EmmaLoft 19.01.2012, 22:59 Uhr 4 1

Mein Teufel Prokrastination

Tagebuch meines Teufels...

Prokrastination.

Vor einigen Jahren hatte ich ihn zum ersten Mal schemenhaft im Augenwinkel wahrgenommen. Mal hier mal da, aber nicht jeden Tag. Anfangs.
In manchen Momenten war er wie ein schwarzer kleiner Fleck im Augenwinkel. Nichts Ernstzunehmendes. Lediglich geduldet und angenommen. Doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Und Details gab es zunehmend mehr.
Ein Brief hier, eine E-Mail dort, ein notwendiges Gespräch was anstand, ein Gang zum Amt, eine Arbeit, ein Dokument, der wöchentliche Einkauf, ein Telefonat. Die Prognose meines Handelns ging immer mehr ins „Nicht“ Handeln über.

Die Schule. Die Unfähigkeit Mathe zu lernen war Schuld am nicht bestandenen Abi. Die Ausbildung im Verlag kroch vor sich hin. Immer Mittelmaß. Der Job danach nährte den kleinen schwarzen Fleck und war schon nach dem Aufstehen präsent. Der vage Fleck im Auge nahm Gestalt an und wuchs im Büro, die Chefin weit entfernt in einer anderen Stadt. Die diffusen Ausreden mehrten sich.
Nach einem Jahr rumhängen war Schluss. Der Job beendet. Etliche Aufgaben nicht erledigt. Mails warteten geduldig im Posteingang. Mein Kopf wehrte sich ungestüm gegen die Einsicht. Frust und Angst lagerten sich in meinen Arterien ab. Der Wein konkurrierte mit der Leber.

Ich wollte weg. Mich neu orientieren. Das Ausland schien eine akzeptable Option zu sein. Drei Monate Irland. Arbeiten in einem Gasthaus. Bezahlt von einem brachial ausgeschöpften Dispo, der Futter brauchte, aber hungernd monatelang sein Dasein fristete. Die Arbeit mit einer alten Frau, die schnell merkte, dass ich noch nie im Gastrobereich gearbeitet hatte. Angst zu versagen führte jeden Tag zu irrsinnig dummen Fehlern. Die zuvor unklare Gestalt in den Augen nahm deutlich erkennbare Konturen an. Eines Morgens der intuitive Entschluss in die nächste Stadt zu fahren und ein Ticket zu kaufen. Ein Zettel auf dem Herd reicht. Bloß jeden Kontakt vermeiden. Jede Art von verbaler Auseinandersetzung aus dem Weg gehen.

Einen Tag später zurück in Deutschland. Die Zusage zum Studium in der Hand. Drei Wochen nichts zu tun. Die Gestalt mit ihrer unwirklichen Teufelsstruktur verschwunden.

Umzug nach Leipzig. Neue WG, neues Leben. Die positiven Prognosen, dass nun alles anders werden würde. Die ersten Wochen des Studiums. Ist eh alles neu, man muss sich ja erst dran gewöhnen. Sich einreden, dass man eh nicht zur Gruppe der ehrgeizigen Kommilitonen dazugehören will. Man mutiert zum Außenseiter und findet sich damit ab. Man wacht morgens auf und sieht nichts. Der Teufel hat seinen Platz eingenommen und zeigt einem nur das was man sehen will. Etliche Affären, nachts rumtreiben, viel Alkohol. Ach die eine Vorlesung kann man schon mal ausfallen lassen. Warum heute, wenn morgen auch noch Zeit ist?

Die ersten Prüfungen. Zwei Tage vorher in die Hefter schauen reicht. Die Illusion des eigenen geistigen Vermögens weicht der Einsicht des bestehenden Unvermögens. Die erste mündliche Prüfung mit Blackout nicht bestanden. Danach wird einfach einiges geschoben. Geht ja, machen alle anderen auch.

Der hungernde Dispo will nun fordernd genährt werden. Briefe, die nicht geöffnet werden, E-Mails die nicht beantwortet werden, Anrufe die nicht entgegengenommen werden. Stress in der WG. Paranoide Gedanken, dass man boykottiert wird. Dem Gespräch aus dem Weg gehen. Umzug in eine neue WG. Nach drei Monaten schnell und heimlich wieder ausziehen in eine eigene Wohnung. Der Frust wird mit Nahrung kompensiert und diese wieder ausgestoßen. Stundenlang über dem Klo hängen. Der Tagesablauf gleicht einer blinden Tortur. Schlafen, essen, kotzen, Alkohol. Alles was von außen einströmt wird abgewehrt. Angst, Wut und den Verlust der Selbstkontrolle stoßen bitter auf. Nur die Nacht bringt ein benommenes Wohlbefinden, denn nachts muss man nichts machen. Dort gibt es nicht die Notwendigkeit des Handelns.

Nun sitz ich hier, nachts. Der Teufel steuert meine Gedanken und verdrängt die nichtbestandenen Prüfungen, die kommenden Projekte, die eingegangenen Anrufe am Tag und die verlorenen Freundschaften. Die To-Do-Listen im Outlook werden auf den nächsten Tag geschoben. Die Abschottung von eigenem „Ich“ ist ohne mein Zutun vollbracht worden. Scheinbar. Die eigene beklemmende Willkür nagt am Ego, welches sich unbeirrt durch die unruhigen Nächte schlängelt und mich nicht Schlafen lässt.

Es geht nicht vor und nicht zurück und alles was bleibt ist der Gedanke jetzt Handeln zu müssen, aber dafür ist morgen auch noch Zeit!

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4 Antworten

Kommentare

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    einfach mal gut frühstücken!

    25.01.2012, 12:31 von Berlinkinds
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    Harter Tobak ist das, und nicht "wunderschön".

    Wenn fiktiv, dann sehr gut umgesetzt.
    Wenn nicht fiktiv würde ich unbedingt den Gang zu einem guten Arzt empfehlen.

    20.01.2012, 09:22 von Tanea
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    Uff...da hat jemand dringenden Bedarf an Hilfe. Weiß nicht, ob man da allein wieder raus kommt.

    20.01.2012, 06:44 von konsTante
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    Wunderschön, ehrlich. Ich sage soetwas nicht oft, aber du kannst wirklich gut schreiben. Danke für diesen Text !

    20.01.2012, 02:37 von HeavenKnowS
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