AnnaEcke 30.11.-0001, 00:00 Uhr 9 16

Manche Wahrheiten gehören der Nacht.

Und es tut gut, sie nicht immer zu verschlafen.

Manche Frage-und-Antwort-Spielchen gehören der Nacht. Dann verlangt der Moment danach, angehalten oder zumindest gebremst zu werden, um zu fühlen was schwerer wiegt: Frage oder Antwort? Was kostet mehr Mut? Fragt man, weil man die Antwort nicht zu sagen wagt? Kann die Antwort falsch oder richtig sein? Manchmal braucht es weder ein Ja noch ein Nein. Und trotzdem will man fragen und antworten. Mit Ja oder Nein. Denn ist die Frage klar, soll die Antwort es doch bitte schön auch sein. Aber viel zu oft gibt es in der nächtlichen Dunkelkammer gar keine Antwort, die in ihrer Klarheit Klarheit verschafft. Es gibt nur ein Gefühl. Und das ist gut so.

Manche Vergangenheitsexplosionen gehören der Nacht. In schattiger Leere schreit die Erinnerung in Kopf und Herz laute Monologe. Man sitzt alleine in der ersten Reihe und hält still, hält aus. In diesen Nächten geht es nicht um Fragen oder Antworten und doch spielen die Wahrheiten ihre Rollen so gut wie man sie lässt. Wenn man sie lässt.

Manche Sehnsüchte gehören der Nacht. Dann findet man den Schneid, sich auf den Seelengrund zu folgen, um all das zuzulassen, was bei Tag zu kitschig, so rosa, zu groß, zu tief ist. Man reißt alle Realitätszäune ein und schenkt seinen Wünschen und Träumen eine Spielwiese zum Toben, die weiter ist als das Sehnsuchtsauge reicht. Auf dieser Wiese darf nachts die Wahrheit wachsen, die bei Tag dem Alltagslicht nicht standhalten kann. Man bewegt sich auf diesem rosaroten Grün voll warmer Geborgenheit, weil man weiß, dass, wenn die Nacht vorbei ist, der Alltag in persona die Realitätszäune wieder aufgerichtet haben wird und man wieder den Abstand wahren kann, den man braucht, um auf den grauem Asphalt zurückzukehren.

Manche Einsamkeiten gehören der Nacht. In der schwarzen Stille versinkt das Treiben, das bei Tag dafür sorgt, dass man sich nicht einsam, sondern höchstens mal allein fühlt. Diese Einsamkeiten rütteln mit mehr Ursächlichkeitsarmen an Herz, Verstand und Ego als man zählen kann oder mag. Aber wenn man den Schutz der Nacht nutzt, um sie zu zählen, dann kommt man der Wahrheit näher als einem vielleicht lieb sein kann. Es sind diese kalten Momente, die so viel Erkenntnis mit sich bringen, dass man manchmal Jahre braucht, um sie ans Tageslicht zu zerren, damit ihre Kälte von den Chancen zermürbt werden kann, die man sich viel zu häufig versagt.

Manch Nähe gehört der Nacht. Dann können sich die wahren Konturen der Ereignisse entfalten und gefühlte Herzensgrenzen sprengen bis die Berührung durch die Körper die Seelen hält und in Wahrheit wiegt. Geben und Nehmen löschen wie von selbst das „und“ zwischen sich aus und ermöglichen ein Fallen, das nur ein Zulassen nicht aber einen Aufprall zu kennen scheint. Diese Nähe lebt in Momenten, die fließen…bis zum Morgengrauen, wenn ein letztes Quäntchen Distanz sich ungefragt wieder in den Fluss mischt und mit seinem Pseudo-Sicherheits-Warndreieck seine gewohnte Stellung vor dem eigenen Herz bezieht. Vielleicht kann man am Morgen über dieses Absicherungsbedürfnis lächeln, aber man nickt ihm zu wie einem alten Bekannten.

Manches Risiko gehört der Nacht. Losgelöst von taghellen Routinerüstungen erkennt man, dass nur der, der gar nichts hat, nichts zu verlieren hat. Aber Herz und Kopf sind so voll, dass man glaubt, alles zu verlieren zu haben. Und dann schlägt in der Dunkelheit manchmal ein dumpfer, bebender Gong und man will riskieren, weil man es plötzlich nicht mehr aushält, nichts zu haben, was man verlieren könnte. In diesen Momenten liegt die Routinerüstung ganz unten im Schrank und man hat sie fast vergessen, weil der Mut zur Wahrheit einem doch sehr viel besser zu Gesicht und Herz steht.

Manche Wahrheiten gehören der Nacht. Und es tut gut, sie nicht immer zu verschlafen.

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    Dieser Text gefällt mir sehr.Dankeschön

    20.01.2012, 21:06 von frl.sommersprosse
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    toll.
    einfach nur schön.

    20.04.2008, 00:03 von miralii
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    Dankeschön, dass du die Magie die ich in und an Nächten finden aufschreiben kannst.

    02.03.2008, 05:36 von TTTT
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      @TTTT Da fällt mir noch ein:

      Je ne me souviens plus c'était tard dans la nuit, 
J'entend encore la voix, mais je ne vois plus les traits 
"Il vous aime, c'est secret, lui dites pas que j'vous l'ai dit" 
Tu vois quelqu'un m'a dit...

      02.03.2008, 15:16 von TTTT
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    Diesen Text werde ich wohl noch ein paarmal lesen müssen, um ihn 100% zu verstehen.

    Bis dahin empfehle ich ihn für seine kunstvolle Bildhaftigkeit und seine sehr wahren Wortfetzen, die ich bereits aufschnappte.

    27.02.2008, 18:51 von touchthesky
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    wunderschön in worte gekleidet ... wo darf ich unterschreiben?

    26.11.2007, 16:40 von ilofi
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