Me, myself and I
Ich bin die verzweifelte Königin des Pflichtbewusstseins, ohne Zepter, ohne Krone.
Ich sitze in einem warmen, schlecht belüfteten Zugabteil. Die Welt rauscht an mir vorbei - oder ich an ihr. Viel zu schnell, um einen einzelnen Punkt in der Landschaft zu fixieren. Es dämmert. Ich beobachte das Lichterspiel im Himmel, die dünnen Wolkenstreifen, die vor dem orangefarbenen Hintergrund rastlos ihre Form verändern.
Ich bin rastlos wie diese Wolken. Nur selten kann ich aufhören darüber nachzudenken, was noch alles zu erledigen ist. In den kleinen Momenten, in denen mir nichts anderes übrig bleibt als abzuwarten und nichts zu tun, hat mein Geist die Freiheit zu schweben. Wenn beim Versuch, den Text für das nächste Seminar vorzubereiten, die Buchstaben vor meinen Augen zu tanzen beginnen und ich das Papier nach weiteren fünf gescheiterten Versuchen, den Sinn des Gelesenen zu greifen, zur Seite legen muss. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, den Kopf auf die Hand zu stützen und einfach loszulassen. Dann geht einfach nicht mehr. Oder?
In diesen Momenten denke ich oft über mich nach. Über die Stellung, die ich mir selbst in meinem Leben einräume. Ich selbst - wer ist das eigentlich? Dauernd bin ich damit beschäftigt, Erwartungen zu erfüllen, alles in die richtigen Bahnen zu leiten und es in diesen zu führen. Aber wer entscheidet eigentlich über diese Bahnen, in denen mein Leben laufen soll? Wo ist das Ziel?
Unermüdlich, Tag für Tag, bin ich gefangen in der eigenen Maschinerie, die kaum ein Ausbrechen erlaubt und doch nur in meinem Kopf existiert. Niemand erwartet so viel von mir wie ich selbst. Deshalb gestehe ich mir die freie Zeit nicht zu. Ich zwinge mich selbst, zuerst die Pflichten zu erledigen, bevor ich mir erlaube, mich zu entspannen. Doch sind sie allgegenwärtig, verfolgen mich, greifen nach mir, in den wenigen Momenten, die ich mir zum Verschnaufen gönne. Es nimmt kein Ende, es gibt immer etwas zu tun. Ich bin nie zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. In den freien Augenblicken habe ich ein schlechtes Gewissen. Doch wem bin ich eigentlich etwas schuldig?
„Du musst dir auch mal etwas Freizeit gönnen“, höre ich eine gute Freundin so oft sagen. Sie hat recht, das weiß ich. Und wie gerne würde ich ihren Rat befolgen. Beim Versuch bemerke ich dann, dass ich unfähig geworden bin, mich gehen zu lassen und einfach zu vergessen, was morgen kommt. Ich bin die verzweifelte Königin des Pflichtbewusstseins, ohne Zepter, ohne Krone. Eine vermeintliche Tugend, vor der ich mich selbst vergesse.
Über all dies hinaus habe ich verlernt, mich zu belohnen. Dinge, auf die ich stolz sein könnte, Erreichtes worüber ich mich freuen müsste, entlocken mir meist nur eine kurze Euphorie. Der Wert, den ich mir selbst beimesse, treibt mich dazu, die eigene Leistung abzuwerten. Ich bin mein größter Kritiker.
Ich möchte meine Kraft dafür verwenden, mich selbst glücklich zu machen statt im alltäglichen Kampf gegen Windmühlen zu versuchen, die eigenen Erwartungen zu erfüllen. Einfach tun worauf ich Lust habe. Die Zukunft für kurze Zeit beiseite schieben und nur für den Moment leben. Die Augen schließen und die Gedanken freigeben... Vielleicht bin ich ein Opfer meiner Zeit, aber viel eher bin ich ein Opfer meiner selbst. Es sind die Mauern, die ich im Geiste selbst erschaffen habe und nun nicht mehr durchbrechen kann.
Die große Kunst ist es wohl, die Zwänge zu bekämpfen und der bemerkenswerteste Sieg ist es, den stärksten aller Gegner zu besiegen: sich selbst.





Kommentare
Du sprichst mir aus dem Herzen !...klingt wie ich...schön, dass ich nicht alleine bin damit ^^...--> bei hat es zum burnout geführt. der ewige anspruch an sich selbst. perfektionismus!---macht dich fertig auf dauer..das niveau kann keiner halten :(
10.07.2010, 14:53 von Majali86