fantatierchen 26.04.2011, 01:32 Uhr 9 1

Me, myself and I

Wer bin ich? Diese Frage beschäftigt Menschen wahrscheinlich, seit es sie gibt, und die wenigsten finden eine Antwort auf sie.

And I don’t want the world to see me
Cause I don’t think that they’d understand
When everything’s made to be broken
I just want you to know who I am
[Iris, Goo Goo Dolls]

Wer bin ich?
Diese Frage beschäftigt Menschen wahrscheinlich, seit es sie gibt, und die wenigsten finden eine Antwort auf sie. Aber ist die Definition des Selbst nicht Grundvoraussetzung für das Leben mit sich selber? Freunde kann man sich aussuchen, aus dem Haus der Eltern kann man irgendwann ausziehen und ihnen so aus dem Weg gehen, aber vor sich selber kann man sich weder verstecken noch wegrennen. Egal, wohin ich gehe, ich komme immer mit. Die Beschäftigung mit der eigenen Person ist also notwendig und unausweichlich. Wie sollen andere mich kennen lernen, wenn ich mich selber nicht kenne? Und wie soll ich sie kennen lernen, wenn sogar ich selber, die Person, mit der ich am meiste Zeit verbringe, mir fremd bin?

Der Begriff des Ichs ist aber vielleicht auch gerade deshalb ein so vertrackter, weil er nicht gleichbleibend ist. Er ist abhängig von Raum und Zeit und dadurch dauernd der Veränderung unterworfen; wir machen Pläne unseres Ichs, erstellen Konstruktionen und Skizzen, nur um am Ende doch alles nach 5 Minuten, 10 Stunden oder einem Jahr zusammenzuknüllen und Richtung Papierkorb zu werfen. Wir fangen wieder von vorne an, ohne dabei zu merken, dass allein der Prozess der Planung uns vom vorherigen Anfangspunkt entfernt hat und ein von-vorne-anfangen somit gar nicht mehr möglich ist. Was an uns ist gleichbleibend, was ist fest? Gibt es einen harten Kern in uns, der unabhängig und gleichbleibend ist und dem dieser ganze Planungswirrwarr nichts anhaben kann? Eine Art „Essenz“, die uns zu dem Individuum macht, das wir sind – ein „Fingerabdruck“? Häufig sagen wir Dinge wie „Das bin nicht Ich“, „Das wollte ich eigentlich gar nicht“ oder „Ich würde viel lieber… ich mache aber…“ – all diese Sätze würden keinen Sinn ergeben, wenn es nicht zwischen dem, was wir tun, sagen oder was wir nach außen scheinen, und dem, was wir innerlich sind und immer sein werden, einen Unterschied gäbe.

Das Konstrukt der Sprache ist heutzutage so ausgereift, dass wir für alles mögliche neue Wörter erfinden können, sei es, indem wir völlige Wortneuschöpfungen tätigen, oder indem wir bestehende Begriffe neu zusammensetzen. Wieso gibt es eigentlich für das Wort „Ich“ keine Ausdifferenzierung? Hat man mit sich selber und seiner Eindeutigkeit ein Problem, ist man oft ein Fall für den Psychologen, der das ganze dann „Ich-Störung“, „multiple Persönlichkeit“ oder „Schizophrenie“ nennt. Derweil ist es völlig normal, ab und an nicht zu wissen, wer man eigentlich selber ist. Wie sollte man auch? So wie es lächerlich erscheint, mit Sprache über Sprache zu reflektieren, weil man durch das System schlecht etwas über das System sagen kann, erscheint es auch lächerlich, durch andauernde Selbstreflexion zu sich selbst zu finden. Weil ich mir selber immer einen Schritt voraus bin. Deshalb ist häufig Staunen angesagt, wenn man aus den Mündern anderer plötzlich Dinge über sich selber hört, die man selber so wahrscheinlich niemals festgestellt hätte. Aber sind die nun wahr oder unwahr? Wahr für die anderen, weil sie meine Person mit diesen Attributen definieren und verbinden, aber unwahr für mich, weil ich ihrer Aussage nicht zustimmen würde? Unwahr auch für sie, eben weil ich der Meinung bin, dass sie sich irren? Oder wahr für mich, weil mir die Distanz fehlt, um über mich selber urteilen zu können, und ich somit keine andere Wahl habe, als mich auf andere zu verlassen?

Diesbezüglich ist es interessant, dass wir uns eigentlich unser Leben lang nie selber sehen. Unseren Körper nehmen wir nur verkehrt herum im Spiegel wahr, leblos im Augenblick eingefangen auf Fotografien, verzerrt auf Videobändern. Das, was unsere „Seele“ mit der Außenwelt verbindet – unser Körper – ist ein Zwischenweltenwesen, das dem Ich so manches Mal den Riegel vorschiebt. Ja, im Geist sind wir frei. Nein, der Körper hat Reflexe, er möchte Essen und Trinken, bekommt Sonnenbrand und kümmert sich rein gar nicht darum, dass der Geist ihm das verbieten möchte. Er ist weltlich; der Anker, um den der Geist kreist. Er ist die Leinwand, auf dem sich die Gedanken projizieren. Er ist das große Aber für viele, die sich selber ganz anderes wahrnehmen und immer wieder erstaunt sind, wenn sie sich durch andere, Videos oder Tonaufnahmen gespiegelt fühlen. Das bin ich? Ich dachte immer, ich sei ganz anderes.

Es ist schade, dass man viel zu oft vorgeben muss, etwas zu sein, was man nicht ist. Und dass so wenige erkennen können, dass man lügt – häufig als letztes man selber. Weil man etwas sein möchte, was man nicht sein kann, warum auch immer. Weil man gerecht sein möchte, obwohl Ungerechtigkeit herrscht. Und dann erkennt, dass Gerechtigkeit viel zu oft mit gerecht gegenüber anderen verwechselt wird, weil man das andere „selbstgerecht“ nennt und negativ konnotiert. Muss man sich wirklich entscheiden zwischen gerecht dem Ich und gerecht den Anderen gegenüber? Und ist es gerecht, wenn man anderen Gutes tut, sich aber selber dafür einschränken muss und unglücklich darüber wird? Wer hat überhaupt behauptet, dass Gerechtigkeit glücklich macht? Und wenn es nicht glücklich macht – hat man dann das Recht, andere unglücklich zu machen, nur um selber glücklich zu sein? Oder sich unglücklich zu machen, damit andere glücklich sein können? Es gibt diese Augenblicke der Glückseligkeit, die man nie bereut, egal was man Schlechtes getan hat, um sie zu erreichen. Ist man deswegen ein schlechter Mensch? Oder gar böse? Sind wir dann nicht alle etwas böse, weil jeder glücklich sein möchte und nach Glückseligkeit strebt?

Ich spiegle mich in meinem Gegenüber wieder wie in einer Schaufensterscheibe und betrachte, was ich sehe. Ich gleiche es ab mit dem Bild, das vor meinem inneren Auge entsteht, wenn ich mich auf mich selber konzentriere. Selten stimmen beide Bilder überein. Vermutlich sind sie auch beide bloße Abbildungen von etwas, das wir nicht benennen können, weil wir uns ihm immer nur annähern. Wie Rilkes Panther drehen wir uns in unserem Käfig im Kreis, sind müde geworden vom vielen bestaunt werden und selber bestaunen. Und wie dieser Kreis kein Anfang und kein Ende hat, hat wohl auch die Frage der Menschen nach dem Ich weder das eine noch das andere.

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9 Antworten

Kommentare

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    Ich finde den Text und die Gedanken anspruchsvoll. Vielleicht sollten wir uns nicht so viele Gedanken um uns machen, sondern einfach "sein" und leben.
    Ich beneide manchmal Tiere, Hunde und Katzen. Sie sehen sich nicht im Spiegel, sie analysieren nicht ihr Verhalten, sie beurteilen nicht ihre Schönheit oder ihren Charakter. Sie sind einfach da und sind, wie sie sind. Sie selbst ganz und gar. Ein Kleinkind handelt nur kurze Zeit so reinen Herzens und naiv. Kaum bekommt es Feedback durch andere Menschen, setzt es sich schon in Szene. Wir Menschen sind einfach so vielfältig und facettenreich. Kaum zu packen und zu verstehen. Kompliziert und komplex - jeder von uns.
    Vielschichtig und geheimnisvoll.
    Vielleicht ist es schön, sich selbst ein Geheimnis zu bleiben. Vielleicht muss das so sein, damit man es bis zum letzten Atemzug mit sich selbst aushält.

    03.07.2011, 21:25 von Jackie_Grey
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    @ die autorin:
    ich finde deinen text lesenswert und er ist eine angenehme abwechslung vom neon-gefühlsschmus.

    wenn du jedoch meinst, jeder sei unermüdlich und prioritär auf der suche nach seinem „ich“ bist du auf dem holzweg
    reflektionen, wie du sie anstellst, sind einer privilegierten minderheit vorbehalten, die dazu zeit hat und nichts „besseres“ zu tun. .. geh raus und schau dich um und dann frag dich selber, wieviele menschen selbstreflektiert leben.. abgesehen von denen in deinem engeren bekannten- und diskussionskreis vllt

    davon ab ist der gedanke, dass mensch sich nicht den kopf darüber zerbrechen MUSS, wer er denn sei, sondern entspannt und mit selbstironischer distanz durchs leben gehen kann nicht abwegig
    mein persönliches bestreben, mich und meine motive ständig zu zerbröseln ist weniger als gering, eher nicht (mehr) vorhanden

    und wer oder was ein indiegirlie ist, misst sich btw nicht in lebensjahren.. tschuldigung, aber der beginn deines textes mit einem abgedroschenenm songzitat von den ggd tut deiner aussage keinen gefallen

    @ pam
    glück, ja.. feine sache das
    ist ja in den USA auch in den rang eines verfassungsmäßigen rechts erhoben.. pursuit of happiness
    es weiss aber nicht jeder, was ihn oder sie glücklich macht, die meisten meinen nur es zu wissen und rennen einer fata morgana nach der anderen hinterher um festzustellen, dass die oase nur eine illusion aus heißer luft war

    für die meisten menschen ist glück die abwesenheit von leiden und schmerzen und das ist schon verdammt viel.
    alles weitere sind sahnehäubchen

    01.05.2011, 10:36 von RedSonja
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      @RedSonja Nicht das Glück selbst, sondern das Streben nach Glück ist in der Verfassung beschrieben. Ein kleiner, aber wie ich finde bedeutender Unterschied... merkt der freundliche Klugscheißer von nebenan an...

      Ansonsten bin ich natürlich wie immer ganz deiner Meinung.
      ;)

      01.05.2011, 11:21 von sailor
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      @sailor wosde recht hast, seemann.. :o)


      _pursuit_ of happiness.. richtig!

      01.05.2011, 13:39 von RedSonja
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    »Hat man mit sich selber und seiner Eindeutigkeit ein Problem, ist man oft ein Fall für den Psychologen...«

    Da hab ich aufgehört zu lesen. Stand der Psychologie sind (wie ich mal gelesen habe) sieben "ichs", die in variablen Ausprägungen 'ihr Recht forden' und sich zu sowas wie 'Persönlichkeit' addieren.

    Ein 'Ich' ist in der Tat nicht statisch und jede Situation der Interpretation unterworfen. Weswegen ja das Selbstbild und das Fremdbild oft differieren. Allerdings muss man, wenn man so eine Diskrepanz feststellt, ja nicht zwingend zweifeln oder sein Selbstbild einem wie auch immer gearteten Fremdbild anpassen... sondern einfach sein Selbstbild deutlicher 'artikulieren'...

    :)

    01.05.2011, 09:26 von sailor
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    Yeah, call me "Indiegirlie"! xD

    Wunderbar. Und ich dachte immer, aus dem Alter sei ich längst raus. Danke, dass du mich eines besseren belehrt hast, vor allem, weil du mich so unsagbar gut kennst.

    Das Glück am Kapitalismus hängt, finde ich aber spannend. Stimm schon, irgendwie, von daher war's aus meiner Sicht ein qualifizierter Beitrag. Ich geh jetzt mal Indiemucke anschmeißen und nachdenken, haha...

    27.04.2011, 13:05 von fantatierchen
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      @Pametnjakovic Hach, das is wirklich dooooof, dass der blöde qtz immer alles puttmachen tut. Son schöner Text. Warum zerstört man sowas noch mit Kommentaren?

      26.04.2011, 22:54 von MaasJan
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      @Pametnjakovic Lies. Und Denk.

      26.04.2011, 18:19 von quatzat
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      @Pametnjakovic Frag dich doch einfach mal, ob diese Suche nach dem Glück wirklich so universell gültig und ursprünglichh ist.

      26.04.2011, 19:06 von quatzat
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      @quatzat "Ich hab Glück gehabt." "Ja, wo ist es denn hin?" "Weitergezogen, und es hat mir nur Unglück hinterlassen."

      26.04.2011, 19:13 von HendrikB
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      @Pametnjakovic Puha, du hast wohl ne Kapitalismusvergiftung, was?

      26.04.2011, 17:03 von quatzat

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

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