Waldlichtung 26.07.2012, 13:41 Uhr 1 2

Meine Henkersmahlzeit

Ich verliere mich. Ich habe verloren.



Ich bin eingeladen. Ich nehme Platz.
Der Tisch ist gedeckt, das Essen wird sogleich serviert.

Irgendwann fällt mir auf, dass sogar mein Lieblingsessen
in einem kalten, dreckigen Raum nicht schmecken kann.

Der kalte, dreckige Raum.
Das sind die Umstände, in denen ich mich befinde.
Das Wissen, dass ich unmittelbar vor
meiner Hinrichtung stehe und die Gedanken an eine Tat, die
ich vielleicht begangen haben mag.
Das ist alles das, was gerade in mir oder um mich herum passiert.

Mein Lieblingsessen – sofern es das gibt.
Ich werde mich nicht darauf konzentrieren können und ich werde es nicht genießen können, weil ich mit mir selbst beschäftigt bin. Ich  verliere mich in Gedanken.
Ich verliere mich in meiner eigenen Ohnmacht.
Ich verliere mich.
Ich habe verloren.
Ich bereue. Ich hasse. Ich bin schuldig.
Und vor Allem bin ich so gut wie tot. Ich bin und ich denke so Vieles, aber eines bin ich sicher nicht:
in der Lage ein gutes Essen zu genießen.

Ich saß an diesem Tisch, ich habe auf das Essen gewartet,
habe mir all das überlegt,
habe durch das verstaubte Fenster geschaut. Bin aufgestanden.
Der Stuhl steht noch genauso da.
Ich wurde beobachtet von einer Person, die auf einem bequemen Stuhl saß und die den Schmutz
an der unverputzten, hässlichen Wand nicht gesehen hat.


Tags: schuldig, nicht-schuldig, Hinrichtung, Henkersmahlzeit
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Kommentare

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  • 0

    Sehr gelungen..

    26.07.2012, 16:56 von strange_sounds_around
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