rebeccatwloha 30.11.-0001, 00:00 Uhr 26 11

Mein Leben mit An(n)a

An(n)a macht mein Leben zur Hölle. Ich hoffe, dass ich eines Tages gesund bin & ohne Reue essen kann. Aber gerade steht An(n)a noch hinter mir..

Ein Freund hat mich grade eine halbe Stunde lang heulend am Telefon ertragen müssen; zwischen Nase hochziehen und Tränen wegwischen hab ich dann rausgebracht, wieso's mir so mies geht und was der Auslöser ist.

Einerseits ein Typ und andererseits meine Magersucht. 


Selbst nach 4 Klinikaufenthalten, unzähligen Therapie-Sitzungen, 7 verschiedenen Therapeuten und tausend anderen Heilungsmethoden will sie mir nicht von der Seite weichen. Meine beste Freundin, schlimmste Feindin, Aufpasserin und gleichzeitig Mörderin. Seit 5 Jahren an meiner Seite. Oder eher ich an ihrer? Ich weiß es nicht. 


Ich weiß auch nicht, wie es angefangen hat. Ich kann nicht den Tag nennen, an dem sie in mein Leben trat, an dem ihre Stimme in meinem Kopf das erste mal erklang. Ich weiß nur, dass es das schlimmste ist/war, was mir je passiert ist. Seit diesem Tag ist Essen das allerschlimmste für mich, dass es gibt. Neben meinem Körper. Mittlerweile sind meine Therapeutin & mein Arzt sich einig, dass ich bis zu meinem nächstem Klinikaufenthalt im Juli eine Nasensonde kriege. Oder in die Geschlossene muss. Letzteres wird nicht der Fall sein, da ich dort nie wieder hingehe, nie wieder. Die Zeit in der KJP München war schrecklich. Also sind meine Therapeutin und mein Arzt einen "großen Kompromiss" eingegangen und haben mich vor die Wahl gestellt. Nasensonde, Geschlossene oder mehr essen. Meine gesunde Seite hat natürlich für letzteres plädiert. Meine Magersucht für nichts. Und ich will eigentlich auch für letzteres sein, aber kann es nicht. Es geht einfach nicht.


Besagter Freund meinte am Telefon, ich solle einfach mal schreiben, wie es mir geht, wenn ich essen will oder nicht essen will oder muss. Was ich dazu sage und was meine Magersucht dazu sagt.

Es ist nicht leicht. Es ist alles andere als das. Ich will einerseits ja wirklich, ich will schmecken können und genießen können. Aber andererseits will ich auch dünn sein und schön sein, Kontrolle haben. Macht ausüben. Macht haben, während andere Menschen, Ärzte, Therapeuten und Leute, die denken, sie wären solche, Macht über mein Leben haben und über meinen Kopf hinweg bestimmen & entscheiden, was für mich das beste ist. Aber meine Magersucht ist auch noch da. Die mir das verbietet. Deren Stimme in meinem Kopf widerhallt, mich beschimpft, auslacht, mir mein Essen aus der Hand schlagen will. Auf meine Oberschenkel und meinen Bauch deutet, höhnisch lacht und fragt, warum ich denn was essen will, ich hab doch noch genug Fett an meinem Körper, von dem ich locker jahrelang leben könnte. Treibt mir die Tränen in die Augen. 


Es ist nicht leicht, meiner Mutter zu sagen, dass ich keinen Hunger hab, während ich eigentlich für ein Brötchen sterben würde. Ich hab so Sachen wie Schoko - Eis oder Nutella - Toast oder Pfannkuchen mit Nutella schon seit Jahren nicht mehr gegessen, Kuchen mit Schlagsahne war früher der Himmel auf Erden für mich, jetzt hab ich schon vor'm Anschauen Angst. Es ist nicht leicht, meinen Freunden zu sagen, dass ich schon gegessen habe und mich dann den Abend über an nem Glas Cola-Light festzuklammern, während die Pommes oder Schnitzel oder sonst was essen. Es ist nicht leicht. 


Es ist auch nicht schön, jeden Tag mit dem Gedanken anzufangen, heute möglichst wenig zu essen; unter ein bestimmtes Gewicht zu kommen; zu 3 verschiedenen Ärzten pro Tag zu müssen und sich dem prüfenden Blick & den nervenden Fragen meiner Mutter stellen zu müssen. Es ist nicht schön, mit Schmerzen in den Knien, die durch jahrelangen intensiven Sport kaputt sind, joggen gehen zu müssen. Es ist nicht schön, sich zweimal die Woche vom Arzt wiegen lassen zu müssen, den Körper nach neuen Selbstverletzungswunden absuchen lassen zu müssen und und und. Ich bin öfter beim Arzt als meine gesamten Freunde zusammen. Ich hab auch manchmal keine Lust mehr auf alles. Zwei Selbstmordversuche sind dick & fett in meiner Krankenakte markiert und springen jedem neuen Arzt, der sein Glück versuchen will, ins Auge. Narben zeichnen meinen kompletten linken Arm und meinen linken Oberschenkel. Ich behandel meinen Körper wie einen Feind, wie ein Gefängnis, schade mir damit konstant selber und ändere es nicht. Oder besser; kann es nicht ändern. 


Meine Magersucht ist so unheimlich präsent, sie ist IMMER da, immer. Meine Therapeutin in einer der Klinikaufenthalte hat ihr einen Namen gegeben. Sie nannte sie An(n)a. Vielleicht kriegen ein paar von euch den Zusammenhang. Magersucht heißt im Medizindeutsch Anorexia Nervosa und wird von ein paar dämlichen kleinen Girlies im Internet als "Ana" hingestellt. Es gibt Unmengen solcher "Pro-Ana"-Foren, die die Magersucht als etwas Perfektes hinstellen, als eine Gottheit. Deswegen auch PRO Ana. Für mich ist sie das schlimmste. Das ist keine Diät, die man mal eben so macht um nächste Woche in das blaue Kleid zu passen, dass man sich bei Zalando bestellt hat und nächste Woche auf den Geburtstag von der besten Freundin anziehen möchte. Für mich ist das mein Leben. Und das ist kein schönes. 


Durch die Magersucht sind meine Knie kaputt, meine Beckenknochen haben Risse, mein Herz schlägt viel zu langsam und mein Blutdruck ist konstant zu niedrig. Meine Körpertemperatur liegt bei angenehmen 35 Grad und mein Kreislauf ist quasi nicht vorhanden. Unter meinem Nagellack sind meine Nägel häufig blau angelaufen und meine Hüften und Knie sind mit blauen Flecken verziert. Kalte Füße sind an der Tagesordnung, genauso wie kalte Hände. Wenn ich morgens aufstehe, dreht sich mein Zimmer erstmal um sich selbst und ich kann von einem guten Morgen sprechen, wenn ich danach noch auf meinen zwei Füßen stehe und nicht auf meinem Boden liege. Meine Haare fallen aus und werden von Tag zu Tag dünner. Ab einem gewissen Gewicht bekomm ich meine Tage nicht mehr, was sich im ersten Moment ganz geil anhört, aber nicht so cool ist, wie es scheint. Treppen laufen und allgemein körperliche Anstrengung ist auch ganz spaßig, danach hör ich mich jedesmal an wie eine an Asthma erkrankte Kuh. Durch die nicht vorhandene Kalorien-Zufuhr hat mein Körper nichts zum verbrennen, deswegen hab ich auch keinen Stoffwechsel. Jedenfalls keinen wirklich guten. Das waren jetzt Kleinigkeiten, aber in der Summe ist das die Hölle. 


Für mich war die Magersucht vielleicht mal sowas wie eine kurze Diät, ich weiß es nicht mehr. Mittlerweile ist sie das nicht mehr. Mittlerweile ist sie nichts mehr anderes als die personifizierte Hölle. Jeder Tag ist schrecklich. Ich werde dieses Jahr wieder in die Klinik müssen, nächstes Monat vielleicht schon eine Nasensonde haben und so den Sommer verbringen müssen. Ich hab mir meine Jugend anders vorgestellt und wenn ich jetzt zurück gucke, sehe ich nichts schönes. Ich sehe unheimlich viele Versuche, wieder auf die Beine zu kommen, unzählig viele Tränen, Gespräche mit fremden Leuten, Telefonate mit Krankenkassen und Kliniken, neuen Ärzten, die mir alle das selbe erzählen wollen, aber keine Ahnung haben und ich sehe mich. Jedesmal in der gleichen Situation, nickend, wenn mir jemand sagt, dass alles besser werden wird und ich doch so stark bin und das alles schaffen kann. 



An(n)a und ich schauen gleich aus. In meiner Vorstellung sehe ich sie auch immer als blondes Mädchen mit blauen Augen. Klischeehaft. Aber im inneren sind An(n)a und ich ganz anders. Sie ist der Teufel. Die Hölle. Schwarz. Malt meinen Körper und viele meiner Nächte rot an, ist genau das Gegenteil von dem, was ich mir in schwachen Momenten erhoffe. 


An(n)a macht mein Leben zur Hölle. Ich hoffe immer noch, dass ich eines Tages gesund bin und ohne Reue essen & genießen kann, mich umdrehen kann und An(n)a in einer Menschenmasse verschwinden sehe. Ich hoffe es so sehr. Aber gerade steht An(n)a hinter mir, hat ihre eiskalten, knochigen Hände auf meinen Schultern und ihr Atem streicht mir über den Nacken. Am Donnerstag wird über die Nasensonde entschieden und ich weiß, dass die Tage bis dahin wahrscheinlich schlimmer werden, als alles bisherige. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie große Angst ich davor habe.


Aber An(n)a ist ja da...

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26 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich wünsch dir was. Was genau das ist weiß ich nicht so genau.. Der Text lässt mich nicht los, und das finde ch so grausam.
    Was du durchmachst ist das Grausame, und ich will einfach, dass das jetzt ein Ende hat.
    Leichter gesagt als getan.
    Deswegen.. ich wünsch Dir was.

    02.10.2013, 17:44 von pelau
    • 0

      außerdem hast du mir mit diesen Zeilen den Mut gegeben, was über meine, naja eine An(n)a ist es nicht, aber es geht in eine ähnliche Richtung.., zu schreiben.

      02.10.2013, 17:47 von pelau
    • 0

      Entschuldige meine späte Antwort. Ich durfte noch einmal Klinikluft schnuppern. 


      Ich danke dir für die Zeit, die du dir genommen hast, meinen Text zu lesen und dann noch darauf zu antworten. 

      Ich hoffe, dir geht es gut und dein "etwas" hat sich dahin verzogen, wo der Pfeffer wächst.

      Alles Liebe!

      05.08.2014, 20:53 von rebeccatwloha
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  • 1

    Erstmal Respekt für soviel Mut, das hier zu veröffentlichen. Und ich kann mir sehr gut vorstellen wie groß deine Angst ist.
    "Meine Anna" hat mich über 8 Jahre begleitet aber ich hab sie zum schlafen gebracht. Ab und zu wacht sie auf aber ich hab gemerkt wie blöd sie zu mir istund schaffe es sie zu ignorieren. Meistens zumindest.
    Ich hoffe sehr, dass du das schaffst, dass du genügend Kraft hast da rauszukommen.
    Gehen wird sie vermutlich nie ganz, aber du kannst sie an guten Tagen vllt zum schweigen bringen und dein Leben so genießen wie du es verdienst! Herzchen an dich!

    21.08.2013, 13:36 von Mimosenkind
    • 1

      Entschuldige meine sehr späte Antwort aber ich war jetzt bis vor einem Monat seit letztem September in der Klinik. 


      Danke für deine wunderbaren Worte! Ich hoffe, dir geht es gut! Und sie schläft immer noch.

      Im Januar und Februar war meine Anna fast weg - aber sie ist wieder gekommen, wütender als vorher. Nicht einmal 10 Monate Klinik kriegen sie tot. 

      Ich wünsche dir nur das Beste!

      05.08.2014, 20:51 von rebeccatwloha
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  • 1

    Sie ist eine verdammte Klette.
    Ich wünsche dir alles Gute, echt.

    31.05.2013, 00:51 von ehlferr
    • 0

      Und wie sie das ist. Ich hoffe, du hast sie los bekommen.


      Dir auch! Vielen Dank <3

      05.08.2014, 20:52 von rebeccatwloha
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  • 0

    Ich versuche es mal zu reduzieren: Nichts essen, weil du schön sein willst. Aber deine Nägel sind verfärbt, dein Haare fallen aus. Und so weiter. Bist du dank Anna schön? Nein. Dürr. Und dürr ist nicht schön. Dürr ist eklig.

    Was dir geblieben ist, ist eine Sucht. Wie Alkoholsucht, Zigarettensucht, Spielsucht. Und gegen die kann man gewinnen. Wenn man WILL.

    Willst du leben und Spaß haben? Dann kämpfe. Es lohnt sich. Und such dir jemand der richtig gut kochen kann und klug ist. Der/die ist dein bester Arzt.

    01.05.2013, 01:21 von Plutarch
    • 2

      Hey, erstmal vielen lieben Dank, dass du dir die Zeit fürs lesen genommen hast!


      Dürr ist in meinen Augen leider schön. Oder in ihren. In unseren. Es wird noch lange dauern, bis ich dieses Ideal verdrängen kann.

      Es gibt Tage, an denen will ich und verspüre unbändige Kraft, gegen sie anzugehen. Aber dann gibt es Tage, an denen ich mich in ihre Arme sacken lasse und mit den Fingern nach meinen Knochen taste. Wie du schon sagtest, es ist eine Sucht. Und frag mal trockene Alkoholiker oder Ex-Junkies, wie schwer es ist, loszukommen. Wie ohnmächtig man sich fühlt.

      Das mit dem Kochen find ich .. nunja, ein wenig fehl am Platz. Es geht mir rein garnicht um die Qualität des Essens und wie gut es schmeckt. Aber gut. 

      Ich muss mir keinen fremden Mensch suchen, um gesund zu werden. Ich muss hinter Anna, den Knochen und den Narben nur wieder mich selbst finden.

      04.05.2013, 21:24 von rebeccatwloha
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  • 2

    Oh mein Gott, das kann man ja kaum lesen. So eindringlich sind die Beschreibungen. Ich frage mich ernsthaft, wie man so leben kann! Dafür muß man unendliche Kraftreserven haben und tief, tief drin etwas, das sich ans Leben klammert und nur frei sein will.
    Ich wünsche dir, dass dieses Etwas wieder stärker wird und größer, das es gegen die Magersucht ankämpfen kann und zu guter letzt auch die Macht über sie gewinnt.

    15.04.2013, 14:06 von Tanea
    • 1

      Auch dir vielen lieben Dank, dass du dir die Zeit genommen hast und das gelesen hast und mir anschließend noch was geschrieben hast :) Das freut mich so so sehr.


      Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, wie ich so "leben" kann. Man kann es nicht wirklich leben nennen. Existieren trifft es wohl recht gut. Ich hoffe auch, dass sich dieses Etwas herauskämpft & dafür die Magersucht zurückdrängt. Irgendwann werde ich das schaffen.

      Vielen Dank für deine Worte! :)

      16.04.2013, 12:46 von rebeccatwloha
    • 1

      Ja, ich glaube an dich und das strake Etwas in dir!

      16.04.2013, 12:49 von Tanea
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  • 1

    Ich wünsche dir wirklich aus tiefstem Herzen alles alles Gute und hoffe, dass An(n)a bald verschwindet!

    15.04.2013, 13:41 von wunschpunkt
    • 0

      Ganz lieben Dank; fürs Lesen & für deine lieben Worte :)

      16.04.2013, 12:44 von rebeccatwloha
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Vielen, vielen Dank.


      Ja, wir haben ein paar Anhaltspunkte, die durchaus realistisch sind und denen wir nachgehen werden. 

      Ja, ich bin es.

      09.04.2013, 17:22 von rebeccatwloha
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    • 1

      Wahre Worte. Genauso sehe ich das auch. Es ist nur sehr schmerzhaft, langwierig und schwer so tief in der Vergangenheit zu wühlen, Dinge an die Oberfläche zu holen, die man schon lange vergraben hat und und und. Aber es ist notwendig. 


      Danke. Wirklich. Ich versuch's. 

      09.04.2013, 17:32 von rebeccatwloha
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Vielen, vielen Dank! 

      09.04.2013, 17:45 von rebeccatwloha
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Vielen, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, den Text durchzulesen & etwas dazuzuschreiben :) 


      Ich möchte grad den Weg gehen, meine Gedanken fremden Menschen offen zu legen, damit die Gesellschaft mehr Verständnis für Krankheiten wie diese hat. Und damit vielleicht auch ich klarer denke. In meinem Kopf ist häufig viel zu viel Nebel und damit klärt sich das wenigstens ein wenig.

      Genau bei letzterem haperts ein wenig, es ist so schwer, die Magersüchtige Stimme zu unterdrücken und meine gesunde Seite gewinnen zu lassen. Aber ich kämpfe..

      09.04.2013, 17:14 von rebeccatwloha
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Viele trauen sich leider nicht. Und wenn man es sich traut, verschließt die Gesellschaft die Augen. Ich hoffe, dass der Text hier viele Leser anzieht, damit er Gehör findet, damit ich Gehör finde. 


      Damit viele andere Betroffene selbst den Mut finden, für sich zu sprechen. 

      09.04.2013, 17:24 von rebeccatwloha
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Ich danke dir. Das bedeutet mir unendlich viel. 

      09.04.2013, 17:32 von rebeccatwloha

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