Manch einer.
Oder auch keiner. Denn Enden sind nicht immer auch Anfänge. Dazu fehlt ihnen manchmal der Mut.
Die Scheibenwischer kratzten und ächzten über die staubnassen Scheiben. Beißende Dunkelheit verschlang das rostige Blech, das sich über die Straßen zitterte, weg von Masselosigkeit, hinein in kühles Alleinsein. Das Licht der Scheinwerfer flimmerte erregt. Durchbeutelt von torpedieren Regen tastete es zärtlich über den löchrigen Asphalt.
Meine Lider tanzten bereits vor Müdigkeit. Aus meiner Nase tropfte nasskalte Brühe auf meinen nackten Oberschenkel, schlich zwischen Haaren und Narben über bleiche Haut, und sammelte sich schließlich unter mir. Mein Anus kitzelte. Meine Füße glühten. Ich trat stärker und beschleunigte. Das Schwarz schien dichter zu werden. Schlammig und bremsend. Wie ein Gedanke, der mit jedem Gedachtwerden schneller wächst. Und irgendwann alles frisst, was gegen ihn anrennt. Wie eine Mauer, die man vor sich herschiebt, und erst dann nachgibt, wenn der Abgrund erreicht ist. Wie Gift, das sich in jeder Faser festsetzt und langsam anfängt dem ganzen Wahn einen Sinn zu geben.
Der Motor hustete. Die Tanknadel stand kurz über der Hälfte. So wie immer. Draußen flüsterten Winde. Vierzehn Kilometer Richtung Osten. Und noch immer, gefangen im Nichts. Die Reifen trieben noch wenige Meter. Dann blieben wir stehen. Keine Flucht ist schneller als die Zeit.
Tränen und Schweiß pressten sich aus allen Kanälen. Vorrübergehendes Wohlgemutslächeln. Dann kamen die Krämpfe. Im Herz. Und im Kopf. Tickendes Gut. Schreiende Bomben. Fluten von Zweifel, Treibsand und hässlicher Angst. Ängstlicher Hass knabberte im Ohr.
Hastige Finger griffen nach dem kleinen Hebel. Verriegelungen lösten sich. Die Tür durchbrach eine jaulende Böe. Meine Füße bohrten sich in feuchtwarmen Boden. Eine laue Decke stehender Abgase legte sich um meine Knöchel. Beruhigte meine Knochen. Doch erhöhte den Takt.
Blut schoss ins Hirn. Augen quollen. Und Wimpern brachen im eisigen Wind. Aus meiner Nase tropfte noch immer zähflüssiger Trunk. Jetzt auch aus Ohren. Augen. Und Hand. Meine Zehen planschten im trüben Gemisch aus Regen und Leben. Aus Verlust. Und Verstand.
Alles schien still zu stehen. So vollkommen klischeebehaftet. Dunkelheit. Scheinwerferlicht. Und die letzten Atemzüge eines Unbekannten. Treibender Herzschlag, der immer noch zu flüchten versuchte, obwohl er sich doch gar nicht hätte beeilen müssen. Um meine Füße hatte sich eine Lache Gelatine gebildet, nasskalt, doch irgendwie lebenswarm. Meine Haut hatte sich jeglicher Farbe entledigt. Wie ein Stück Kreide stand ich da, dass sich langsam im Regen auflöst. Wehr- und regungslos. Starr. Gebannt. Vom eigenen Wahnsinn gefesselt.
Ich bin nicht anders als ihr. Hab da nur mehr Fantasie im Kopf. Lebendig und kunterbunt. Wie die kleinen runden Pillen, die ich Jahr für Jahr erst unter der Zunge, dann im Kopfkissen sammelte. Das knisternd knackende Geräusch erfüllte mich zusehends mit glücklicheren Herzschlägen. Das Träumen fiel mir nie schwer. Nur das Einschlafen. Und schweigen.
Manch einer sagt, wenn wir sterben, können wir alles Leben unseres Lebens noch einmal sehen. Jeden kleinsten Moment. Manch einer sagt, wir gehen durch einen Tunnel. Immerzu ins Licht. Manch einer sagt, keiner stirbt allein. Und manch einer sagt, man ist erst dann wirklich gestorben, wenn alle Erinnerung an einen ausgelöscht worden.
Ich wollte nie manch einer sein. Immer ich. Und ich wollte auch nie wie manch einer sterben.
Und jetzt stehe ich hier, und Leben tropft an mir herab. Und ich sehe nichts, außer diesen Moment. Eine Straße, in Dunkelheit, in waberndem Schwarz. Langsam erlöschende Lichtkegel, die mir einen Weg zu weisen scheinen. Ich bin allein. So wie ich es immer war. Weil ein jeder nicht einmal sich selbst kennt.






Kommentare
das kenne ich nur zugut:
danke, fürs erinnern. ich bin alles losgeworden:)
01.07.2012, 22:39 von zehnmomente