Fegefeuer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 23 23

Lieben, essen, spielen, Tod

Ich bin 22 Jahre alt und jetzt weiß ich wer der Tod ist. Er hat sich mir nicht persönlich vorgestellt, nett gegrüßt und seinen Namen hinterlassen.

Es war mehr so ein hören-sagen.
Ich hab ihn auch nicht gleich erkannt. Es war ja auch eigentlich nur ein Name. Ein Name auf einer Kreidetafel.
Eine Kreidetafel in der kleinen Kapelle, die, die so nett hergerichtet ist, mit den ganzen Blumen und Kerzen und so. Passt irgendwie ins Bild, die Tafel in der Mitte, die hohen Fenster im Hintergrund und der halbmondförmige Stuhlkreis rund um dieses grüne Ding auf dem der weiße, neblige Schatten erkennen lässt, dass schon unzählige Male nach dem abgenutzten Stückchen Kreide gegriffen wurde, um etwas für seine Mitmenschen zu hinterlassen.
Die Tür steht immer einen Spalt weit auf und eigentlich sieht alles aus wie immer: Tafel, Stühle, Kreide, Fenster, Teppich. Außer dem Namen. Der Name ist neu, wie er da so in weiß auf dem grünen Untergrund prangt. Helga Alphorn steht da, aber gemeint ist: Tod.
Ich hab nämlich nachgefragt. Hätte ich mir ja auch denken können in einem Hospiz. Ist ja quasi sein Hauptwohnsitz. Im Krankenhaus, da geht er zur Arbeit, im Verkehr, da macht er mal nen Ausflug, aber im Hospiz da wohnt er, der Tod.
Doch nur weil ich das weiß, heiß das noch nicht, dass ich ihn gleich erkannt hab. Er ist etwas scheu.
Ich habe von einem anderen Tod gehört, in anderen Ländern und Kulturen, der ist gar nicht so scheu. Über den reden die Menschen in und er wird gebührend gefeiert und ehrfürchtig empfangen, wenn er zur Arbeit geht.
Hier ist das  nicht so. Man erzählt sich von ihm, so ab und zu, aber irgendwie scheint er sich wohl unbeliebt gemacht zu haben, der Gute, denn mir hat ihn ja noch niemand vorgestellt und so richtig gesehen hab ich ihn auch noch nicht, mehr so das hören-sagen eben.

Aber jetzt war er da. Steht ja auf der Tafel. Schade irgendwie. Eigentlich sah die ja auch ganz nett aus, die Frau Alphorn. Wenn sie da vor der Tür in ihrem Rollstuhl und der lustigen Flickendecke saß, mit ihrer Selbstgedrehten im Mundwinkel. Das Rauchen der Gesundheit schadet ist ja dann auch irgendwie egal, wenn man den ganzen Bauch voller Tumore hat. Auch komisch, wie man seine Prioritäten ändert manchmal, den einen Tag, da ist die berufliche Selbstverwirklichung und der smarte Pilateslehrer das Einzige woran man denken kann und an einem anderen Tag, da freust du dir den Arsch ab, wenn du mit deinen weggefaulten Eingeweiden überhaupt noch in der Lage bist den Hintern in den Rollstuhl zu schwingen und Luft zu atmen. Einfach atmen. Augen zu, Schultern zurück und tief Luft holen, soviel wie die Lunge eben hergibt.

Naja, jetzt ist die Frau mit der Flickendecke eben weg und der Name steht da. Ich laufe die kleine Wendeltreppe hoch und bemerke, wie ich im Vorbeigehen auf die Tafel schiele. Sehr ordentlich geschrieben der Name. Ist ja auch irgendwie das Mindeste. Ich frage mich gerade, wer wohl Omas Namen dran schreiben wird. Die Praktikantin die ihr gestern den Tee gebracht hat? Na die Schwestern haben wohl auch andere Sorgen. Mir fällt gerade auf, dass ich ihren Namen  gar nicht auf der Tafel sehen werde, denn, sobald er dort steht, habe ich keinen Grund mehr hier hochlaufen. Auch irgendwie schade. Ist eigentlich schön hier. Wenn ich mal weiß, dass ich sterben muss, will ich hier, glaub ich, auch hin. Für mich wär´s gut. Ich könnte mir schließlich immer wünschen, was ich essen möchte. Grünkohl. Zack! Läuft einer los und holt mir Grünkohl. Hört sich fast verlockend an. Nur für meine Angehörigen ist das nicht so der Hit.
Seh ich ja jetzt bei uns. Palliativ ist halt auch so ein weitläufiger Begriff manchmal. Erst gehste einmal in der Woche mit der Omi spazieren und tratscht so über dies und das und plötzlich muss man dann Gott spielen.

Der hat wohl momentan Urlaub, sonst würd uns ja auch nicht täglich jemand fragen „ Magensonde, nein/ja? Tropf, Operation, lebenserhaltende Maßnahmen, Leben/ Tod? Noch ein Stückchen Kuchen?“

Als ich klein war, hab ich mal nen Vogel gefunden. Der sah ganz schön zerrupft aus, der Arme. Die paar Federn, die er noch hatte, die waren ganz verknickt und struppich und ganz schön abgemagert sah der auch aus. Und geschrien hat der. Ich hab ihn dann aufgehoben und in meine Jacke gewickelt und bin ganz schnell nach Hause gefahren mit meinem Fahrrad. Zu Hause hab ich Papa den Vogel gezeigt und der hat mir den abgenommen und gesagt: „Dem kann man nicht mehr helfen. Der quält sich doch nur.“ Papa ist dann in den Garten gegangen und hat den Spaten geholt. Zack-Vogel tot.

Heute geht das nicht. Mit dem Spaten. Obwohl die Oma sich ja auch quält, aber es kann ihr ja auch keiner nen Spaten auf den Kopf hauen. Ist ja irgendwie nicht human alles. Deswegen ist Mama jetzt Gott. Die entscheidet nämlich gerade welche Maßnahmen getroffen werden. Steht in der Patientenverfügung. Hab ich auch nachgefragt. Der Oma ist das nämlich egal. Fragt man sie, ob sie leben will, findet sie das gut, fragt man, ob sie sterben will, findet sie das auch gut und sagt man ihr, dass es Sauerkraut mit Stampfkartoffeln gibt, findet sie das ebenfalls gut.

 Seit sie im Hospiz ist und das Morphium kriegt, ist sie  wieder richtig aufgeblüht. Dafür, dass man sie bereits letzten Monat für tot erklärt hat, läuft se´ ganz ordentlich mit uns. Und essen tut sie auch. Auch wenn der Arzt sagt, das geht gar nicht, weil da ja der Krebs ist. Da kennt der aber die Oma nicht, die hat eigentlich nie das gemacht, was sie soll und der ist ja auch nicht Gott. Das ist ja die Mama und die ist im Moment ziemlich sauer. Weil die Oma jetzt doch nicht mehr laufen kann. Wegen der Thrombose. Wo die plötzlich herkommt? Fragen wir mal den Arzt, der Thrombosespritzen bei Hospizbewohnern für Überflüssig erklärt hat.

Ist halt blöd, weil ich der Oma ja jetzt versprochen hatte, dass ich sie Weihnachten zu uns hole und, dass es Stampfkartoffeln gibt, wenn sie Lust hat.
Lust hat sie, aber bis dahin hat die Praktikantin bestimmt schon den Namen an die Tafel geschrieben.

Naja. Vielleicht frag ich die Schwetstern, ob sie einfach morgen welche machen können. Heute ist nämlich schlecht, weil wir heute entscheiden müssen, ob die Thrombose behandelt werden soll. Der Arzt hat der Mama gesagt, dass man  die Chance auf einen humanen Tod nehmen würde.
Aha. Die Lungenembolie ist also humaner als der Spaten. Die Mama sieht das etwas anders, aber die wird ja auch schon ganz krank langsam. Ist ja auch anstrengend mit der Gott-Sache.

Als ich die Tür auf mache, sehe ich, dass meine Mutter geweint hat. Oma sieht das nicht, weil die ja fast blind ist. Aber die spürt sowas immer. Vor allem, wenn ich früher die Schule geschwänzt hab. Natürlich hat sie immer genau dann nach der Schule fragen müssen, wenn ich nicht da war. „Ich hab das im Urin“ hat sie dann immer gesagt. Im Urin hat die Oma im Moment vor allem Blut. Das wiederum weiß ich, weil ich dafür nur auf den Katheter schauen muss. Liegt an der Niere hat die Schwester gesagt. Schon komisch, dass die Mama jetzt plötzlich sogar den Katheter wechseln kann und sowas, obwohl die eigentlich so ne empfindliche Nase hat. „Man wächst an seinen Aufgaben“ hat die Oma auch mal gesagt. Ich schaue mich um und jetzt muss auch ich weinen. Jetzt verstehe ich die Leute. Kein Wunder, dass niemand gern übers Sterben redet, wenn´s so ne Scheißsache ist. Aber das ist doch meine Oma. Soll der sich ne eigene Oma suchen.
Er nimmt mir mein Herz. Mein Vertrauen, das Gefühl, dass die Welt in Ordnung ist.
Beständigkeit ist eine Illusion. Liebe vergänglich.

„Der Tod gehört zum Leben dazu“ auch so ne Weisheit auf die ich aber lieber verzichtet hätte. Und jetzt bin ich  22 und muss dann wohl erwachsen sein.

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23 Antworten

Kommentare

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    ich schliesse mich an. berührt.

    17.11.2009, 22:44 von Ozelotte
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    Ich finde es gut geschrieben,besonders die letzten beiden Abschnitte...
    Berührt auf jeden Fall, kann ja auch fast jeder nachvollziehen das ganze...natürlich kommen einem da beim lesen die tränen..

    26.10.2009, 17:19 von LilCookie
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    Traurig schön. Lässt mich wieder dran denken wie wenig zeit man doch mit den liebsten verbringt.

    24.10.2009, 21:36 von Arcadium
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    Leben heisst, Sterben zu lernen. Leben ist Sterben.

    20.10.2009, 09:57 von Narr
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    Das Thema hat mich auch erst vor kurzem eingeholt. Allerdings ist der Textstil nicht so meins...

    19.10.2009, 15:44 von Boosi
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    ich 'durfte' die bekanntschaft schon mit 19 machen. siehe 'mohnblumen zwischen den gleisen'. ist toll geschrieben, hatte besonders beim letzten absatz echt schon tränen in den augen, wohl weil ich immer genau das gleiche gedacht hab. viel erfolg und alles gute, dass es vielleicht doch etwas wird noch mit weihnachten und den stampfkartoffeln.

    19.10.2009, 11:05 von paleica
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    "in einem Hospiz. Ist ja quasi sein Hauptwohnsitz. Im Krankenhaus, da geht er zur Arbeit, im Verkehr, da macht er mal nen Ausflug, aber im Hospiz da wohnt er, der Tod."

    sehr, sehr gut getroffen.

    18.10.2009, 19:37 von strahlemaedchen
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      @[Benutzer gelöscht] ? Also mal ehrlich. Du liest diesen Artikel. Merkst, dass der Autor sich gerade mit dem Tod auseinandersetzt und ein Familienmitglied in den letzten Stunden begleitet und das erste, das dir dazu einfällt, ist mir mitzuteilen, dass ich ja vielleicht auch morgen sterbe? Man, das hat echt Größe!

      18.10.2009, 11:37 von Fegefeuer
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    Sehr schön beschrieben! Die letzten 2 Absätze haben mich an meine Großeltern denken lassen und ich habe mir das Gefühl vorgestellt, welches du haben musst... Und das ist doch der Sinn eines Artikels?!
    Hab Pipi inne Augen.

    Und wer hat als Kind eigentlich keinen Vogel gefunden, welcher sterben musste??!

    16.10.2009, 21:40 von Nina0311
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