meredith_haaf 30.11.-0001, 00:00 Uhr 125 6

»Mein Körperumfang war immer ein Thema«

Die Amerikanerin Jen Davis fotografierte elf Jahre lang ein Motiv, mit dem sie große Probleme hatte: sich selbst.

Interview: Meredith Haaf
Fotos: Jen Davis

In der März-Ausgabe von NEON sprachen wir mit Jen Davis - die Amerikanerin fotografierte sich elf Jahre lang in "maximal unangenehmen Situationen". Die Fotostrecke aus dem Heft könnt ihr euch jetzt in der NEON.de-Galerie ansehen:


Warum hast du dich entschlossen, dich selbst so zu zeigen?
Als ich anfing zu fotografieren, waren immer nur andere Menschen auf meinen Bildern zu sehen. Ich nannte das »Selbstporträts ohne mich«. Bis ich merkte, dass die Arbeit irgendwie flach und substanzlos war. Ich brauchte einen direkteren Weg zu all den Unsicherheiten und Ängsten, die ich in Bezug auf mich und meinen Körper hatte. Also begann ich, mich selbst zu inszenieren.

Das sind also keine spontanen Aufnahmen?
Nein, ich rekonstruiere Momente oder Fantasien, die ich erlebt habe. Ich schaffe künstliche Situationen, um meine Gefühlswelt zu zeigen. Vorher hatte ich gar keinen Ausdruck dafür, was in mir selbst vorging.
Du wirkst allein auf den Bildern. Und unglücklich.
Es ist nicht so, dass ich immer einsam und traurig gelebt hätte, im Gegenteil. Aber diese Auseinandersetzung mit mir und der Frage, wie genau ich mich in diesem Körper fühle, konnte niemand mit mir teilen. Wie auch? Die Aufnahmen sind ohne Assistenz entstanden. Ich war also wirklich allein.

Willst du mit deinen Bildern auch gegen Schönheitsnormen protestieren?
Natürlich ging es mir auch darum, mich mit Schönheitsidealen und der Schlankheitskultur auseinanderzusetzen. Denn ich habe sehr darunter gelitten, dass mein Körper in dieser Kultur völlig unpassend ist. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich zu viel Platz brauche. Und am schlimmsten war die ständige Angst vor der Verachtung der anderen.

Ist Fett ein feministisches Thema, wie die britische Sozialkritikerin Susie Orbach meint?
Für mich ist Fett vor allem ein persönliches Problem. Natürlich auch wegen der Erwartungen, die an weibliche Körper gestellt werden. Schon als Teenager habe ich mit meinem Gewicht gekämpft. Mein Körperumfang ist immer ein Thema gewesen – auch unter Freunden und in meiner Familie. Wenn mich jemand darauf ansprach, bin ich ausgeflippt, selbst darüber reden konnte ich gar nicht. Das hat sich erst durch die Fotos geändert.

Deine Selbstporträts sind schonungslos, manchmal schon fast brutal.
Ich habe versucht, mich in Situationen zu zeigen, die für mich maximal unangenehm waren. Das Bild von mir am Strand zum Beispiel: Ich wollte einfach sehen, wie das aussieht, wenn ich im Badeanzug zwischen meinen schlanken Freundinnen sitze.

Oder das Bild, auf dem man deine wund gescheuerten Oberschenkel sieht. Warum zeigst du das?
Einerseits ist das natürlich ein grotesker Anblick. Andererseits hat gerade dieser Körperausschnitt einer Frau doch auch etwas Sinn­liches: das raue Fleisch in diesem schummrigen Licht. Diese Ambivalenz interessiert mich.

Spielt Sex eine wichtige Rolle in deiner Arbeit?
Ich war 23 Jahre alt, als ich anfing, mich zu fotografieren, und hatte zu dem Zeitpunkt keinerlei Erfahrungen mit Männern gemacht. Heute bin ich 34 und sehe in den Bildern so viel Einsamkeit und vor allem Sehnsucht. Ich konnte mich niemandem öffnen. Deshalb beschloss ich irgendwann, meine Wünsche für die Kamera zu inszenieren, um wenigstens auf diese Weise zu erfahren, wie sich Nähe anfühlt – im Bett zu liegen und von einem Mann gehalten zu werden.

Das heißt, die Männer auf den Fotos waren nicht deine echten Partner.
Richtig. Das Bild im Bett habe ich mit meinem damaligen Mitbewohner gemacht, einem guten Freund. Die anderen waren Männer, die ich beim Ausgehen oder an der Uni getroffen hatte. Durch die Fotosessions konnte ich attraktive Männer dazu bringen, sich auf mich einzulassen. Das hätten sie ohne die Kamera nicht getan, weil ich so aussah, wie ich aussah.

Was hat sich seitdem geändert?
2011 war ich so weit, dass ich mein Leben ändern wollte. Ich habe eine Magenverkleinerung durchführen lassen und angefangen, mich gesünder zu ernähren, mich mehr zu bewegen. Innerhalb kürzester Zeit ist das Fett einfach weggeschmolzen, jetzt habe ich eine normale Figur. Ich habe vieles nachgeholt, was mir so lange gefehlt hat, gerade was Intimität mit Männern betrifft.

Was ist dir wichtiger: sich selbst zu ändern – oder die Sicht zu ändern, die andere auf einen haben?
Ich denke, es gibt Dicke, die sehr zufrieden mit sich sind. Für mich kommt es darauf an, einen Zugang zu mir selbst zu finden. Ich hatte ja bewusst die Fettleibigkeit als Lebensmodell gewählt, weil ich dachte, für mich käme nur in Frage, dick und unberührt zu sein. Jetzt lebe ich anders und verstehe zum ersten Mal, dass es mir auch wirklich gut gehen kann.

Im Frühjahr 2014 will Jen ein Bildband veröffentlichen. Um ihr Projekt zu unterstützen, könnt ihr ein limitiertes Selbstporträt von ihr erwerben.

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125 Antworten

Kommentare

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    Ach, ich fahr gleich hier ins Freibad

    04.08.2013, 11:00 von EliasRafael
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  • 2

    Mh mh. Also für mich persönlich haben die Bilder spontan keinen besonders künstlerischen Wert. Traurigkeit und Apathie sind erkennbar, aber vllt liegt's auch an dem nachträglich Inszenierten, dass das auf mich dennoch kaum eine emotionale Wirkung hat (nur mal so auch zu Tora bzgl. Geldscheffeln).

    Das Interview, aka die eigentlichen Intentionen dahinter fand ich aber sehr interessant und den Weg bewundernswert. Ob Sommerloch oder nicht - Interessanter Artikel - Gute Sache.

    02.08.2013, 10:50 von Juliie
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  • 13

    Ich finde es schlimm, dass solche Bilder mehr Mut erfordern müssen, als wenn jemand mit Normalgewicht sich so fotografiert.
    Eine Gesellschaft in der Kindern und Jugendlichen beigebracht wird, dass sie in Ordnung sind, so wie sie eben sind fände ich ja mal töfte.
    Der gesundheitliche Aspekt bei Übergewicht steht auf einem anderen Blatt, aber ich finde es ein Unding, dass sich dicke Leute oft weniger liebenswert oder sexy oder selbstsicherer fühlen, nur weil am Körper was wabbelt. Solange das Herz nicht wabbelt, ist doch alles im Lack.

    Ich kenne selber übrigens beide Seiten, ich war früher sehr schlank, nun bin ich dick. Und peng. Mir geht's heute besser denn je, weil ich gelernt habe mit mir selber umzugehen.
    Das war ein langer Prozess, und ich musste lernen, dass Selbstwertgefühl nichts unbedingt etwas mit dem Wert auf der Waage zu tun hat.

    02.08.2013, 08:45 von schimmern
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      voll mutig, so die Wahrheit abzubilden

      sorry, aber irgendwie mußte das jetzt sein.

      01.08.2013, 22:54 von Tanea
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      ich auch nicht, aber dein Kommentar hat mich einfach dazu gereizt, das mal in Verbindung zu stellen.

      01.08.2013, 23:01 von Tanea
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    • 1

      Die Wahrheit?
      Sowas gibt's?

      02.08.2013, 09:21 von sailor
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    • 0

      jaja, ich weiß.... die Sache hat nen Haken, aber das war quasi so ne Zwangshandlung für mich.... Klar Ansotica, bezieht sich nicht nur auf die Bilder, sondern wahrscheinlich auch auf das Interview. Wenne s kein Interview, sondern nur die Bilder gegeben hätte, dann wärs ne rundere Sache gewesen mit dem Vergleich..... trotzdem irgendwas an ihrem Kommentar hat mich "gezwungen" das zu machen...

      02.08.2013, 15:34 von Tanea
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    • 0

      Das Schöne ist ja, das es immer mehrere Wahrheiten gibt...

      02.08.2013, 20:15 von sailor
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    • 1

      Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Und umgekehrt...

      Wo is eichentlich mein FrasenSchwein?

      02.08.2013, 20:20 von sailor
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      Wahrscheinlich Herzverfettung...

      02.08.2013, 20:32 von sailor
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    • 2

      Das sehe ich auch so. Ob es jetzt losgelöst ist von irgendwelchen Super-Model-Diskussionen sei mal dahingestellt. Ich denke eher, es geht hier wirklich nur um ihre Auseinandersetzung mit ihr selbst. Mit ihrem Körper und daraus resultierenden Traurigkeit. 

      01.08.2013, 12:17 von See_Emm_Why_Kay
    • 1

      Ich habe losgelöst mit ausgelöst verwechselt.

      Also das was MisterGambit sagt. Ohne Beanstandungen

      01.08.2013, 12:37 von See_Emm_Why_Kay
    • 0

      ich habe auf deine Beteiligung gewartet, Gambit. Wie du so schön oben geschrieben hast, halfen die Fotos ihr auf den richtigen Weg. Vielleicht wirkten sie tatsächlich, wie eine Art Therapie, durch "spiegeln".

      Dass man heute mit Neuheiten bzw. Extremen Geld verdienen kann, ist jedem klar und bot sich als schöner Nebeneffekt ja gerade zu an. ;)

      01.08.2013, 14:46 von Tora
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    • 0

      wenn sie die Fotografien als Therapie gemacht hat, musste sie sich eh dazu überwinden - so oder so. Sie dann zu veröffentlich kostet noch mal Kraft, ja.


      Ich weiß auch nicht in welchem Ausmaß sie publik geworden ist mit diesem Thema, aber wir bekommen alle täglich Beispiele mit, die für Geld so einiges machen. Menschen sind so unterschiedlich.

      01.08.2013, 17:04 von Tora
    • 0

      Weise Worte.

      02.08.2013, 10:45 von .Elendstouristin.
    • 0

      mach' dich nur lustig.. ;)

      02.08.2013, 10:59 von Tora
    • 0

      mach' dich nur lustig.. ;)

      02.08.2013, 11:05 von Tora
    • 0

      Jetzt is' zu spät.

      02.08.2013, 11:08 von .Elendstouristin.
  • 1

    ich finde, die Frau sieht so unfassbar unglücklich aus auf den Bildern...das ist ja kaum auszuhalten...

    01.08.2013, 11:44 von Tanea
    • 0

      das stimmt. Man möchte sich neben sie auf's Bett setzen und ihr ein Tempotaschentuch reichen.

      01.08.2013, 14:47 von Tora
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  • 0

    die Aktion weckt in mir keine Sympathie, eine derartige Adipositas hat nix mehr mit Schönheitsidal zu tun sondern ist einfach nur ungesund für kreislauf, gelenke und stoffwechsel. Ausserdem sieht man über 11 jahre hinweg kaum eine Veränderung, die Bilder  könnten auch innerhalb von 3 Monaten entstanden sein.

    01.08.2013, 10:39 von rogerM
    • 2

      Da war doch nirgends von Schönheitsideal die Rede...

      01.08.2013, 11:36 von Schotter-Schorsch
    • 5

      Hä?


      die Aktion weckt in mir keine Sympathie
      ich glaube, du verstehst diese Aktion anders, als die Fotografin... ich sehe darin eine Art Selbsttherapie und eine Möglichkeit, sich auszudrücken.... ohne Maske, die einen sonst immer vor der Welt schützen soll.

      01.08.2013, 11:46 von Tanea
    • 3

      Aktionen, die nicht von vornherein eine Sympathieerregungsabsicht vermitteln, sind doch in Zeiten des Like-Buttons doch eh suspekt...
      Und werden in Zukunft nicht mehr verstanden werden (wenn das so weitergeht).

      Höööööh? Wie kann ich was liken, was ich nicht sympathisch finde... *buffer.overrun*

      02.08.2013, 15:10 von sailor
    • 0

      Sailor, der Kommentar hat mich gekillt - wird sofort geliked...

      03.08.2013, 10:57 von Dalek
    • 0

      Gefällt mir.

      03.08.2013, 11:59 von sailor
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  • 0

    mal abgesehen von den Diskussionen und Meinungen hier, würde ich gerne mal ein Foto von der Dame, in ihrer schlanken Figur sehen.

    01.08.2013, 10:23 von Tora
    • 3

      http://www.jendavisphoto.com/
      Da gibts ein paar aktuelle Bilder.

      01.08.2013, 11:37 von Schotter-Schorsch
    • 0

      Ich glaub' in ihrer "Hülle" steckt 'ne schöne Frau.

      Auf den Bildern sieht man, dass sie schon einiges durch ihr Obstfuttern und den Sex erreicht hat..
      und wenn sie in ihrer Wohlfühlfigur wieder lachen kann, erkennt man den schönen Menschen auch wieder. :)

      01.08.2013, 14:55 von Tora
    • 6

      Tora.... das  ist echt so oberflächlich, was du da von dir gibst. Und das schlimme daran finde ich ist, du meinst das echt so...

      01.08.2013, 19:40 von Tanea
    • 0

      du verstehst mich nicht, Tanea..

      ich beziehe das hauptsächlich auf ihr eigenes Unwohlgefühl. Irgendwie geht es aber hier auch um die Oberfläche - das ist nicht zu übersehen. Es geht um Übergewicht und Bilder und natürlich auch um andere Faktoren, die das umgeben.
      Ein Mensch wirkt nicht schön wenn er die Mundwinkel nur hängen lässt - und so ist sie doch auf all ihren Bildern zu sehen. Und ja, ich rede gerade über die objektive Schönheit.
      Auf nichts anderes wollte ich hinaus.
      Die subjektive stellte ich nie in Frage.

      01.08.2013, 20:04 von Tora
    • 2

      Irgendwie weiß ich nicht recht, was ich dazu schreiben soll...Das hört sich so an , als könnten Menschen, die traurig sind oder sich unwohl fühlen, nicht schön sein. Versteh ich nicht.

      Klar , hat ein Mensch mit einem Lachen im Gesicht viel mehr Ausstrahlung und wirkt sicherlich sympathischer und oder gar hübscher. Aber ich kenne mindestens doppelt so viele Bilder (auch hier auf NEON)  - da sitzt da n traurig,guckendes Mädel mit Konfektionsgröße 38 und langen blonden Haaren und die Kommentare sind da wie: "Die Augen sehen soooo tiefgründig aus, zum Verlieben""Das Bild ist ja ein wundervoller Schnapschuss" und all so'n Rotz.
      Ach , ich hör besser auf jetzt...

      01.08.2013, 22:48 von independentdreamer
    • 2

      diese Scheinheiligkeit kreischt geradezu! Arrrrrrrr......


      dann eben ganz direkt:

      Wer empfindet diese Frau auf ihren Fotos mit diesem leidenden Gesicht und ihrem starken Übergewicht als schön? von mir aus in welchem Sinne auch immer (subjektiv oder objektiv - ganz egal)

      01.08.2013, 23:05 von Tora
    • 0

      Viel wichtiger hingegen ist ihr Lebensgefühl, was sich ja nun wirklich verbessert hat. Wir sollten das Fass wirklich nicht zu weit öffnen, über das natürlich nun mal sehr oberflächliche und breitgefächerte Thema Schönheit. Diese ist auch nur relativ.

      01.08.2013, 23:17 von Tora
    • 3

      Wenn ich dir jetzt sagen würde, dass ich diese Frau als schön empfinde, so wie sie aussieht, aussah und , in dem was sie tut, würdest du mir eh nicht glauben und das ist auch okay.


      Ich finde einfach die Art und Weise wie du deine Meinung schreibst einfach sehr unglücklich formuliert.

      Bei deinem letzten Kommentar stimme ich dir aber zu.

      01.08.2013, 23:26 von independentdreamer
    • 5

      Ich bin doch eh die schönste Frau der Welt. Ende der Diskussion.

      02.08.2013, 02:35 von IceIceFriedhelm
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  • 2

    ich kann dazu nur sagen, dass ich die "Selbstporträts ohne mich", also die ohne ihr, nicht besser sind als die mit ihr. fotografie ist kunst, die egal wie man selber aussieht, einen entzücken oder nachhaltig beeindrucken soll...

    01.08.2013, 08:40 von SADandBEAUTIFUL
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