Lucy-Ann 16.11.2010, 18:45 Uhr 2 4

Melancholie(d)

melancholie(d) Es tut weh, das Lied anzuhören, doch es ist die einzige Möglichkeit, in die schöne alte Zeit zurückzukehren.

Briefe kann man verbrennen, SMS löschen, Fotos und Tagebücher in eine Kiste packen und unter dem Bett verstecken, Orte der Erinnerung umgehen – doch Lieder, die uns an unsre sehnsüchtigsten Momente erinnern...?
Ihnen kann man nicht ausweichen.

Lieder begegnen uns überall – im Radio, in der Disco, in einer Bar, auf dem PC.
Doch egal wo sie erklingen, es tut weh, das Lied anzuhören, mit dem man so vieles verbindet - eine in die Brüche gegangene Beziehung, den schönsten Tag des Lebens, den traurigsten... eine unerwiderte Liebe – doch es ist die einzige Möglichkeit, in eine längst vergangene Zeit zurückzukehren.

An manchen Tagen könnte man denken, die Welt bestünde nur aus Liedern, die uns mit aller Macht versuchen, in Erinnerungen schwelgen zu lassen.
Es kann wunderschön sein, durch einen Song an einen schönen Tag mit Freunden erinnert zu werden, doch ein Lied zu hören, das einen an die wunderbarste Person der Welt erinnert, die die entgegengebrachte Liebe nicht erwidert, schmerzt.

Ein Melancholie(d) besitzt anscheinend die Fähigkeit, mit seinen Frequenzen und Schwingungen unseren Körper und unsere Seele auf die schlimmste Weise zu attackieren.

Es gelangt durch unser Ohr in unsere Gedanken, löst Erinnerungen aus, schleicht sich in unsere Blutbahn und saugt uns aus jeder Zelle unsere Energie. Keine Region des Körpers wird ausgelassen. Zurück bleibt eine schmerzhafte Leere, nachdem das Lied den Körper durchlaufen hat und ihn durch unsre Tränen, die uns heiß über unser Gesicht laufen, verlässt.

a coma might feel better than this... ( City and Colour -Waiting)

Nichts kann unsre Gefühle so schnell umkrempeln wie ein Lied.
Lieder besitzen Magie.
Magie, einen Moment zum besten deines Lebens zu machen.
Magie, einen Moment noch viel intensiver zu gestalten.
Magie, unsere Stimmung von einem Moment zum anderen in unendliche Abgründe stürzen zu lassen.

Lieder können so grausam sein und sind gleichzeitig doch so wunderschön.
Sie erfüllen unsere Seele mit Traurigkeit, werfen uns zurück in Zeiten, die wir schon längst versucht haben, zu verdrängen.
Und doch sucht man in seinem Leben fast zwanghaft nach Liedern, die uns an diese Zeiten erinnern.

In den Glücksmomenten unseres Lebens drücken wir ganz schnell auf „next“ , wenn ein Melancholied die Boxen unserer Lautsprecher verlässt. Wir wollen nicht zurückgeworfen werden und unsere Seele unseren Sehnsüchten zum Fraß vorwerfen.
Doch manchmal ziehen Melancholieder uns magisch an.
In Endlosschleife erfüllt eine Melodie unsere eben noch so heile Welt und jede Textzeile, mit der wir soviel assoziieren lässt uns tiefer in die Abgründe der Melancholie stürzen.
Aber anstatt auf „stop“ zu drücken, lassen wir uns immer weiter in den Bann der Musik ziehen.

Vielleicht brauchen wir dieses Gefühl von Leere und diesen fast unerträglichen Schmerz manchmal in uns, um zu spüren, dass wir noch Leben.
Vielleicht auch einfach nur, um unsere Gedanken zu reinigen.
Vielleicht existieren solche Lieder auch nur, um dem Menschen zu zeigen, dass er nicht der starke Mensch ist, der er zu sein scheint.
Lieder machen uns zerbrechlich, lassen uns zu einer Glasfigur werden, lassen Gefühle sichtbar werden.
Doch trotz aller noch so schmerzhaften Momente hätte das Leben ohne Melancholieder keinen Sinn.
Denn Lieder sind der Schlüssel zur Seele.

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2 Antworten

Kommentare

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    Das Thema Melancholie ist mega hype. Deshalb hier ein link auf einen super blog zu Melancholie:

    http://einmalsinnundzurueck.blogspot.com/

    ..

    27.11.2010, 20:40 von Teophrast
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  • 0

    EXAKT das, was ich gerade fühle! Vielen Dank, dass du das in Worte gefasst hast, was ich nicht konnte/kann.
    Alles Gute auf deinem Weg raus aus der Melancholie, auch mithilfe von Melancholie(dern)!

    17.11.2010, 17:56 von Dawning
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