Sonja_Niemann 06.10.2004, 19:03 Uhr 0 1

Mehr Mo-ti-va-tioooon!

Es kann doch nicht so schwer sein: mit dem Rauchen aufhören, Sport machen, das Examen schreiben… Selbstmotivation ist eine Kunst, die man lernen kann.

Ein Pakt unter Freunden, drei Raucher und ein Nichtraucher. Die drei behaupteten: »Wir hören auf mit dem Qualmen. Schadet der Gesundheit, hätten wir schon längst machen sollen.« Ihr Freund hat gelacht: »Das schafft ihr nie. Aber wenn doch – dann fahren wir alle zusammen in den Süden, und ich bezahl die Flugtickets.«

Warum, verdammt, hat es nicht geklappt? Warum ist es so schwer, gute Vorsätze umzusetzen? Wie kann man sich motivieren – für die lästige Projektarbeit, für mehr Schwung im Beruf oder für die endgültig letzte Zigarette? »Anfangs hat unser Nichtraucherpakt etwas genutzt«, erzählt Johannes Korzus, einer der Aufhörwilligen, der an den milden Gruppenzwang geglaubt hat. »Man will nicht der Idiot sein, der seinen Freunden eine Reise vermasselt. Aber dann abends in der Kneipe oder in der Sonne, beim Kaffeetrinken … da gehören für mich Zigaretten dazu. Irgendwann bei einer Party hab ich gedacht: Was soll’s, ich bin 28, wenn ich Lust hab zu rauchen, dann rauche ich.« Seine Kumpels waren fast erleichtert, weil sie auch wieder anfangen konnten. »Irgendwann sollten wir aber wirklich aufhören …«, sagt Johannes und seufzt.

Die ewig guten Vorsätze: Ich sollte wirklich mal mit der Hausarbeit vorankommen, wirklich mal gezielt eine größere Wohnung suchen, mehr Sport treiben. »Ein Vorsatz, der mit ›Ich sollte vielleicht mal‹ beginnt, reicht nicht«, sagt der Motivationsforscher Prof. Falko Rheinberg von der Universität Potsdam. Für die Motivation ist entscheidend, dass man ehrlich beschlossen hat: »Ich will wirklich.« Nicht umsonst steht im Psychologiebuch: »Motivation ist eine milde Form der Besessenheit«.

Vielleicht quäle ich mich also mit der Hausarbeit ab, weil mich ohnehin mein Fach langweilt und ich nach dem Studium was anderes machen will? Oder ich suche die neue Wohnung für mich und meinen Freund nur halbherzig, weil ich insgeheim gar nicht mit ihm zusammenziehen will?

Motiviert sein ist keine Grundstimmung, motiviert ist man für etwas. Wer etwas macht, das er eigentlich nicht will, kann das nicht auf Dauer bringen. Klingt einleuchtend. Doch im wahren Leben ist dies der Grund, warum so viele Leute morgens mit hängenden Mundwinkeln in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder zur Uni sitzen.

Der Berliner Sven Waskönig hatte eigentlich geglaubt, das Richtige gefunden zu haben: »Geschichte hat mich immer besonders interessiert «, erzählt er. »Aber nach der Zwischenprüfung kam der ›Sicherheitsmensch‹ in mir durch: Ich fragte mich, was man mit einem Geschichtsstudium wohl werden kann.« Also hat er auf Jura umgeschwenkt. »Es war nicht so, dass es mich nicht interessiert hätte – aber es war schon sehr trocken. Ich hatte irgendwie immer das Gefühl, im falschen Zug zu sitzen, aber auch nicht aussteigen zu wollen, weil ich doch eine Fahrkarte gekauft hatte.« Die Examensvorbereitungen waren der Horror. Die Kommilitonen saßen täglich ab 8 Uhr in der Bibliothek, gingen abends noch eine Runde laufen, gönnten sich sonst aber keine Freizeit. »Als Protest dazu habe ich zu wenig gemacht und bin dann auch prompt durchgefallen«, sagt Sven.

Chefs vergeben Prämien für gute Mitarbeiter. Der Prof vergibt Noten für gute Prüfungen. Aber genügt das auch? Der Motivationstrainer Reinhard Sprenger glaubt, dass alle »extrinsische Motivation«, also Motivation »von außen«, seien es nun Geld, Lob oder gute Noten, niemals allein langfristig funktioniert. Man bleibe nur motiviert, wenn man selbstverantwortlich für seine Ziele arbeite. Und für Leute, die über ihr Leben jammern, hat er einen verblüffend einfachen Rat: »Love it, leave it or change it.«

Sven hat das getan: Er schrieb sich nach dem Jura-Debakel wieder für Geschichte ein und schaffte das Hauptstudium in Rekordzeit. Er hatte in der Zwischenzeit bereits als Regieassistent beim Fernsehen gearbeitet, den beruflichen Einstieg hätte er auch ohne Hochschulabschluss geschafft. Geschichte hat er schlicht studiert, weil er es wollte.

Der Idealfall: jeden Tag nur das zu machen, was einem Spaß macht. Wo man komplett in seiner Tätigkeit aufgeht. Eine selbst gesteckte Herausforderung unbedingt meistern will und dabei die Zeit wie auch alles andere um sich herum vergisst. »Flow« heißt das im Psycho-Jargon, und es ist recht nah am Glück. Leider erreicht man so etwas in der Realität nicht immer, selbst wenn man sein Leben so lebt, wie man will. Wer eine saubere Wohnung will, muss aufräumen, auch wenn er keine Lust hat. Wer davon träumt, Meeresbiologe vor den Galapagosinseln zu sein, kommt um die blöde Chemieprüfung nicht herum.

Und schließlich: Entscheidungen für etwas sind immer auch Entscheidungen gegen etwas anderes. Man will das Auslandsstudium, aber sich nicht so lange vom Freund trennen. Man will das Examen gut bestehen, aber nicht auf Freizeit verzichten. Wer hier nicht eindeutig entscheidet, was ihm im Moment wichtiger ist, kann gar nicht wirklich motiviert sein. »Das ambivalente Schwanken zwischen zwei nahezu gleichwertigen Zielen ist eine der gefährlichsten Lebensweisen überhaupt«, schreiben die Autoren Gerhard Huhn und Hendrik Backerra in ihrem Buch »Selbstmotivation«. »Man erreicht schlussendlich weder das eine noch das andere Ziel.« Wer weiß, was er will, wird dagegen alles unternehmen, um es irgendwie zu bekommen – und schafft es auch meist.

Johannes Rosenstein kann so eine Geschichte erzählen. Mit 15 hat er angefangen, Super-8-Filme zu drehen, mit 18 gewann er einen Förderpreis, ein Film von ihm lief im Bayerischen Fernsehen. Trotz des frühen Erfolgs wurde er dann aber bei Filmhochschulen abgelehnt, immer wieder. »Manchmal habe ich mich halbherzig gefragt, ob ich nicht doch was anderes machen sollte«, erzählt er. »Aber da war immer das Gefühl: Wenn ich das aufgebe, kann ich nicht mehr in den Spiegel schauen, weil ich nicht alles versucht habe.«

Nach der zwölften Ablehnung hatte er die Nase voll. Er hat sein theoretisch orientiertes Filmwissenschaftsstudium an der Uni fertig gemacht, das er vorher hatte schleifen lassen, und nebenbei taten sich plötzlich Möglichkeiten zum Drehen auf. Und als er sich dann ein dreizehntes Mal beworben hat, bei der HFF in München – da hat es endlich geklappt. »Weil ich nicht mehr aus jeder Pore geschwitzt habe, dass ich hier genommen werden muss, sondern es auch so schaffen kann«, sagt der 31-Jährige zufrieden.

Die Königsdisziplin der Selbstmotivation: ein Langzeitprojekt anzugehen und durchzuhalten. Klassiker sind die Standard-Silvestervorsätze: fitter werden, weniger rauchen, abnehmen – auch wenn das faulere innere Ich dagegenhält: »Och, dick kann doch auch ganz sexy sein. Und die paar Kippen, ich meine, man stirbt ja sowieso …« Fängt man dann mühsam an, siebenmal die Woche zu joggen und abends statt Bier eisern Apfelschorle zu trinken, kommt das faule Ich mit neuen Ausreden: »Es regnet, und du hast wirklich keine Zeit zu laufen. Marcs Geburtstag ist nur einmal im Jahr, da kannst du wirklich wieder Bier trinken, du Spaßbremse.« Flugs ist der gute Vorsatz vergessen, und man fühlt sich immer noch nicht besser. Die Berliner Psychologin und Karriereberaterin Helen Hannerfeldt sagt dazu: »Es ist schwierig, sein Leben zu ändern. Man muss sich fragen: Will ich weiter leiden oder mein Verhalten ändern? Aber Leiden ist einfacher als Handeln.«
Wer trotzdem handeln will, sollte einen kleinen Schritt nach dem anderen machen. Das dauert lange, führt aber zum Ziel.

Katrin V. hat mit 22 Jahren fast 90 Kilo gewogen – bei einer Größe von 1,66. »Vorher war ich auch nicht dünn«, erzählt sie. »Aber inzwischen habe ich mich wirklich unwohl gefühlt.« Eher widerwillig hat sie sich bei den Weight Watchers angemeldet. Die Gruppentreffen waren anfangs eine große Motivation, acht, neun Kilo waren recht schnell runter. »Dann ging aber gar nichts mehr; meine erste Euphorie war verflogen. Und natürlich gab es Rückschläge: Tage mit Frust und zu viel Pizza oder Pommes. Früher hätte ich dann alles hingeschmissen, aber diesmal dachte ich: Okay, du hast einmal gesündigt, aber morgen geht es weiter.« Katrins Ziel war es, in ein Kleid Größe 38 reinzupassen. Das hatte sie sich gekauft, als sie noch Größe 44 trug. »Als ich es dann nach anderthalb Jahren tatsächlich anziehen konnte – das war ein klasse Gefühl«, schwärmt die 28-Jährige.

Wer zu was motiviert ist, ist sehr individuell. Warum überwinden sich Leute, in Fernsehshows Kuhaugen zu essen? Warum laufen manche ohne Zwang Marathon bis an die Grenzen ihrer Gesundheit? Abgesehen von den Dingen, die wir tun, weil sie uns Spaß machen, gibt es laut Motivationsforschung drei Arten von Grundmotivationen, die unser Leben bestimmen: erstens die Leistungsmotivation – das ist der Drang, über sich hinauszuwachsen. Zweitens die Machtmotivation, das heißt grob gesagt, dass man etwas tut, um sich größer, bedeutsamer, stärker zu fühlen. Und drittens die Motivation, »sozialen Anschluss « zu erlangen, sprich: Freunde, Liebesund Sexualpartner zu gewinnen.

Ein Beispiel für extreme Leistungsmotivation ist Cordula Straub, 32, Weltmeisterin bei den Frauen im Pfahlsitzen. Insgesamt 184 Tage saß sie 2001 im Heidepark Soltau auf einem 2,50 Meter hohen Pfahl, Maße 40 x 60 cm, und verließ ihn nur alle zwei Stunden für zehn Minuten, um auf die Toilette zu gehen oder zu duschen. »Ich war damals die einzige Frau, die angetreten ist, und überall hörte ich: ›Die geht sicher als Erste‹«, erzählt Cordula. Das hat sie angestachelt: Sie wollte den Weltrekord der Frauen brechen, der bei 108 Tagen lag. »Nur wegen des Preisgelds kann man so etwas nicht machen, das reicht nicht als Motivation. Ich wollte meine persönlichen Grenzen kennen lernen.« Erst als im November die Temperaturen auf -10 Grad fielen, einigten sich Cordula und der letzte Mitstreiter darauf, gemeinsam vom Pfahl zu steigen.

Man muss das nicht verstehen: Motivation ist eben eine milde Form von Besessenheit. Aber manchmal, wenn es um die ganz eigenen Wünsche und Ziele im Leben geht – dann ist es wohl gar nicht so schlecht, ein wenig besessen davon zu sein.




Die besten Ausreden, etwas nicht zu tun … und wie man’s doch schafft.

»Ich habe so viel zu tun, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.«
Schreibe sechs Dinge auf, die du am nächsten Tag erledigen willst – zur Bank gehen, zwei Stunden lernen, Anne anrufen. Den wichtigsten Punkt versiehst du mit einer »Eins«, die »Zwei« bekommt die nächstwichtigste Sache usw. Am nächsten Tag fängst du mit der Nummer eins auf der Liste an und hörst nicht auf, bis du damit fertig bist. Dann kommt Nummer zwei. Selbst wenn du es nicht schaffst, die Liste an einem Tag abzuarbeiten – die wichtigsten Sachen sind erledigt.

»Ich würde gerne einen Roman schreiben. Aber mir fehlt die Zeit.«
Alles, was man tut, kann man mit zwei Attributen belegen: »Wichtig« und »Dringend«. Manches ist wichtig und dringend: Für eine Prüfung zu lernen – das vergisst man nicht. Anderes ist wichtig, aber nicht dringend: Ein Buch zu schreiben – so etwas lässt man oft liegen. Dann gibt es Dinge, die sind dringend, aber nicht wichtig, und man tut sie meist trotzdem – ein klingelndes Telefon abnehmen etwa, obwohl man gerade kaum Zeit hat.
Eine Liste lohnt sich! Faustregel: Was wichtig ist, muss erledigt werden. Was nur dringend ist, nicht. So gewinnt man Zeit für die vernachlässigte Kategorie »Wichtig und nicht dringend« (dazu gehört auch der Ausflug zum See).

»Ich würde gerne mit der Hausarbeit anfangen, aber vorher muss ich noch das Buch ›Hausarbeiten richtig schreiben‹ lesen – und das gibt es gerade nicht in der Bibliothek.«
Jemand hat mal gesagt, es ist besser, eine Sache nur zu 90 Prozent gut zu machen, anstatt sie zu 100 Prozent gar nicht zu machen. Perfektionismus ist lobenswert, aber nicht immer gut.


Gute Motivations-Bücher
Falko Rheinberg: »Motivation«, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 16 Euro
Marco von Münchhausen: »So zähmen Sie Ihren inneren Schweinehund!«,
Piper, München, 9,90 Euro

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