte dabei inständig, dass die Farben sich in sie brennen, haften bleiben würden. Doch wenn sie sich abends wusch, färbte sich das Wasser jedes Mal wieder bunt, floss in Strömen durch ihre Finger, und das sogar, wie sie sich einbildete, schneller als früher, als versuche es, ihr so schnell wie möglich zu entkommen. Verzweifelt fügte sie sich ihrem Schicksal. Was hätte sie auch sonst tun sollen?
Dann, eines Tages, lernte sie Jonas kennen. Es war ein scheußlicher Regentag, sie hasste Regentage, denn der Regen griff ihre Maske an, raubte ihr ihren Schutz. Sie war extra nochmal umgekehrt, um sich noch einmal zu schminken, und das hatte ihr sehr viel Zeit geraubt. Ihr Chef würde sie umbringen, wenn sie schon wieder zu spät in die Arbeit kam. Völlig außer Atem zwängte sie sich durch die sich gerade schließenden Türen der U-Bahn und stolperte über seine Beine. Denn Jonas saß am Boden, weil es ihm egal war, dass der schmutzig war, er selbst war es nämlich auch. Laura fluchte, sie hatte sich das Knie aufgeschürft, und eine fast farblose Flüssigkeit tropfte aus ihrem Knie. Sie war alarmiert. Hielt sich die Hand vor das Knie, wehrte Jonas ab, der ihr zu allem Unglück jetzt auch noch helfen und ihr Knie begutachten wollte. Kurz berührte seine Hand die ihre. Sie schreckte zurück und verkroch sich so schnell wie möglich ans andere Ende des Abteils.
Alles nochmal glimpflich verlaufen, dachte sie sich noch, als sie später in der Arbeit saß (auch der Chef hatte ihre Verspätung nicht bemerkt) und ihr Knie überprüfte. Und dann bemerkte sie es erst, an ihrer Hand. Sie konnte es nicht fassen, wusch sie sich gleich drei mal hintereinander. Doch tatsächlich: in ein paar Stellen ihrer Haut war wieder Farbe zurückgekehrt.






Kommentare
nein. Der Text zeigt wieder einmal, das heutzutage keiner mehr mit sich selbst klar kommt und im reinen ist, sondern sein ganzes Ego aus seiner Umwelt und den Menschen um ihn herum bezieht. Das Leuchten, die Farben, das sollte von innen kommen, nicht von außen.
10.08.2012, 21:20 von excitable.Boywunderbar!
07.08.2012, 14:51 von konfetti&champagnerist für mich nur ne schlechte umerzählung von pleasantville
05.08.2012, 18:02 von FrauTinaIch freu mich auf die anderen Teile ...
02.08.2012, 20:26 von AjiradGefällt mir sehr gut!
schade, dass der text schon zu ende ist
01.08.2012, 13:59 von MissPhiasehr schön :))
Gefährlich, die Farbe durch einen anderen zu erhalten.
Gut, durch Kontakt mit anderen die eigene Farbe wiederzuerlangen.
01.08.2012, 08:29 von LagbackMaike Rosa Vogel....ganz toller Song!!!!
31.07.2012, 15:37 von bumblebee167mir gefällt die farb-idee
31.07.2012, 13:56 von OzelotteDas ist mir zu platt. Personen können unsere Farben zwar zum Leuchten bringen und erstrahlen lassen, ja. Aber sie sind es nicht, die uns Farbe verleihen. Das müssen wir schon selbst - und nicht ein dahergelaufener Bahn-Jonas, nur weil er sie am Knie berührt hat...
31.07.2012, 13:10 von Herzgesteuertja, das ist richtig: das müssen wir selbst. aber manchmal trifft man Menschen, die etwas in einem auslösen, nicht wahr?
31.07.2012, 21:07 von Phantom.schmerzDie Geschichte ist ja noch nicht zu Ende...
(aber ich respektiere natürlich deine Meinung. es muss dir ja nicht gefallen ;) )
wow! wunderbar!
30.07.2012, 23:10 von snaty