Mrs.McH 11.11.2012, 14:11 Uhr 26 9

'Lieben' natürlich nur im übertragenen Sinn, wie man eben Freunde liebt.

°1° Mrs.McPiiilcher schreibt.

„Das muss ein Missverständnis sein. Ich warte auf eine andere… Dame.“ Seine Augen huschten nur kurz verlegen über ihre, bevor sie sich dem offenbar viel interessanteren Boden zuwendeten, um dann sofort wieder suchend über den sich leerenden Bahnsteig zu streifen.


So kannte und so liebte sie ihn. 'Lieben' natürlich nur im übertragenen Sinn, wie man eben Freunde liebt. Sie schmunzelte und überlegte, wie lange sie ihn wohl hinhalten sollte. Sie war einigermaßen erstaunt, dass er davon ausging, dass sie nicht die Dame war, auf die er wartete. Sie war positiv überrascht von seiner Stimme und mochte deren Klangfarbe sofort.

„Auf welche Dame warten Sie denn?“ fragte sie ihn in einem herausfordernden Tonfall. Irritiert unterbrach er seine Suche kurz. „Auf eine Bekannte, eine Freu… Freundin.“

„Nun, offenbar ist sie nicht in diesem Zug gewesen. Sie wurden wahrscheinlich versetzt.“ antwortete sie ihm und deutete dabei auf den inzwischen fast gänzlich geleerten Bahnsteig. Jetzt schaute er ihr zum ersten Mal direkt in die Augen, seine Empörung über ihre Äußerung hatte ihn seine Scheu anscheinend vergessen lassen. „Es ist nicht sooo eine Verabredung!“  rief er entrüstet während er gleichzeitig sein Mobiltelefon hervorholte. Sie fand es niedlich, dass er ihre Aussage direkt so interpretierte, als würde sie denken, er habe ein Rendezvous versäumt.  „Ich muss sie irgendwie verpasst haben, sie schrieb mir gerade eben noch, dass der Zug gleich einfahren würde. Aber warum erzähle ich Ihnen das eigentlich?“ Er musterte sie noch einmal und sie glaubte in seinem Blick schüchterne Bewunderung und Bedauern zugleich zu erkennen. Er wandte sich ab und ging langsam Richtung Bahnhofshalle. Sie blieb wo sie war und beobachtete, wie er das Handy an sein Ohr hielt und offenbar seine vermisste Bekannte anrief. Er war überhaupt nicht ihr Typ, auch wenn er wirklich ein hübsches Kerlchen war, dessen er sich aber anscheinend nicht bewusst war.

Don’t stop me now, cause I’m having a good time, having a good time… dudelte es aus ihrer Manteltasche. Sie ignorierte es zunächst. Das Schauspiel, das sich ihr nun bot, war zu köstlich. Abrupt blieb er stehen, der Rücken kerzengerade erstarrt. Er blickte auf das Display und sie sah genau, wie er sich noch nicht entschließen konnte, sich zu der Quelle des Queen Klassikers umzudrehen. Sicher erinnerte er sich gerade an ihre Diskussion darüber, was Klingeltöne über den jeweiligen Menschen aussagen, der sich dafür entschieden hatte. Ihre Wahl hatte ihm gefallen. Obwohl er so gar nicht zu dem Menschen passte, den er im Hintergrund kennen gelernt hatte. Sie plagten oft Zweifel und ihr Selbstbewusstsein war meistens verschüttet unter zu vielen Gedanken und Hinterfragungen. Das merkte man ihr im Forum jedoch nicht an und so einigten sie sich darauf, dass ihr gewählter Klingelton zu der Show passte, die sie dort abzog. Ihrer Freundschaft wegen, hatte sie sich geweigert, einen Kommentar zu seinem Klingelton abzugeben.

Er drehte sich zu ihr um und blieb jedoch mit geschätzten 5,3 Millionen Fragezeichen im Gesicht einfach stehen. Er hatte sie schon oft genug gefoppt und sie hatte nicht vor, es ihm nun leicht zu machen. Sie schaute möglichst unbeteiligt, während sie ihr Handy hervorholte und mit hochgezogenen Augenbrauen auf das Display schaute. Dann drückte sie den Anrufer weg und packte das Telefon übertrieben kopfschüttelnd zurück in ihre Manteltasche.

„Ähm…“ Er sagte tatsächlich „ähm“ und sie musste sich sehr beherrschen, ihn nicht auszulachen. Stattdessen ging sie lächelnd auf ihn zu und fragte harmlos „Hätten Sie Lust einen Kaffee mit mir trinken zu gehen und mir die Stadt zu zeigen?“

~

Er konnte ihr nicht erklären, wieso er sich nicht hatte vorstellen können, dass sie diejenige war, auf welche er gewartet hatte. Er hätte ihr damit zwangsläufig ein Kompliment über ihr Äußeres gemacht und darin war er weder gut, noch wollte er das. Er war noch immer verwirrt, dass seine Internetfreundin eine solche Bombe war. 'Bombe' war nicht das Wort, welches er normalerweise wählen würde, doch ihm fiel gerade nichts besseres ein, als die Bezeichnung, die sein bester Freund immer gerne für sehr hübsche Frauen verwendete.

„Wir erkennen uns schon, wenn wir uns sehen.“ hatten sie per Email beschlossen und er war sich dessen wirklich sicher gewesen. Natürlich hatte er sie gesehen. Und sofort als Möglichkeit ausgeschlossen. Er fragte sich, was er denn überhaupt erwartet hatte. Da sie ihm aber nun, in sozusagen ganzer Pracht, gegenüber saß, konnte er das rückwirkend nicht mehr nachvollziehen. Sie war wirklich verdammt hübsch und ihre Reaktion auf sein Verhalten am Bahnsteig, passte zu ihrem Humor. So kannte und so liebte er sie. 'Lieben' natürlich nur im übertragenen Sinn, wie man eben Freunde liebt.

Sie hatten sich online in einem Debattierforum kennen gelernt und sich nach einigen Monaten angefreundet. Und obwohl er Freundschaften im Netz nicht überbewertete, stellte er plötzlich fest, dass sie ihm richtiggehend fehlte, wenn sie ein paar Tage nicht online war. Sie war tatsächlich ein kleiner Bestandteil seines Lebens geworden, er legte Wert auf ihre Meinung und genoss den Austausch mit ihr sehr. Er mochte, dass es zwischen ihnen alles gab, außer Flirterei. Diese Komponente gab es einfach nicht, sie beide waren nicht auf der Suche und ohnehin, mal mehr mal weniger, gebunden. Doch darüber tauschten sie sich nur wenig aus, andere Themen standen im Vordergrund ihrer Kommunikation.

Im Debattierforum hatten sie immer öfter ein Team gebildet, sie ergänzten sich perfekt. Sie bewunderte ihn für seine Analyse- und Argumentationsfähigkeit und emotionale Intelligenz, und er profitierte von ihrer sozialen Kompetenz und ihrem Einfühlungsvermögen, mit der sie besonders bei gesellschaftskritischen Themen seinen Standpunkt immer mal wieder auf die Probe stellte und ihm andere Perspektiven aufzeigte.

Sie hatten bis vor kurzem nie vorgehabt sich persönlich kennenzulernen, ihr Treffpunkt war das Internet. Der Forumsbetreiber hatte nun erstmals eine Livedebatte organisiert, welche zufällig in seinem Heimatort stattfinden sollte. Nach einigem Hin- und Her hatte es sich aber dann doch letztendlich, und auf eine gewisse Weise zwangsläufig, so ergeben, dass es nun zu diesem Besuch gekommen war. Sie wollten gemeinsam bei der „De-battle“ antreten.

Äußerlichkeiten waren ihm nicht sehr wichtig und im zwischenmenschlichen Miteinander auf jeden Fall zu vernachlässigen. Aber natürlich war er nicht blind und durchaus aufgeschlossen für nett anzusehende Menschen. 'Nett' wurde ihr jedoch nicht gerecht und es irritierte ihn, dass seine 'Schwester im Geiste' nun so, strahlend, warmherzig UND wunderschön anzusehen, daher kam. Er fühlte sich befangen, weil es ihm nicht recht gelang dies auszublenden. Es war schön zu sehen, wie sich der Schalk in ihrem Nacken, über den er online schon so viel lachen musste, in ihren Augen widerspiegelte. Vor ihm saß ein lebensechter Zwinkersmiley und er fand es einerseits großartig.

Andererseits ärgerte er sich über seine Oberflächlichkeit, die aus ihm einen Freund auf Abwegen machte. Falls sie das wahrnahm, konnte sie es gut überspielen. Das hatte es ihm im Laufe des Tages langsam ermöglicht, sie als das zu sehen, was sie für ihn bisher gewesen war und die äußere Schale einigermaßen zu ignorieren. Doch als sie nun nach einem anstrengenden Sightseeingtag, auf den er bestanden hatte, weil sie das erste Mal die Stadt besuchte, bei einer Flasche Wein zusammen in seiner Küche saßen, kam die Befangenheit zurück und er fragte sich zu allem Übel auch noch, wie sie ihn wohl fände. Als ob sie seine Gedanken lesen konnte, sagte sie plötzlich „Ich hatte mir ja insgeheim schon ein Bild von Dir gemacht. Aber nun bin ich doch etwas überrascht.“ Er wusste nicht, ob er hören wollte, was sie erwartet hatte. „Verdammte Erwartungen, oder?“ fügte sie nach.

Er grinste sie an und antwortete „Ja, verdammt! Ich hatte wahrscheinlich eine Schreckschraube erwartet und lag immerhin zu fünfzig Prozent richtig.“

~

Fortsetzung... folgt...

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26 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich mag den Text, auch wenn ich die Scheu des Protagonisten bezüglich der Komplimente nicht so recht nachvollziehen kann. Nun ja, mal schauen was Teil 2 bringt :)

    14.11.2012, 09:54 von Cyro
    • 0

      Der Protagonist ist ein eher tiefsinniger, nachdenklicher Mensch und findet Komplimente, die das Äußere eines Menschen betreffen fragwürdig, da es nichts ist, wofür der Mensch etwas beitragen kann. Außer sich zu pflegen usw., aber die generelle "Grundausstattung" betrachtet er als "Geschenk".

      14.11.2012, 09:58 von Mrs.McH
    • 0

      Verständlich, aber trotzdem stolpere ich darüber. Wenn ich Schönheit sehe habe ich trotzdem das Bedürfnis ein Kompliment zu machen. allerdings besteht dann die Gefahr, damit zu inflationär umzugehen, so dass Komplimente dann wertlos erscheinen.
      Aber die 50% Schreckschraube würden mir (nachdem Du die Protagonistin nicht nur äußerlich, sondern auch charakterlich das schön beschrieben hast) nicht über die Lippen kommen. Natürlich ist niemand perfekt, und möglicherweise zeigt sich das in den Fortsetzungen, aber zu diesem Zeitpunkt scheint mir dieses fragwürdige Kompliment grundlos zu sein.

      14.11.2012, 10:36 von Cyro
    • 0

      Bei der Schreckschraube kommt natürlich auch eine gewisse Verunsicherung und Selbstschutz ins Spiel.

      14.11.2012, 10:47 von Mrs.McH
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  • 0

    .. macht neugierig auf mehr

    12.11.2012, 10:27 von ilofi
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  • 0

    Dann bin ich ja mal gespannt, wie es weitergeht....

    12.11.2012, 09:36 von seiduselbst
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  • 0

    Toll geschrieben und die Idee "De-battle" finde ich super. Schonmal ein dickes Herz dafür.

    Für Pilcher ist aber definitiv zuwenig Landscape und Roma drin. Könnte eher der Auftakt zu einer netten Intellektuellen-Telenovela sein. :)

    Ja, wenn da nicht der letzte Absatz inklusive Link und Dein Status "Nichts ist, wie es scheint. Vergesst das nie." wäre. Mir schwant da ja Böses...

    Freu mich auf den nächsten Teil ;-)

    12.11.2012, 05:20 von Die.sass.da
    • 0

      JETZT haste Dir aber echt 'ne Watschen verdient :) Ausgerechnet diesen Text zu kommentieren... Aber hast recht, die Rosamunde macht das anders und auch der Standort müsste glaube ich Cornwall oder eine andere Grafschaft sein. Aber ich bin ja auch die Mrs.McPiiilcher, ich pflege meinen eigenen "Style". Danke fürs Lesen + Feedback:)

      12.11.2012, 10:59 von Mrs.McH
    • 0

      Ha! An die Watschen dachte ich auch, als ich den "Kommentar schreiben" - Button drückte! Und wenn ich das so lese, dann wäre die auch verdient. Ich sollte vor meiner ersten Kanne Kaffee nix kommentieren, wa? XD

      12.11.2012, 16:05 von Die.sass.da
    • 1

      Nachschlag ist da, Schnucki! Doch, DU darfst das, hast doch bei mir quasi Narrenfreiheit :)

      12.11.2012, 16:15 von Mrs.McH
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  • 0


    Vor ihm saß ein lebensechter Zwinkersmiley
    ;)

    11.11.2012, 20:24 von jetsam
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  • 0

    Haja, Frau Pilcher, interessant geschrieben. Ich kann nicht verleugnen, dass ich gespannt bin, wie es weitergeht. ;)

    11.11.2012, 19:58 von Juliie
    • 0

      Ich überlege gerade, ob ich diesen Text interaktiv gestalten und Leserwünsche berücksichtigen sollte... Mmh... ich denke, ich mache es hier mal so wie geplant, aber habe gerade eine nette Idee bekommen... höhö :) Danke Juliie fürs Feedback!

      12.11.2012, 11:02 von Mrs.McH
    • 0

      Yeah! Ich bin für baldige interaktive Texte!

      13.11.2012, 00:48 von Juliie
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  • 0

    50% ?

    11.11.2012, 19:37 von EliasRafael
    • 0

      Hat mich auch gewundert. Vielleicht ja auch nur ein Ausspruch, um die eigene Unsicherheit zu vertuschen?

      11.11.2012, 19:57 von Juliie
    • 0

      Ach, nur so, weil FrauPilcher mit gestern was von 150% vorgehalten hat!

      11.11.2012, 20:04 von EliasRafael
    • 1

      Bist halt schon so 150% Schreckschraube. :)

      11.11.2012, 20:15 von Juliie
    • 1

      eya!

      11.11.2012, 20:31 von EliasRafael
    • 0

      Ich weiß net mehr, was Du meinst EliasRafael, aber die 50% bezogen sich darauf, dass er einen Schreck bekam, als er schnallte, dass sie es ist. Bissl lahm, ich weiß, aber ich fand hier für den Abschluss nix passendes, war in Gedanken schon weiter.

      12.11.2012, 11:05 von Mrs.McH
    • 0

      Ich krieg auch immer einen Schreck, wenn ich merke, dass sich hinter solchen Profilen tatsächlich echte Menschen verbergen

      12.11.2012, 11:10 von EliasRafael
    • 0

      Ich denke, das ist Gewöhnungssache.

      12.11.2012, 11:12 von Mrs.McH
    • 0

      Stimmt, aber ich bekomme keine Alerts mehr bei deinen Antworten, daran will ich mich nicht gewöhnen müssen

      12.11.2012, 11:21 von EliasRafael
    • 0

      Ich könnte jedesmal in Deinem GB "Bescheid" sagen.

      12.11.2012, 11:24 von Mrs.McH
    • 0

      Dafür hab ich auch einen Alert bekommen, aber eben nicht für den Kommentar hier, aber wir schweifen von deinem Text ab...

      12.11.2012, 11:26 von EliasRafael
    • 0

      Ich glaube, da gibt es nix mehr zuzusagen. Ich übe gerade ein bisschen und es soll helfen 5 Texte pro Woche zu schreiben...

      12.11.2012, 11:31 von Mrs.McH
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